Reiseliteratur: Max Rüdlinger: „Transamerikanische Velotour“ III

von Max Rüdlinger Max Rüdlinger, *1949, ist Schauspieler und Autor. gepostet am 28. September 2014

Hätte ich gewusst, dass Mexiko ein Gebirgsland ist, wäre ich nie und nimmer auf die Idee gekommen, hier durchzufahren. Mich leitete die Vorstellung von der mexikanischen Hochebene, und die stellte ich mir, wie es das Wort besagt, eben vor. Dem aber ist, wie ich erfahren musste, nicht so. Zwei Drittel des Landes sind mit Bergen von 900 bis 5'700 Meter Höhe bedeckt. Die Sierra Madre Occidental im Westen und die Sierra Oriental im Osten bilden die zwei Hauptgebirgsketten, die wenige Kilometer südlich von Mexiko-City zusammentreffen. An diesem Ost-West-Gipfeltreffen werden die höchsten Höhen erreicht. Der Pico de Orizaba im Staate Veracruz ist 5'747 Meter hoch. Zwischen den beiden Sierras befindet sich ein weites Tafel-Hochland, das jedoch von weiteren Bergketten durchzogen ist. Zentralmexiko besteht in der Tat aus einer Reihe von Bergtälern.

Bob, der kanadische Rentner, per Rad und Zelt nach Guatemala unterwegs, hatte befunden, Huevos Rancheros mit Tortillas würden als Brennstoff fünfzig Kilometer hinhalten. Ich fahre damit die dreifache Strecke, von Mazatlan nach Acaponeta. Was für eine Fahrt! Die Strasse durchgehend mit Schlaglöchern geschlagen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es zu so tiefen Löchern kommen kann. Dazu starker Lastwagen-Verkehr. Nur mit einem halben Auge nehme ich wahr, dass die Wüstenlandschaft von tropisch-üppigem Grünzeugs abgelöst wird. Nayarit ist Mexikos Fruchtexporteur und Marijuana-Produzent Nummer eins.

In Tierra Generosa erklärt mir der Dorfschullehrer, am schlechten Zustand der Strassen sei der Regen schuld. Im vergangenen Herbst sei die Carretera eben wie eine Kegelbahn gewesen.

Viele unbekannte Vögel entlang der Strasse. Lustig sind die weissen Kraniche mit den gelben Schnäbeln, die beim Fliegen turnerstramm ihre schwarzen Stengelbeine nach hinten strecken.

Die letzten vierzig Kilometer nach Tepic eine einzige Tortur. Es ist heiss. Unerbittlich geht es bergauf und bergab und schliesslich nur noch bergauf. Dass sich die Strasse in schlechtem Zustand befindet, ist für mich eher ein Vorteil, da dies die Lastwagen bremst. Meine Beine sind so schwer wie Kartoffelsäcke. Die Langspielplatte im Kopf zu Brei zerkratzt. Zwanzig Kilometer vor Tepic stehle ich mich auf eine gebührenpflichtige Autobahn. Da lässt es sich unbehelligt pedalen, da die Camioneure samt und sonders die Ruta libre vorziehen, um die Maut zu sparen. Bei jeder Steigung falle ich jedoch entkräftet vom Rad und muss schieben.

Zum Abendessen Pollo con Mole: Huhn an einer Schokoladen-Sauce mit Chili, Gewürzen, Kochbananen und Erdnüssen.

Ausgangs Tepic schlimmer Anfall von Verzagtheit. Es geht nichts als bergauf, und Lastwagen um Lastwagen knattert mit brissagobreitem Abstand und infernalischem Gedröhn an mir vorbei.

Ich steige in immer höhere Höhenlagen auf. Der Verkehr wird weniger, und ich erhole mich in einem Restaurant bei einem Cola für vierzig Rappen von meinem Rappel.

Am frühen Nachmittag komme ich mit völlig zerquälten Oberschenkeln in Ixtlan del Rio an. Von Don Juan und Carlos Castaneda keine Spur. Nicht mal einen Buchladen hat es.

