Reiseliteratur: Max Rüdlinger: „Transamerikanische Velotour“ II

von Max Rüdlinger Max Rüdlinger, *1949, ist Schauspieler und Autor. gepostet am 19. September 2014

Wie gebissen die zwanzig Meilen von San Diego nach der mexikanischen Grenze runtergespult. Dabei habe ich ungefähr hundert Kreuzungen bei Rot überfahren. Ich war nervös, da ich an der Grenze eine Tarjeta de Turista und einen Stempel im Pass ergattern musste. Das klingt nicht nach viel, aber auch das will einem mexikanischen Zöllner erst abverlangt sein.

Ich passiere die Grenze und begegne weder einem amerikanischen noch einem mexikanischen Zöllner. Schon stürmen Taxifahrer, trotz des Rades, auf mich ein. Als illegaler Immigrant nach Mexiko hätte ich mich beglückwünschen können. Ich will aber alles andere als illegal nach Mexiko einreisen. Also wieder zurück und viermal fragen, bis ich den servicio de migraciones gefunden habe. Seine Exzellenz der Herr Oberzöllner lässt mich warten, bis er mit seinen Freunden fertig geplaudert hat. Dann darf ich die Tarjeta ausfüllen. Auf demütige Anfrage macht mir Exzellenz auch noch einen Stempel in den Pass. Geschafft!

Dann erst mal dem Tortilla-Vorhang, einer Metallwand, entlang in die falsche Richtung pedalt. Zuhauf hängen hier Leute rum und schauen von Hügeln aus in das gelobte Land rüber. Nach etwa einer Stunde bemerke ich meinen Irrtum.

Gleich hinter Tijuana geht es wacker bergauf. Ich komme ordentlich ins Schwitzen, schlucke Staub wie ein Minero und inhaliere Abgase, dass es mir ganz anders wird. Die Strasse ist schmal und in schlechtem Zustand. Mehrmals muss ich in den Strassengraben fahren, um nicht von Lastwagen zermalmt zu werden.

Als die Strasse von der Küste abgeht, bessert es mit dem Verkehr. Weites, einsames Hochland von rotbraunen und blauen Bergen umstanden – wie eine Schale mit wundersamer Stille darinnen. In einer langen Abfahrt geht es wieder zur Küste runter nach Ensanada. Im Motel Pancho kriege ich ein Zimmer für fünfzehn Dollar.

In San Vicente belatsche ich andächtig die staubige, rote Erde. Vögel fliegen mit Helikoptergeflatter von knieniedrigen Büschen auf. Mitten auf dem Feld ein riesiger Findling für immer entzwei geborsten. Vor ärmlichen Hütten Autowracks zuhauf, die aber ihren letzten Schnauf noch nicht getan haben und zuweilen noch über die Lande scheppern.

Die Strassen in San Vicente sind avenuenbreit, unasphaltiert und wahre Berg- und Talbahnen. Der Park ist verwahrlost. Im kleinen Pavillon lagern Strohballen.

Im nahe gelegenen Schulhaus ist Pause. Knaben mit Marmeln in ihren Hosensäcken klimpernd spielen mit Verve, um ihre Schätze zu mehren. Kleine Mädchen wissen beim Brennball mit dem Schlagstock, der aber eher ein Brett ist, bewundernswert geschickt umzugehen.

Nach dem Abendessen im einzigen Restaurant des Ortes latsche ich in stockdunkler Nacht zum Motel zurück. Die Strassenbeleuchtung ist spärlich. Die Kramläden leuchten wie die Fensterchen eines Adventskalenders. Beim Autohändler haben sich einige Cowboys zu einem Schwatz eingefunden.

In der Morgenfrische radle ich durch die Landwirtschaft. Arbeiter und Arbeiterinnen in Kompaniestärke bücken sich auf abgeernteten Tomatenfeldern. In den letzten fünf Jahren soll sich die Gegend zwischen Ensanada und San Quintin radikal verändert haben. Fossiles Wasser von angebohrten prähistorischen Untergrund-Seen soll die Wüste zum Blühen gebracht haben.

