Reiseliteratur: Max Rüdlinger: „Transamerikanische Velotour“ VI

von Max Rüdlinger Max Rüdlinger, *1949, ist Schauspieler und Autor. gepostet am 26. Oktober 2014

Guatemala ist kleinräumiger und um einiges ärmer als Mexiko. Anders als dort wird mir hier allerorten „Mister“ und „Gringo“ nachgerufen, was mir mächtig auf die Nerven geht. Frauen bedecken Mund und Nase und ergreifen die Flucht, um auch ja nichts von dem unreinen Gringo-Geist einzuatmen. Ab und zu wird mir Beifall zugeklatscht, wenn ich freihändig fahrend nach einem Bonbon in der Rückentasche von meinem Dress angle.

Ich pedale durch tief geschnittene Schluchten und Täler. Auf jedem einigermassen flachen Felsgestein Kürzel von politischen Parteien. Spitzenreiter sind URNG, die Guerilla-Bewegung, und die PSD mit der Nelke in der Faust. In einigen Dörfern stehen Zivile mit Gewehren rum. Vor Huehuetenango eine Strassensperre des Militärs.

Huehuetenango befindet sich auf 1'900 Meter. Quetzaltenango auf 2'300 Meter. Dazwischen muss ich auf etwa 3'000 Meter oben gewesen sein.

Erschöpft komme ich in Quetzaltenango an. Bizarre Vor-Oster-Prozession. Auf einem Aufsatz wird ein thronender Christ-König durch die Strassen getragen. Auf der Stiege zu seinem Thron erweisen ihm Englein die Referenz. Aus einer der Stufen ragt ein Arm, der eine Waage hält. Am Fuss der Stiege ein Mensch ohne Unterleib, in ein weiss-blau kariertes Hemd gewandet, mit einer ebensolchen Police-Mütze auf. Zu beiden Seiten des Aufsatzes Laternen, die richtig brennen. Der Szene wird ein Generator hinterher geschoben.

Ungefähr dreissig Personen tragen den Aufsatz und bewegen sich in quälend langsamem Wiegeschritt vorwärts. An jeder Ecke des Zocalo werden die Träger ausgewechselt. Der Hauptharst, die hinter Fahnen gescharten Cofradias, geht dem Christ-König voran. Chorknaben in ehemals weissen Kutten schwingen Weihrauchgefässe. Eine abenteuerlich tönende Blasmusik, in Sonntagsanzügen, hält absolut nichts vom Marschieren in Formation. Die Kragen der weissen Hemden wellen sich in allen Himmelsrichtungen. Einzig der Träger mit der Pauke auf dem Rücken ist dem Teufel vom Karren gefallen. Der Paukist läuft hinter ihm. Das Paar muss gut im Schritt harmonieren, sonst schlägt der Paukist in die Luft.

Im Parque Centroamericana hält ein Prediger eine Brandrede. In der linken Hand die Bibel in einer Lederschutzhülle, Zeigefinger zwischen den Seiten mit dem Zitat. Die Kunden auf den Thron-Stühlen der Schuhputzer neigen verlegen die Köpfe, wenn er Augenkontakt mit ihnen sucht. Von seinen rhetorischen Explosionen erreicht mich nur ein Funke: „Las tropas matan gente, las guerillas matan gente tambien.“ (Die Armee tötet, die Guerilla auch.)

Unmenschliche Anstiege in dünnluftige Berge, Holperstrassen, Abgasegift, ewiges Gehupe, Geschreie, Gerufe, Gepfeife und Gestarre nerven mich. Erhole mich bei Sturzfahrten in Schluchten, Ausblicken auf grandiose Vulkankegel und vor allem bei der unendlich langen Abfahrt zum Lago de Atitlàn.

In Panajachel traue ich meinen Augen kaum, als ich sehe, was sich dort innert vierzehn Jahren für ein Touristenbusiness entwickelt hat. Die ganze lange Calle de Santander runter zum Strand ein Textilienstand nach dem anderen, nebst Neckermann- und Kuoni-Hotelkästen.