Besuche daselbst Tolteken-Ruinen. Von besonderem Interesse soll der Tempel des Quetzalcoatl mit den Opferaltären sein. Ich bin jedoch zu erschöpft, um mit dem spärlichen Gestein mehr anfangen zu können, als in dessen Schatten zu liegen.

Dort träumte mir von Huitzilpochtli, dem Gott des Krieges und der Sonne, dem jungen Krieger, der jeden Morgen geboren wurde und jeden Abend starb. Der älteste der Azteken-Götter, der dieses Volk in das Tal von Mexiko geführt hatte, brauchte sehr viel Kraft. Er musste von Menschen ernährt werden und die einzige Nahrung, die ihm bekam, war Menschenblut. 10-20’000 Menschen mussten pro Jahr das Leben für ihn lassen.

Dann laufe ich die Strasse, an der sich alle Geschäfte befinden und welche zugleich Mexikos F 15, Nogles-Mexico City, ist, zirka hundertmal hin und her. Auf dem Zocalo findet eine Feier zum 75. Geburtstag der mexikanischen Verfassung statt. Ein Schülerchor singt so scheusslich, dass ich mich in ein Restaurant verziehe, allerdings nicht in das mit der Matterhorn-Tapete.

Am nächsten Morgen schwenke ich ausserhalb Ixtlans auf eine Autobahn ein: Maxipista Plan de Barrancas. Zwanzig Kilometer auf einer Fünf-Sterne-Autobahn in wilde Schluchten runter und absolut kein Verkehr.

Ausgangs Tequila ist die Strasse so schlecht wie noch nie. Ich kurve um Schlaglöcher so gross wie Meteoriteneinschläge, Lastwagen und all die anderen Autos rum und werde bis Guadalajara von keinem Vehikel mehr überholt. Der Strassenpariah für einmal als König!

Guadalajara, die zweitgrösste Stadt von Mexiko, liegt auf 1'525 Metern Höhe. Hinter Guadalajara beginnt die nordmexikanische Wüste.

In einer riesigen Halle von einem Buchladen, wo Kinder hinter Auslagetischen Versteck spielen, kaufe ich sieben Frieda-Kahlo-Postkarten. Eine kichernde, aufgetakelte Verkäuferin schreibt die Rechnung, wobei sie jede Karte inklusive Computer-Code spezifiziert. Dann muss ich mit der Rechnung an die Kasse, wo dieser ein „Pagado“-Stempel aufgedrückt wird. Anschliessend gehe ich mit der Rechnung wieder zurück, um die fein säuberlich in Papier eingepackten Postkarten abzuholen.

Abends schaue ich auf der Plaza de Liberacion der Fahnenabnahme zu. Unter dem Denkmal des feurigen, Ketten sprengenden Dorfpfarrers Hidalgo aus Dolores spielen Trommler und Hornisten in Kampfanzügen Martialisches. Dann wird – militärisch kommandiert – die Fahne abgenommen und zusammengelegt. Das muss man gesehen haben, wie eine fussballfeldgrosse Flagge mit militärischem Brimborium und im Stechschritt zu einem schachtelgrossen Packen zusammengelegt wird!

Mein Stahlross nehme ich mit in das Hotelzimmer.

Ausgangs von Guadalajara hätte es mich fast erwischt. Ein Schwenker, um einem Loch im Asphalt auszuweichen und beinahe wäre ich in die Rädermühle von einem Bus geraten.

Die 44 Kilometer nach Chapala sind ein einziger Verkehrs-Horror. Von der Autopista schaue ich in einen wüsten Slum, über welchen Fabrikschlote eine Smogdecke paffen.

In Chapala schieben sich Massen von Ausflüglern an der Strandpromenade. Der See ist mehr eine Wiese als ein See. Ausflugsboote pflügen sich durch den Schlingpflanzen-Dschungel. Um den See herum wimmelt es von nordamerikanischen Rentnern. Es ist die grösste nordamerikanische Gemeinde ausserhalb der USA.