Amerikanische Mobilheime, so gross wie Autocars, fahren über Land. Zuerst meinte ich, dass sich darin ganze Fussballmannschaften auf einem Vereinsausflug befinden, bis ich herausfand, dass sich in diesen rollenden Trutzburgen nur gerade zwei aus dem Produktionsprozess ausgeschiedene Schrumpelleutchen auf dem Weg nach Süden befinden. In Konvois von bis zu zwanzig solchen Eigenheimen sind US-Rentner unterwegs, und wenn dann so eine Armada vor einem mexikanischen Coca-Cola-Hüttchen zur Zwischenverpflegung vorfährt, ergibt das ein Bild, das Bände spricht.

Um drei bin ich in San Quintin, einem aufstrebenden Bauerndorf, wo ein Normal-Tourist nie im Leben auf die Idee käme, nächtigen zu wollen. Ich aber schon, da ich hundsmüde bin, und der nächste Ort fünfundfünfzig Kilometer entfernt ist.

Kniehohe, hinten geschnürte Stiefel sind bei jungen Damen in San Quintin eindeutig in. Die besten Läden im Dorfe sind einer mit Auto-Ersatzteilen und ein anderer mit Pferdesätteln und Cowboyhüten. Um fünf Uhr dämmert es. Der Mond ist so gross, als habe Van Gogh ihn gemalt. Zum Abendessen gibt es Knoblauchfisch. Die Tischdekoration schlägt alle Rekorde an Geschmacksverirrung: Himmelblaue Kerzen und ebensolche Stoffblumen in einen leibhaftigen Laib Brot gesteckt.

Anderntags alles geradeaus durch einsame Talschaften. Die Stille, wenn gerade mal keine Vehikel vorbeidröhnen, ist wunderbar. Am schlimmsten sind die Pipas Mofles der Lastwagen, die einen Krach machen, als breche der jüngste Tag an.

El Rosario ist vor dem Bau der Trans-Peninsula als der letzte Aussenposten der Zivilisation angesehen worden. Für die Wüstendurchquerung lade ich vier Liter Wasser auf mein Stahlross. Hundertzwanzig Kilometer geht es auf und ab, aber meistens aufwärts nach Catavina. Zu Beginn der Fahrt ist das Land noch grün. Atemberaubende Berglandschaften, haushohe Kaktusskulpturen. Am Nachmittag überzieht sich der Himmel, und es wird ziemlich kühl. Unvermittelt ist die ganze Landschaft mit Felsbrocken übersät. Wo die auf einmal herkommen? In Santa Inés beziehe ich eine kalte Betonkammer.

Presche durch die Wüste nach Guerrero Negro. Unterwegs habe ich noch die höchste Erhebung des Highways Nummer one, die neunhundert Höhenmeter von El Pedegroso, unter mich zu bringen. Das Pedalen auf der vegetationslosen, von weich modellierten Hügeln und Bergen eingefassten Hochebene lohnt jedoch die Anstrengung. Ausgangs der Desierto Central kraxle ich auf den beinahe siebenhundert Meter hohen Guia Izquierda und geniesse einen Rundum-Blick über blaue Bergspitzen. Weit und breit keine Tiere, von platt gefahrenen Hasen mal abgesehen, welche die Hunde als Opfer des Strassenverkehrs abgelöst haben. Des öftern kreisen Geier über mir.

Nach zweihundert Kilometern bricht in Ejido Jesus Maria nach orange-rotem Sonnenuntergang und katzgrauer Dämmerung stockdunkle Nacht über das Land. Ich werde bei der dortigen Pemex-Tankstelle vorstellig, worauf mich ein verjäster Typ in einem ebenso verjästen Chevrolet nach Guerrero Negro bringt.

Guerrero Negro ist ein nicht allzu aufregender Ort, rühmt sich aber die Salz-Hauptstadt der Welt zu sein. Südlich vom Ort fliesst Meerwasser in Hunderte von so genannten Salzpfannen, in welchen die Vizcainische Wüstensonne das Wasser schnell verdampfen lässt. Fünf Millionen Tonnen Salz werden pro Jahr von Guerrero Negro aus nach USA, Kanada und Japan verschifft.