Meine Nachfrage auf dem Touristenbüro, wie gefährlich die Strasse über Patzicio sei, ergibt: Es sei „un poco peligroso“. Ich habe gerade keine Lust, ein bisschen erschossen zu werden und wähle den Weg zurück auf die Panamericana.

Nachdem ich in Antigua Sehenswürdigkeiten abgeklappert habe, verbringe ich auf dem grossen Platz dortselbst einen Nachmittag mit süssem Nichtstun. Von einer Sitzbank aus sehe ich dem Leben und Treiben zu. Plötzlich beginnt die Erde zu beben. Komisches Gefühl, wenn man leicht eingedöst auf einer massiven Steinbank sitzt, und diese plötzlich zu wackeln beginnt.

In Guatemala-City mache ich mich zu Fuss auf die Suche nach der Stierkampf-Arena, in welcher eine Corrida stattfinden soll. Ich tipple kilometerlange Avenidas entlang, schwitze wie ein Bäckermeister, kämpfe mich durch riesige Baugruben und erreiche prompt um vier Uhr die auf meinem Stadtplan eingezeichnete Arena. Von einem Stierkampf aber weit und breit keine Spur. Dann eben nicht. Meilenweit latsche ich wieder „nach Hause“ zurück. Unterwegs torkeln die ersten Weekend-Schnapsleichen durch die Strassen. Andere geben sich, wo der Fusel sie gerade hingeschlagen hat, seligem Vergessen hin. Vor jedem einigermassen ansehnlichen Laden oder Haus steht ein General in Generalsuniform mit Schiessgewehr und hält Wache. Einen ertappe ich, wie er selbstvergessen mit dem Gewehr „Gitarre spielt“.

Von einem Hügelberg bei Guatemala-City sause ich runter Richtung Tropen und El Salvador. Während der Fahrt kann ich beobachten, wie sich die Vegetation ändert und sich zu Dschungel verüppigt.

Dann wieder einer der unvergesslichen Höhepunkte einer jeden Reise: ein Grenzübergang.

Zuerst einmal wird mein Gepäck gründlich gefilzt. Dann habe ich auf einem Fresszettel meine Personalien aufzuschreiben. Senor Velazquez will meine Fahrradpapiere sehen. Ohne Beleg, dass mir das Fahrrad gehöre, könne ich nicht in El Salvador einreisen. Langes hin und her. Schliesslich einigt er sich mit meinem Führer, dass mir infolge fehlender Fahrrad-Dokumente dreissig Colon abzuknöpfen seien. Die restlichen fünf Stempel habe ich relativ schnell beisammen, da mein Führer diese selber auf das Dokument knallt, da die entsprechenden Beamten gerade abwesend sind.

Nach gut einer Stunde bin ich wieder in drückendster Hitze am Bergaufmurxen. Der Schaumgummi-Einsatz meines Helmes vermag meine Schweissproduktion nicht mehr zu schlucken. Salzbäche laufen mir übers Gesicht und brennen in den Augen.

Von Zeit zu Zeit halten riesige Bäume Schattendächer über die Strasse, und ich bin jedem einzelnen zutiefst dankbar dafür. Noch zweimal wollen Bewaffnete meinen Pass sehen, doch es kommt zu keinen Kalamitäten mehr.

Bei der Einfahrt nach Santa Ana habe ich einen Bunker zu passieren, der jedoch unbesetzt ist. In den Strassen bewaffnete Uniformierte.

Erschlagen lege ich mich in einem stickigen Zimmerchen des Hotels Roosevelt aufs Bett. Der Deckenventilator fächelt mir ein wenig Linderung zu. An der gegenüberliegenden Wand ein Pferde-Gobelin: Ein Gehege mit Rössern, und eines davon säuft aus einem blauen Teich.

Um sieben Uhr ist in den stockdunklen Strassen des Städtchens niemand mehr unterwegs.

Am nächsten Tag auf einer Autobahn nach San Salvador. Auf dem Autobahnzubringer joggen erschreckend junge Krieger in Kompaniestärke.

