Reiseliteratur: Max Rüdlinger: „Transamerikanische Velotour“ V

von Max Rüdlinger Max Rüdlinger, *1949, ist Schauspieler und Autor. gepostet am 12. Oktober 2014

Pflüge auf der Division del Norte durch 12’000 Tonnen Luftverschmutzung gen Süden. Zirka einhundert Ampelanlagen versuchen mich auf meiner Flucht aus der Stadt zurückzuhalten. Nach zwei Stunden habe ich das Schlimmste hinter mir. Ich steige in die Sierra Juchitepec und in diejenige von Tepoztlan auf. Doch wo es raufgeht, geht es früher oder später auch wieder runter. Das ist ein Gesetz. Und je weiter ich runterfahre, umso heisser wird es. Komme mir wie ein Laib Brot vor, der langsam in einen Backofen geschoben wird.

Belämmert torkle ich in Cautla durch den Markt. Hokuspokus-Zauberer ziehen Bauklötze staunenden Dörflern Batzen aus dem Sack. Ein Magus kniet mit verbundenen Augen und einer Schlange um den Hals auf dem Boden und errät die Farben von Hemden, Schuhen etc., auf die sein Kompagnon zeigt.

Als ich aus Izucar de Matamoros wegfahre, bin ich angriffiger Radlerlaune. Die Landschaft ist schön, die Vegetation vielgestaltig. Ganze Wälder von Kaktus-Telefonstangen, zwei bis drei Meter hoch. Mitten in der Euphorie fange ich einen Nagel ein. Reifenpanne Nummer acht.

Die Hitze ist zum Fressen dick. Ich könnte mit dem Maul danach schnappen, wenn ich die Kraft dazu aufbrächte. Um drei Uhr ist es am heissesten. Das ist auch die Zeit, in welcher die Mexikaner das Mittagsmahl einnehmen.

Des Abends sitze ich einsam auf dem Zocalo von Acatlan inmitten eines munteren Treibens und wundere mich, was mich hierher verschlagen hat.

Anderntags pedale ich über sonnenversengte Hügelgebirge, vorbei an Palmen, Kakteen, magentarot glühenden Bougainvillea, stechend roten Ausbrüchen der Poinsettie. Hie und da ein staubiges, verschlafenes Dörfchen mit fantastischen Kirchtürmen. Die Sonne röstet meine Haut, die tiefbraun von der zweimonatigen Reise dennoch brennt.

Das Terrain bricht mir die Knochen. Es geht unablässig auf und ab. Immer wenn ich glaube auf einer Hügelkuppe zu der erlösenden Abfahrt nach Huajuapan ansetzen zu können, eröffnet sich eine neue Senke. Ich schreie vor Verzweiflung. Doch das nützt nicht viel, konzentrieren hilft schon eher. Ich hefte meinen Blick auf das Vorderrad, versuche die unendlich lange Bergauf-Rampe nicht zu sehen und an nichts zu denken. So bin ich relativ schnell oben, und dann geht es wieder runter und wieder rauf und wieder runter.

Um ein Uhr komme ich völlig ausgelaugt in Huajuapan an und sinke auf dem Zocalo auf eine Bank. Ich bin völlig down, aber noch nicht out. Brauche Zeit, um mich an das neue Klima anzupassen. Seit ich von Mexiko-City weggefahren bin, ist es so heiss wie nie zuvor auf dieser Reise.

Um sieben wird es dunkel. Die Vögel kehren von den Tagesgeschäften in ihr Domizil in den Zocalo-Bäumen zurück. Sie zwitschern und zwatschern, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht, geschweige denn, was sich die Herren unter den Cowboy-Hüten zu sagen haben, während ihnen die Schuhputzer die Stiefel polieren. Alle fünf Minuten kommt ein Junge mit Chiclets, Tipo Americano, für siebenhundert Pesos pro Päckchen, vorbei. Es wird für die Frühjahreskönigin der Primarschule gesammelt, und alte Männer mit bunten Sträussen staubiger Ballone ziehen klapperndes Blech-Spielzeug hinter sich her.

Mörderisches Pedalen anderntags durch eine beeindruckende Berglandschaft. In Tamazulapan, einem gottverlassenen, staubigen Kaff halte ich Rast. Der Dorfplatz ist so gross wie der Bundesplatz in Bern. Mache im Schatten des Benito-Juarez-Denkmals ein Nickerchen. Dann mit Todesverachtung über den nächsten Berg. Bei der Abfahrt wechselt das Landschaftsbild. Plötzlich ist alles rot: die Erde, die Berge, die Kirchen.

Nochixtlan ist ein ziemliches Nest. Immerhin hat es einen schönen Zocalo und eine über ihm thronende imposante Kirche.