Treffe in dem Kaff auf die Baldinis. Myrta ist Kostümiere beim Film. Herr Baldini tritt nicht weiter in Erscheinung.

Anderntags von ein paar Kurven abgesehen hundertvierzig Kilometer schnurgerade durch die Desierto Vizcaino. Zum Schluss als Dessert noch in eine Anzahl von Wassersenken runter, dann geht die Strasse vom Highway ab nach San Ignacio. Palmen in Sicht. Diese sollen Missionare im 18. Jahrhundert zur Gründung einer Mission hierher gebracht haben. Die Kirche mit Mauern von einem Meter Dicke ist noch gut erhalten und soll dem Herrgott noch immer Früchte bringen. Vor der Kirche beschatten riesige Lorbeerbäume den Dorfplatz.

Und immer weiter: Den Vulkans „Las tres Virgenes“ vor Augen pedale ich auf schnurgerader Strecke. Plötzlich kommt mir ein Läufer mit einbandagierten Knien entgegengehechelt, gefolgt von einem Ambulanzwagen des Roten Kreuzes.

Bald habe ich die Wüste in der Breite durchquert! Als Siegesmedaille funkelt die Cortéz-See.

Santa Rosalia sieht mit seinen niedrigen aus Holz gebauten Häusern wie ein Wildwest-Städtchen aus. In den Achtziger-Jahren des 19. Jahrhunderts hat die französische Boleo Kupfer-Gesellschaft die Konzession zum Abbau und Schmelzen von Kupfer erhalten. Nebst Maschinen wurde Holz eingeführt und Häuser mit breiten Veranden gebaut, die Santa Rosalia ein so entschieden unmexikanisches Aussehen verleihen.

Santa Rosalias berühmtestes Gebäude ist die Kirche der Santa Barbara, der Schutzheiligen der Mineure. Sie wurde von Alexandre Gustave Eiffel, dem Erbauer des Eiffelturmes, für die Weltausstellung 1898 in Paris entworfen und besteht aus vorfabrizierten galvanisierten Metallplatten. Wie die Kirche dann hierher gekommen ist, davon sind zwei Versionen im Umlauf. Die eine besagt, die Kirche sei für eine gleichnamige Stadt in Frankreich bestimmt gewesen und dann irrtümlich hier gelandet. Die zweite Version will wissen, die Kirche sei von Leuten in Afrika, die sie bestellt hätten, nie abgeholt worden, und die Kupferschürfer hätten dann befunden, diese würde ihnen auch gut anstehen, und so sei sie nach Baja de California gekommen.

Lehnstuhlfahrt nach Mulegé, einer weiteren jesuitischen Dattelpalmen-Gründung. Sehe den Senores Norteamericanos zu, wie sie vom Mittagsmahl besäuselt aus dem Hotel Rosita schwanken und in der ausgewaschenen Naturstrasse ins Leere treten. Ein alter Mann, in schmuddeliges Weiss gekleidet, eine schwarze Sonnenbrille im Gesicht, steht reglos und ohne die geringsten Ambitionen im grellen Sonnenlicht. Ein Strassenhändler sucht Fische, Vögel und anderes Getier aus poliertem Holz für auf das Stubenbüffet loszuwerden. Später besuche ich auf einer kleinen Anhöhe inmitten von Farbexplosionen roter und violetter Bougainvilleas das ehemalige Gefängnis. Mehr als ein paar Steinhaufen ist da aber nicht mehr.

Gegen Abend preschen Mountainbiker aus den USA wie eine Invasion von Marsianern durch das Dorf an den Strand. In einem Café dortselbst sitzen die verschwitzten und verschmutzten, aber glücklichen Velocipedisten sowie ein älterer soignierter Zivilisationsflüchtling aus Fairfax mit Gitarre und Bierflasche. Die Sonne sinkt errötend auf das kühle Wasserbett.