Erst geht es dreissig Kilometer bergab und dann dreissig Kilometer bergauf. Die Tortur ist unsäglich: In der Tropenhitze werde ich von unaufhörlich rollendem Verkehr an den äussersten Strassenrand gedrängt. Schwarze Abgasschwaden wabern in der Luft. In dieser Hölle entlang der Autobahn wohnen Leute, in armseligen Behausungen. Darüber wie zum Hohn eine riesige Plakatwand: „American Airways en todas las ciudades en el mundo.“ (American Airways in allen Städten der Welt)

Pedale in Stadtnähe durch bitterste Armut. Weit und breit keine Signalisation. Nach vielem Fragen erreiche ich das Zentrum. Im Schatten der halbfertigen Kathedrale wird eine Kundgebung zum zwölften Jahrestag der Ermordung von Monsenor Romero vorbereitet.

Ich steige in einem Family-Guesthouse ab und latsche dann zum Camino Real die New York Times zu kaufen und eine Piña-Colada zu trinken. Jeder Schritt in der trümmerreichen Schmuddel-Stadt kommt mir vor wie in einer Fruchtpresse, die einem den letzten Saft aus den Poren treibt.

Fresse mich auch am nächsten Tag durch die von der Mittagshitze zu Kuchen gebackenen Abgasschwaden zum erneut zum Camino Real durch, um mich dort in der Stille, Kühle und Abgeschiedenheit des Luxuriösen mit Planters Punch und Suprema-Bier zu betrinken, so dass ich jede Zeile im International Miami Herald zweimal lesen muss. Als ich kein Bier mehr runterbringe, muss ich wohl oder übel wieder hinaus. Vom Alkohol wie in Watte gepackt, gehe ich auf Schaumgummipfaden jetzt schon zum vierten Mal innerhalb von zwei Tagen den gleichen Weg zwischen Camino Real und meiner Billig-Absteige.

Kurve anderntags um sechs mit nur einer Banane im Bauch aus der Stadt. Trotz der frühen Morgenstunde ist bereits die Hölle los. Vierzig Kilometer muss ich pedalen, bis ich es wagen kann, richtig einzuatmen. Es ist kühl und dunstig. Hinter San Vicente wird die Strasse jedoch schlechter und plötzlich ist es auch affenheiss. Rolling Hills ist ein totaler Euphemismus für Knochen schleifendes Terrain, das einem das letzte Quäntchen Kraft aus den Beinen presst.

In El Triunfo erhole ich mich ein wenig bei dem ersten kühlschrankkühlen Softdrink des Tages. Weisse Kühltruhen-Landrover der UNO zweigen in die Landschaft ab.

Nach ein paar weiteren Hügeln geht es bergab nach San Miguel. Es ist so heiss, dass mir der Kopf unter dem Sagex-Helm platzen will.

Im Tropical Inn belege ich ein de Luxe-Zimmer. Nach dem Spaghetti-Mittagessen und drei Bieren torkle ich zur Siesta in das fussballfeldgrosse Gemach.

Abends Tropical Night in dem Palmen bestandenen Swimmingpool-Innenhof. Die Band ist ebenso laut wie schlecht. Aufgetakelte mit expressionistischen Make-ups angetane Damen beäugen mich, dass ich kaum noch weiss wo hinschauen. Ich bin zu müde, um mich unter ihnen umzutun und überlasse es schnauzbärtigen, mit Goldkettchen behangenen UNO-Offiziers-Familienvätern, sich um sie zu kümmern. Um mich vor der dröhnenden Kapelle zu retten, verziehe ich mich zur Graham Greene-Lektüre in das Badezimmer, bevor ich trotz des Partylärms in dem tenniscourtgrossen Doppelbett verloren einschlafe.

Nach einem salvadorianischen Frühstück, Huevos, Frijoles, Crema und Platanos fritas, befinde ich mich wieder auf der Piste. Feinhäutige Zebu-Ochsen unter schwerem Joch bewegen sich, die Hörner wiegend, mit vorgereckter zur Erde niedergedrückter Schnauze, unendlich langsam vorwärts. Sie ziehen Zweiräder-Karren mit riesigen Vollholz-Rädern.