Dem Chapala-See entlang nichts als Abfall. Die Strasse eine in der Sonne schwärende Unratsallee. Sie ist aber nicht nur eine Abfalldeponie, sondern auch ein Friedhof. Die Menschenleichen werden immerhin begraben, während man Tierkadaver – Pferde, Kühe und Schafe – einfach der Verwesung überlässt.

Stetige Kletterei nach Zamora. Ich steige in einem Hotelchen ab und dusche gletscherkalt. Latsche dann steifbeinig über den Markt. Berge von Orangen und Riesenmandarinen. Ein Kilo Orangen kostet dreissig Rappen.

Und weiter kraxle ich die Berge rauf. Immer, wenn ich glaube, oben angekommen zu sein, geht es noch weiter rauf. In Zacapu schwenke ich auf die erstbeste Naturstrasse ein, weil ich die Nerven nicht mehr aufbringe, weiter an der Strassenschlacht teilzunehmen. Gleich geht es durch ein Dorf, wo ich mit grossen Augen angestaunt werde.

Schwimmend in Hochgefühlen kraxle ich erneut, diesmal auf einer Bachbettstrasse, himmelan. Kräftiger Bergwald. Schnatten an den Kieferstämmen zur Harzgewinnung. Kein Mucks weit und breit. Nur die Vöglein pfeifen. Ein Bus wackelt durch den Wald. Hie und da staubt ein Auto heran.

Im nächsten Dorf würde ich liebend gerne ein wenig rumstehen und dem Treiben zuschauen, doch das Problem ist, dass ich es bin, der beobachtet wird.

Nach Octavio Paz ist der Mexikaner introvertiert und reserviert. Immer lächelnd erleide er gelassen die Wechselfälle des Lebens. Paz schreibt: „Zwischen seiner Person und der Umwelt bildet sich eine unsichtbare, aber darum nicht weniger unüberwindliche Wand der Distanz und Unmöglichkeit. Der Mexikaner ist immer weit weg, weit von den anderen und der Welt. Weit auch von sich selbst.“ Um dieser Einsamkeit, Erbgut ferner indianischer Vergangenheit, zu entgehen, stürze er sich in Feste, Lärm und Belustigung. Aber auch im Alltag suche der Mexikaner die Bestätigung seiner Persönlichkeit. In diesem Bestreben bestehe der Machismo. Dies erkläre die unbändige Lebenslust, die zahlreichen und gewalttätigen Liebschaften und selbst die Gleichgültigkeit gegenüber Elend und Tod.

Im dritten Dorf ein ganzer Pulk von Branntwein-Säufern. Einer von ihnen liegt im Strassengraben. Dann kämpfe ich mich über weite Weiden, auf denen Viehherden in ihrem Futter stehen. Da ich auf Gestein und Sand nur mühsam vorwärts komme, fürchte ich alsbald, nicht mehr rechtzeitig vor der Dunkelheit nach Patzcuaro zu kommen. Als mir jedoch durch Baumstämme hindurch der Lago de Patzcuaro entgegenleuchtet, bin ich gerettet.

In Morelia zum Zoo getippelt, der de primer orden sein soll. Bin froh, dass sich die Tiere hinter Gitter befinden. Ungefähr eine Million Kinder rasen da nämlich rum, fressen wie die Bürstenbinder mitgebrachten Proviant, balgen sich um Schaukeln, fechten Liebeshändel aus, küssen und halten sich umschlungen oder versuchen die Tiere mit Rufen, Pfeifen und ans Gitter schlagen zu reizen. Stoisch, wie Zootiere sind, schauen diese dem ganzen Irrwitz zu. Ein Affe kaut an seinen Nägeln rum.

Im naturhistorischen Museum will ich mich über die Fauna und Flora Michoacans kundig machen. Es ist ungefähr die schütterste und staubigste Ausstellung, die mir je unter die Augen gekommen ist. Die Besucher, sofern sie sich im Gästebuch eingetragen haben, finden sie jedoch alle „muy interessante y bonita“. Immerhin hat es da Schmetterlingsbriefmarken aus aller Welt, darunter eine 3-D-Marke aus Umm-al-Qiwin für einen Riyal und dazu noch ein Lamm mit zwei Köpfen in Spiritus.

