Reiseliteratur: Max Rüdlinger: „Transamerikanische Velotour“ IV

von Max Rüdlinger Max Rüdlinger, *1949, ist Schauspieler und Autor. gepostet am 05. Oktober 2014

In Mexico City erzählt mir David Heusser, ein Auswanderer, folgende Geschichte: Als Freak mit schulterlangen Haaren sei er mal auf einer Reise in Nairobi auf der dortigen Schweizer Botschaft vorstellig geworden und habe Herrn Pestalozzi zu sprechen gewünscht, da seine Eltern mit Pestalozzis bekannt gewesen seien. Ungläubig habe der Beamte zurückgefragt, ob er den Herrn Botschafter meine. Er habe bejaht und den Bescheid bekommen, der Herr Botschafter befinde sich in Uganda. Dann habe man ihm ein Amtsblatt in die Hand gedrückt und ihn warten lassen. Nach geraumer Zeit habe er mit Frau Pestalozzi sprechen können, die ihn zum Nachtessen eingeladen habe.

Wie alle Freak-Traveller habe er seinen Schlafsack im Stadtpark von Nairobi ausgerollt gehabt. Er habe sich also zeitig in das Weissen-Ghetto, in welchem die Pestalozzis residierten, aufgemacht. Den Rucksack, inklusive Pentax-Kamera, habe er am Kopfende seines Schlafsackes deponiert.

Bei Botschafters sei er von einem goldbetressten schwarzen Butler empfangen worden: „Good evening, Mister Heusser, we are expecting you.“

Das Essen sei exzellent gewesen und mit der Frau Botschafter habe er sich sehr gut verstanden. Sie habe ihn sogar auf eine Safari eingeladen.

Um eins habe Frau Pestalozzi dem Butler geklingelt: „William, would you be so kind and bring Mister Heusser back to his Hotel.“

Der Butler habe ihn im schwarzen Mercedes in den Stadtpark kutschiert und sei dort bei seinem Schlafsack vorgefahren. Dann habe er den Wagenschlag geöffnet, und er, David, sei unter dem Applaus der Freaks, die paffend noch auf gewesen seien, aus der Diplomatenkarosse ausgestiegen und habe sein Open-air-Logis wieder in Beschlag genommen.

In Mexiko-City ist zum dritten Mal in diesem Jahr der Smog-Notfall-Plan in Kraft, nachdem die Boden-Ozon-Bildung zum zweiten Mal innerhalb von elf Tagen 310 Punkte auf der IMECA-Skala erreicht hat. Über 300 Punkte gelten als sehr gefährlich für die Gesundheit der Menschen. Windstille, geringe Luftfeuchtigkeit und intensive Sonnenbestrahlung führen dazu, dass in dem Kessel der Zwanzig-Millionen-Stadt Schmutzpartikel nicht abziehen können und zu Boden-Ozon aufgekocht werden.

Der kolumbianische Botschafter tritt infolge des Smogs von seinem Amt zurück.

Fahre mit David ungefähr so weit wie von Bern nach Thun, um im Hauptquartier von Bancomer, einem Gebäude so gross wie der Mailänder Hauptbahnhof, eine gute halbe Stunde auf den Senor Licenciado Rodriguez zu warten, um eine Bank-Formalität zu erledigen.

Mache dann einen Ausflug per Bus nach San Miguel Allende, dem einzigen Städtchen Mexikos, das unter Denkmalschutz steht. Der Ort ist ein Anziehungspunkt nordamerikanischer Künstler und Pensionäre. Besuche Davids Eltern, die im Alter von über siebzig Jahren nach Mexiko ausgewandert sind und sich ausserhalb von San Miguel für vergleichsweise wenig Geld eine Villa haben bauen lassen.

Der Ort ist eine typische Traveller-Falle. Das Ambiente ist so lieblich, der Lebensrhythmus so verlangsamt, dass die Gefahr gross ist, hier klebenzubleiben. Paul, ein Amerikaner, den ich bei Anita und Mark getroffen habe, hat mir gesagt, dass es da eine ausgezeichnete Bibliothek gebe, mit einer Ausgabe der Encyclopaedia Britannica von 1911, der besten von allen. Dazu komme ein erheblicher Frauenüberschuss. Die einzigen noch freien Männer seien Trunkenbolde, Drogenabhängige oder Zombies.

Anita hat ein Päckchen mit Kinderkleidern, Babynahrung und Schokolade bekommen, das sie für dreissig Franken auf der Post auslösen musste. Als Füllmaterial diente die Berner Zeitung. So komme ich in den Genuss von einem Monat alten Nachrichten von zu Hause: Jeanmaire ist gestorben, Ogi mit Quayle zusammengetroffen, und die Temperatur unter Null gesunken.

Einen lieben langen Nachmittag suche ich in San Miguel eine Kirche, von der sich schliesslich herausstellt, dass sie sich gar nicht hier, sondern in Querétaro befindet. Ein Hähnchen-Laden ist mit Marco Pollo angeschrieben.

In dem Bus zurück nach Mexico-City blinkt vorne über dem Fahrer ein Rotlicht, wenn dieser schneller als fünfundneunzig Kilometer pro Stunde fährt. Die Frau neben mir liest in einem Büchelchen Vivir con un alcoholico.

Quellen zum Text:

Transamerikanische Velotour ist das vierzehnte Kapitel des Bandes Das Recht auf Memoiren, der 2007 bei Zytglogge erschien. Auf ZollfreilagerZollfreilager, ein Internetmagazin der Plattform Kulturpublizistik der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), ist seit dem 7. Juli 2014 öffentlich. Zollfreilager wirft in journalistischen, reflektierenden und künstlerisch-experimentellen Formaten Schlaglichter auf Phänomene rundum Kultur, Kunst und Migration. Zu den Beitragenden gehören Studierende und Dozierende des Master Kulturpublizistik der ZHdK sowie ein Netz von Korrespondentinnen, Mittätern und Komplizinnen aus allen Kontinenten und Disziplinen. erscheint es im September und Oktober 2014 in insgesamt 6 Folgen.
© Max Rüdlinger