Nach vierzig Kilometern ist in Santa Rosa de Lima Feierabend. Ich steige im Hotel Florida für vier Franken fünfzig ab. Es ist heiss. Auch die dicke Directrice des Hotelchens mit der resoluten Bierstimme beklagt sich über die Hitze. Nachdem ihr das Mittagessen auf einem Tablett gebracht worden ist, und sie es runtergemampft hat, legt sie sich zur Siesta in die Hängematte. Das sieht aus wie eine Tonne Fleisch in einem Krannetz über dem Pier hängend.

Nach der Siesta kommen andere gewichtige Matronen auf Besuch, und ein fadenschlanker Campesino bringt einen Sack Tortilla-Mehl. Ich sitze bewegungslos im Schatten vor meinem Gemach und lese Graham Greene. Das blosse Liegen in meinem Backofenzimmerchen lässt mich in einem Schweissbade schwimmen.

Gegen fünf mache ich einen Spaziergang. Eine Voroster-Prozession bewegt sich im Ochsenkarrentempo mit Gesang und Gebet durch das Städtchen. Bei jedem Haus, wo ein Altar eingerichtet ist, wird angehalten. Die Tief-Gläubigen knien auf der Strasse. Immerhin haben sie kleine Kartondeckel bei sich. Der Dorftrottel beklebt die Andächtigen mit Scotchstreifen und amüsiert sich köstlich.

Ich überquere einen stinkenden Fluss, an welchem hässliche Hundeköter mit geknickten Ohren gebrochene Beine hinter sich herschleifen, und Zebukühe sich in Sonntagsanzügen tummeln. Auf den Wiesen mehr Eselscheisse und Ziegenböllchen als gelbe Grasstrüppchen. Ich steigeauf einen Hügel. Hügelberge soweit das Auge reicht. Schwarze Vögel fliegen auf, und ich bewundere, mit welcher Geschwindigkeit ein Hase den Berg hoch rennt.

Schlecht geschlafen, da ein geisteskranker Hahn die ganze Nacht hindurch krähte. Des Morgens meinte die Senora, er singe eben viel. Bereits um sechs in der Früh ist es ziemlich warm.

Am salvadorianischen Zoll keine Probleme. Beim Honduras-Zoll kläfft mich aber ein rechtsextremes Arschloch mit Goldbrille an, ob ich nach Nicaragua wolle. Nein, nach Costa-Rica beharre ich.

Nach sieben Stempeln für das Fahrrad und fünf Limpiar da und zehn Limpiar dort, bin ich durch und pedale auf einer billardglatten Asphaltpiste. Die Landschaft ist grau und braun. Vor Lehmhütten spielen nackte Kinder. Der Gegenwind ist feuerheiss. Mein Mund trocken wie der Sägemehlring eines Schwing- und Älplerfestes im August.

Ich rette mich in eine schummrige Bar, wo der erste Kunde des Tages schon den Boden unter den Füssen verloren hat. Schlucke zwei zuckrige Mineralwässer runter. Die Flüssigkeit tritt über die Poren gleich wieder aus.

In Choluteca finde ich ein schönes, ruhiges Hotel mit zwei grossen Innenhöfen. Die Lauben und Zimmer sind türkisfarben gestrichen. Treffe auf ein deutsches Paar, das hier auf zwei schweren Motorrädern mit einem Schlüsselbeinbruch des Mannes gestrandet ist.

Den ganzen Nachmittag mit den beiden Deutschen in der Hotellaube verquatscht. Dazwischen kommt Ruben, der Bernd bei seinem Unfall von der Strasse aufgelesen hat, mit seinem Onkel vorbei. Der Besuch erweist sehr viel Sitzleder, und wir radebrechen Spanisch bis zur Erschöpfung.

Die Wäschefrau kommt mit ihrem kleinen Jungen ins Hotel. Der Junge ist sehr aufgeweckt und schlägt ununterbrochen das Rad.

Und wieder steht früh am Morgen ein Grenzübertritt an. Der Abgang aus Honduras bietet keine Probleme. Der Guia ist mit fünf Limpiar zufrieden. Dann habe ich mein Rad, da die Brücke gesprengt worden ist, durch ein steiniges Flussbett zu schieben. Die Nica-Zöllner bekunden beim Anblick eines kurzbehosten Velo-Touristen viel gutmütige Heiterkeit. Die fünf Stempel habe ich mit Hilfe eines Guia schnell beisammen, und nach einer Stunde bin ich bereits wieder unterwegs.