Im Restaurant Rossy bin ich der einzige Gast. Eine Riege von Mädchen schaut hingerissen TV-Vorabendschmalz. Zwei Hunde wechseln unentwegt zwischen Küche und offenem Eingang, um an beiden Fronten nichts zu verpassen. Mein Mahl besteht aus Sopa de arroz und Pollo. Die Suppe kommt ohne Wasser, dafür mit Reis, was bedeutend besser ist als umgekehrt. Das Hauptgericht besteht aus 1 gelben Schenkel eines eindeutig magersüchtigen Huhnes. Hungrig gehe ich zu Bette.

Der Himmel ist bedeckt, als ich im klein gekammerten oaxacanischen Bergland unterwegs bin. Zum Glück, meine Haut wäre sonst verkohlt. Die Abfahrt nach Oaxaca ist extrem lange. Welche Wohltat die strapazierten Muskeln im lauen Fahrtwind zu baden.

In der Ebene umfängt mich eine Hitze, dass ich mir wie in eine Watteschachtel gepackt vorkomme. Auf einem schmalen, von der Hitze tiefschwarzen, holprigen Asphaltband presche ich in grossem Tempo am äussersten Strassenrand gen Oaxaca, während Lastwagen hupend und tutend an mir vorbeidonnern und schwarze Abgaswolken aus ihren Motorenaftern lassen.

Oaxaca ist immer noch auf 1'525 Metern ü.M. wie ich daselbst mit Erstaunen feststelle.

Nach meinen eigenen Leiden erleide ich flachliegend und mit dem grössten Vergnügen auch noch diejenigen Graham Greenes auf seiner Chiapas-Reise.

Der Monte Alban ist eine zu einem grossen Platz abgetragene Bergspitze, von mehreren Gebäudegruppen begrenzt und gegliedert. Felsstücke, die nicht planiert werden konnten, sind geschickt eingebaut. Die Zapoteken bauten die Tempel-, Pyramiden-, Plattform- und Gräberstadt ohne Rad und Packtiere zu kennen.

Auf dem Plateau kommt man sich wie auf einem Tablett den Göttern dargeboten vor. Lange sitze ich auf kunstvoll geschichteten Steinen und fühle mich geortet.

Und wieder ruft die Strasse. Ohne Mühe bergan. Anschliessend auf einer Billard-Piste in tiefe Schlünde blauer und beinahe transparenter Berge. Erneuter Aufstieg. Weit und breit nichts als verbrannte Oednis und Kakteen. Am Strassenrand behacken Krähen einen toten Esel. Ich schiesse durch Hitzewände. Der Schweiss tropft auf meine stampfenden Schenkel, was sich wie Regen anfühlt.

In Juchitlan scheint die ganze Stadt betrunken zu sein. Ein junger Mann bestätigt mir denn auch, neunzig Prozent der Einwohner seien Alkoholiker. An den Gebäuden der Stadtverwaltung stehen wüste Parolen, mit denen sich Streithähne gegenseitig in den Kerker, an den Galgen und in die Hölle wünschen.

In San Cristobal de las Casas umschwirren mich Frauen und Kinder mit Chiclets und Gewobenem wie nirgends sonst in Mexiko. Bei Ausflügen in die Umgebung viel Geschäftigkeit allerorten. Bauern hacken auf staubige Äcker ein, spalten Holz in den Wäldern und buckeln es auf dem Rücken nach Hause. Frauen hüten Schafe oder weben farbenprächtige Textilien auf Höfen oder in Lehmhütten.

Jede Indigena-Gruppe hat ihren ganz bestimmten Kleider-Code, sprich Tracht. Und so hassen es die Einheimischen, wenn ahnungslose Touristen ihre Sachen, die für sie eine bestimmte Bedeutung haben, kunterbunt durcheinander tragen. Überhaupt sollen ihnen die Touristenschwärme gewaltig auf den Keks gehen. Mit ihren klickenden Teufelsdingern würden sie Seelen, das Dorf und überhaupt alles rauben und wegtragen. Danach haben sich die Einheimischen komplizierten Heilprozeduren zu unterziehen.

Vor einiger Zeit sind zwei photographierende Kirchenschänder in Chamula ermordet worden.

Quellen zum Text:

Transamerikanische Velotour ist das vierzehnte Kapitel des Bandes Das Recht auf Memoiren, der 2007 bei Zytglogge erschien. Auf ZollfreilagerZollfreilager, ein Internetmagazin der Plattform Kulturpublizistik der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), ist seit dem 7. Juli 2014 öffentlich. Zollfreilager wirft in journalistischen, reflektierenden und künstlerisch-experimentellen Formaten Schlaglichter auf Phänomene rundum Kultur, Kunst und Migration. Zu den Beitragenden gehören Studierende und Dozierende des Master Kulturpublizistik der ZHdK sowie ein Netz von Korrespondentinnen, Mittätern und Komplizinnen aus allen Kontinenten und Disziplinen. erscheint es im September und Oktober 2014 in insgesamt 6 Folgen.
© Max Rüdlinger