Und weiter geht die Reise. Auf Wiedersehen liebliches Morelia auf 1'917 Metern Höhe mit einer mittleren Jahrestemperatur von dreiundzwanzig Grad Celsius. Auf Wiedersehen rosasteinerner Barock und himmelhohe Kathedrale mit den zwei siebzig Meter hohen Türmen, an welcher hundert Jahre gebaut wurde. Bye bye gemütliche Beizen an der Calle Madero, ihr Strassenverkäufer, Helden des mexikanischen Alltags, die ihr versucht euch mit Luftballons, Zuckerwatte, Nagelfeilen, Plastiksäcken, Chiclets, Zuckeräpfeln und aus Stroh geflochtenen Hüpffröschen den Lebensunterhalt zu verdienen.

Heute zahlen sich des Velocipedisten vorangegangene Mühen aus: Mexikos Nummer 15 führt mich in hochgelegenes, einsames Bergland ohne jeglichen Verkehr. Stetig steige ich in die Sierra de mil cumbres rauf und blicke über unzählige bis zuoberst bewaldete Bergkuppen.

Eingangs Ciudad Hidalgo liegt ein Pferd totenstarr, die Beine in die Luft gestreckt, mitten auf der Strasse. Die Stadt ist nichts als niederbrennende Sonne und Staub und weit und breit kein rastseliges Plätzchen. Also trete ich nochmals fünfzig Kilometer in die Pedalen.

Anderntags nach dem Frühstück gleich eine Wenigkeit von fünfundzwanzig Kilometer bergauf. Weiter oben mäandert die Strasse und die Kurven sind so steil wie auf der Rennbahn Oerlikon. Nach zweieinhalb Stunden einen weiteren Staat um die Ecke gebracht. Radle nun in Estado de Mexico. Bis Toluca, der höchstgelegenen mexikanischen Stadt auf 2'600 Metern, sind es noch sechzig Kilometer. Aus der Ferne grüsst der Nevado de Toluca mit seiner Schneekappe.

Auf und ab in dem herrlichen, sonnenbeschienen Hochland. Manchmal verschwindet der Nevado, und dann taucht er wieder auf, und jedes Mal rückt er ein wenig näher. Am Nachmittag habe ich jedoch einen Kräfte-Einbruch, und muss schieben. Viele tote Hunde, zerquetscht, zermantscht und fürchterlich stinkend. Darunter hat es wohl etliche solche, die lebensmüden vor einen Laster gelatscht sind, denn es ist sicher kein Schleck in Mexiko ein Hund zu sein.

In Toluca verlade ich angesichts eines über dreitausend Meter hohen Passes und starken Verkehrs in einen Bus. Das Velo wird in das seitliche Kofferabteil geschoben. Dort unten pennt oft der Co-Chauffeur, durch eine Gegensprechanlage mit dem Kollegen am Steuer verbunden. Auf der Fahrt nach Mexico-City gleissen Popocatepetl und Ixtaccihuatl im Sonnenschein.

Quellen zum Text:

Transamerikanische Velotour ist das vierzehnte Kapitel des Bandes Das Recht auf Memoiren, der 2007 bei Zytglogge erschien. Auf ZollfreilagerZollfreilager, ein Internetmagazin der Plattform Kulturpublizistik der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), ist seit dem 7. Juli 2014 öffentlich. Zollfreilager wirft in journalistischen, reflektierenden und künstlerisch-experimentellen Formaten Schlaglichter auf Phänomene rundum Kultur, Kunst und Migration. Zu den Beitragenden gehören Studierende und Dozierende des Master Kulturpublizistik der ZHdK sowie ein Netz von Korrespondentinnen, Mittätern und Komplizinnen aus allen Kontinenten und Disziplinen. erscheint es im September und Oktober 2014 in insgesamt 6 Folgen.
© Max Rüdlinger