Mittlerweile hat sich die Sonne warm geschienen. Hechelnd suchen Hunde die Schatten der Sträucher auf. Keine Menschen, kaum Autos. Fabriken „en el propriedad del pueblo“ (im Besitz des Volkes) gammeln vor sich hin, da der Besitzer, ein Abstraktum, sich nie gezeigt hat.

An Bananen- und Baumwollfeldern vorbeiradelnd denke ich an nichts anderes als Tranksame. Getränke jeglicher Art stehen vor meinem geistigen Auge, und ich muss mich zusammenreissen, um nicht danach greifen zu wollen. Ich spähe ich nach Tiendas mit Kühltruhen aus, in welche ich reinstolpere, um chemiefarbene, zuckerklebrige Mineralwässer in meinen ausgedörrten Rachen zu schütten.

Nach hundertzwanzig Kilometern gelange ich nach Chinandenga, fahre aber irgendwie an dem Ort vorbei und trampe am Rande der Erschöpfung noch neununddreissig Kilometer weiter nach Leon.

In dem dortigen Spital erkundige ich mich nach einer Bekannten, die hier ein Praktikum absolvieren soll. Es will jedoch niemand was von ihr wissen.

Die Stadt ist armselig und heruntergekommen. Die Leute machen einen lustlosen und verpennten Eindruck. In Restaurants bekomme ich nichts als „no hay“ (gibt es nicht) zu hören. Am Bahnhof stehen welke, ausgemergelte Mähren in der sengenden Mittagssonne vor abenteuerlichen Karren mit zum Teil ironischen Aufschriften wie Toyota gespannt. Die Nicaraguaner bezahlen es teuer, dass sie ein Unrechtsregime zum Teufel gejagt haben. Der Krieg, der von den Amerikanern geschürte Bruderzwist und das US-Wirtschaftsembargo bluten das Land aus. Konservative Kreise machen aber auch die Misswirtschaft der von ihnen als totalitär denunzierten Sandinisten für die Misere verantwortlich.

Nachmittags auf der Suche nach einer Strassenkarte, werde ich hinterrücks von einer Frau angefallen, was relativ selten geschieht. Es ist Carryn. Am kommenden Montag fliegt sie nach Europa zurück.

Ich ziehe in das Haus von Carryn und ihren Wohngenossen. Eine schmuddelige Angelegenheit aus Holz. In einem kleinen Innenhof wachsen Bananenstauden. Ich logiere auf der Laube, wo es am kühlsten ist.

Abends Abschiedsparty mit Ärztekollegen. Diese bestreiten den Abend mit Reden, Gedichten und viel revolutionsromantischem Gesang zur Klampfe. Es handelt sich bei ihnen um Kämpen der Revolution. Befeuert vom Alkohol gibt es hitzige Diskussionen um Lokalismus und Universalismus. Ich bin der hombre con la bicicletta, eine Art Jahrmarktssensation, wie die Frau ohne Unterleib.

Die Nicas bechern, was die Flaschen hergeben. Das Essen rühren sie kaum an. Sie sollen sehr schnäderfrässig sein und sich kaum an dem verlustieren, was unsereinem schmeckt. Sie sind fröhlich und ausgelassen, trotzdem die Lage des Landes elender ist, als je zuvor.

Den ganzen nächsten Tag sitze ich ohne mich zu rühren in dem grossen Schattenhaus. Alle Leute sind ausgeflogen. Nur die Haushälterin walkt Wäsche in einem steinernen Trog.