Entlang den glamourösen Badestränden von Bahia Concepcion geht es am nächsten Tag weiter: Der schönste Strand ist der von El Coyote – weisser Sand, Türkiswasser und Palmen. Pelikane fischen sich ihr Frühstück. Möwen keckern. Dünnbeinige Vögel stelzen den Strand entlang und hacken mit spitzen Schnäbeln ins Wasser.

El Niño, ein meteorologisches Phänomen, das zirka alle zehn Jahre auftritt, hat der Wüste aussergewöhnliche Regenfälle beschert. Süsse Blumendüfte beschwingen mich. Nachmittags um vier habe ich hundertvierzig Kilometer abgespult und treffe einigermassen gut erhalten in Loreto, der historischen Hauptstadt Baja de Californias, ein.

Am nächsten Tag beobachte ich das Morgenzeremoniell der Schule. Die mexikanische Flagge wird aufgezogen, und es werden patriotische Lieder gesungen. Die ganze Schule bis runter zu den krummbeinigen Häfelischülern steht in Habachtstellung da. Dann strecken sie den rechten Arm zu dem aus, was bei uns als Hitlergruss bekannt ist, bei ihnen aber wohl anders gemeint ist.

Loreto ist von schweizermässig hohen und wilden Bergen, der Sierra Gigante, umgeben. Über einen von diesen muss ich, wenn ich weiterkommen will.

Es ist dann nicht gerade der höchste, aber mordsmässig steil ist es trotzdem.

Die Strecke von Ciudad Insurgentes nach Ciudad Constitucion ist lebensgefährlich: schmale Strasse mit Buckeln, Schlaglöchern und viel Verkehr. Gefahr besteht, wenn zwei Karossen sich auf meiner Höhe kreuzen, dann heisst es für mich als dritte Partei abtauchen und zwar in den Strassengraben.

Anderntags stehe ich um halb sechs auf und fresse den lieben langen Tag zweihundertzehn Kilometer nach La Paz. Dann bin ich auch emotional auf den Felgen. In dem feuchten Hotelzimmer bröckelt der Gips von der Decke. Meine Einsamkeit will mir als einziges Meer vorkommen, in welchem ich den Kopf über Wasser zu halten suche. Immerhin hat mir der Vorgänger ein Taschenbuch zurückgelassen: Martha Grimes The Dirty Duck.

Während der nachmittäglichen Siesta geht ein ungefähr halbstündiger Regenguss nieder. Als ich aus dem Hotel trete, fliesst eine reissende Lehmbrühe durch die Strassen. Streune uninspiriert in der Stadt herum. In Beizen und Bars spielen Mariachis – Musikanten, die ehedem, in der Franzosenzeit, bei den „Marriages“ aufgespielt haben.

Mit Martha Grimes ins Bett. Lots of fun. Zum Beispiel: The only palms there are the ones stuck out for tips.

Beim Morgenessen trifft ein Mexikaner mit seiner amerikanischen Gespielin zum Katerfrühstück ein. Sie sitzen so weit von einander entfernt, wie der Tisch es nur erlaubt: „Last night at twelve I felt immense but now I feel like thirty cents“, wie es in einem Song heisst.

Quellen zum Text:

Transamerikanische Velotour ist das vierzehnte Kapitel des Bandes Das Recht auf Memoiren, der 2007 bei Zytglogge erschien. Auf ZollfreilagerZollfreilager, ein Internetmagazin der Plattform Kulturpublizistik der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), ist seit dem 7. Juli 2014 öffentlich. Zollfreilager wirft in journalistischen, reflektierenden und künstlerisch-experimentellen Formaten Schlaglichter auf Phänomene rundum Kultur, Kunst und Migration. Zu den Beitragenden gehören Studierende und Dozierende des Master Kulturpublizistik der ZHdK sowie ein Netz von Korrespondentinnen, Mittätern und Komplizinnen aus allen Kontinenten und Disziplinen. erscheint es im September 2014 in insgesamt 6 Folgen.
© Max Rüdlinger