Abends erzählt mir Siegfried im Restaurant La Cueva von den Placebo-Behandlungen im Spital. Es fehle dort an Instrumenten, Medikamenten und grundlegendstem Versorgungsmaterial. Da die Ärzte hier gar nichts haben, mit dem sie herumhantieren oder das sie verabreichen könnten, bleibe ihnen nichts anderes übrig, als die Selbstheilungskräfte der Natur zu entdecken und diese mit ein wenig medizinmännischem Ritual und Hokuspokus zu fördern. Schon der Eintritt in das Krankenhaus, die Anerkennung als Kranker, stelle eine Erleichterung für den Patienten dar, ganz zu schweigen davon, dass der Arzt dem Kranken Aufmerksamkeit zukommen lasse. Das grösste aber sei die möglichst schmerzhafte Applikation einer Spritze mit Zuckerwasserlösung, denn was schmerze, müsse auch was bewirken. Matthias bezeichnet sich, ich traue meinen Ohren kaum, als Verwalter von Selbstheilungsprozessen. Ohne den Willen des Patienten gesund zu werden, könne auch der ausgebildetste Arzt mit der fortgeschrittensten Technologie nichts ausrichten.

In Nicaragua entdecken technokratisch ausgebildete Aerzte mit progressivem Credo, was sie sich nie hätten träumen lassen, nämlich, ihr Lourdes.

Komme mit Désirée, einer Holländerin ins Gespräch, die sich seit sechs Jahren in Nicaragua aufhält und als Koordinatorin von holländischen Entwicklungsprojekten arbeitet. Zuvor hat sie in Utrecht in einem Krakerhaus ein Filmhuis programmiert. Sie mag sich an Füürland und an die zu grosse Brille, die ich damals trug, erinnern.

Und wieder ruft die Landstrasse. Rinnen muss der Schweiss. Managua hält mich nicht, Masaya auch nicht. In Riva steige ich in einem Hotel ab, das alles hat, was einen ruhebedürftigen Reisenden an die Decke gehen lässt: Moskitos, Papageien und dauerlaufende Television im Vestibül.

Herrenlose Pferde streunen in der Stadt rum. Auf der Hauptstrasse hat es in dem Grünstreifen in der Mitte kleine rotschwarze Betonsockel mit den Namen sandinistischer Kriegsheroen.

Das Restaurant La Ilusion hätte einen Preis für seinen Namen verdient. „Weglein in den Himmel“ ist auch nicht schlecht.

Beim Zoll langwieriges Prozedere. Endlich kontrolliert der Inspector de Salida mit seinem in ein Bananenblatt eingerollten Znüni in der Hand mein Fahrrad und ich kann losdüsen.

In dem Niemandsland zwischen Costa Rica und Nicaragua verliere ich beinahe die Hoffnung, jemals nach Costa Rica zu gelangen. Der Abstand, den diese beiden Staaten zwischen sich gelegt haben, ist ziemlich gross.

Beim Tico-Zoll wird mein Rad wie die Lastwagenkolosse mit einem Desinfektionsmittel besprüht. Wieder einmal sollte ich meine Fahrraddokumente zeigen. Immerhin habe ich ein Nummernschild, wofür wir Schweizer allerorten belächelt werden, aber hier ist es gefragt.

Schweissüberströmt fahre ich bis zur ersten Stadt nach der Grenze: La Cruz. Dort habe ich keine Kraft mehr weiterzufahren. Nach einer Verschnaufpause bei einem Bier beschliesse ich, mich auf vier Rädern in die Hauptstadt San José transportieren zu lassen.

In San José tappe ich in eine Reiseagentur, in welcher ein Poster mit den Staubbachfällen hängt. Mir kommen die Tränen. Ich kann nicht mehr. Flugs buche ich einen Flug über Curaçao und Amsterdam nach Zürich. Wie ich mich nach Schneebergen und grünen Matten sehne.

Quellen zum Text:

Transamerikanische Velotour ist das vierzehnte Kapitel des Bandes Das Recht auf Memoiren, der 2007 bei Zytglogge erschien. Auf ZollfreilagerZollfreilager, ein Internetmagazin der Plattform Kulturpublizistik der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), ist seit dem 7. Juli 2014 öffentlich. Zollfreilager wirft in journalistischen, reflektierenden und künstlerisch-experimentellen Formaten Schlaglichter auf Phänomene rundum Kultur, Kunst und Migration. Zu den Beitragenden gehören Studierende und Dozierende des Master Kulturpublizistik der ZHdK sowie ein Netz von Korrespondentinnen, Mittätern und Komplizinnen aus allen Kontinenten und Disziplinen. erscheint es im September und Oktober 2014 in insgesamt 6 Folgen.
© Max Rüdlinger