Reiseliteratur: Max Rüdlinger: „Transamerikanische Velotour“ I

von Max Rüdlinger Max Rüdlinger, *1949, ist Schauspieler und Autor. gepostet am 14. September 2014

Travel is only glamourous in retrospect.                                                                                                      

Paul Theroux

 

In Kalifornien ist es grau und regnerisch. Dafür stehe ich im hintersten Saale des California Palace of the Legion of Honor, einer Replik des gleichnamigen Gebäudes in Paris, auf einmal inmitten eines sonnigen Alpenfrühlings. Eine stramme Bäuerin führt ein Pferdegespann vom Felde, das ihr Mann bestellt. Auf einem Wiesenhügel erwartet ein Hund die Zurückkehrende. Dahinter nestet ein Dorf in einer Mulde, und eine gleissende Kette von Schneebergen fasst die Szenerie wie Juwelen ein. In Segantinis Riesentableau bin ich in eine andere Welt versetzt, in die, aus welcher ich eben erst gekommen bin.

Einladung bei Christie und Kirk, die ich zusammen mit Todd und Mariatte zuvor in einem Pub getroffen habe. Vor dem Haus auf einem Hügel in San Raffael stehen drei Automobile, darunter ein Mercedes. Ueber dem imposanten Wagenpark weht der Union Jack. Wir werden von Vater Pat, Mutter Alicia und all den blonden, sonnenbeschienenen, zahnspangenbewehrten Kindern zwischen zwanzig und sechsundzwanzig Jahren begrüsst.

Am Tisch spricht Vater Pat ein spontan formuliertes Gebet, in welches er auch die neuen Freunde – uns – einschliesst, und die Pizza vom Hauslieferdienst wird noch ein wenig kälter, als sie eh schon ist. Das frugale Mahl wird mit lautmäuliger, perlender Heiterkeit genossen. Diese Selbstsicherheit, dieses unproblematische Rund-um-Glück, diese Naivität, die unberührt von Rezession, Krieg, Hunger und Elend vor der Haustüre den amerikanischen Traum weiterträumt, ist weltrekordverdächtig. Als ich zu meiner Vita und meinen Reiseplänen befragt werde, komme ich ins Stottern, und völlig perplex höre ich, wie mich Todd als den bekanntesten Schauspieler der Schweiz anpreist, der für die grösste dortige Tageszeitung Artikel schreibt und mit dem Rad bis ans Ende der Welt zu fahren gedenkt.

Nach dem Essen zeigt Todd Dias von seinen Klettereien. Die ganze Familie ist beeindruckt. Dem Hund Daniel gelingt es, die Verandatür zu öffnen. Begeistert wird in die Hände geklatscht und Gelächter sprudelt wie Selterwasser. Welche Familien-Idylle inmitten eines mit Antiquitäten ausstaffierten Wohlstandes. Keine Probleme, keine Tiefgründeleien, sun and fun! Nur die Zahnspangen wollen nicht so recht ins Bild passen.

Wir fahren an dem wie ein Christbaum beleuchteten San Quentin-Gefängnis vorbei nach San Francisco zurück. In den Strassen der Stadt sind mehr als 6’000 Down-and-Outers, die durch die Maschen von Reaganomics gefallen sind, sich alleine überlassen.

Dann bin ich nicht mehr zu halten. Auf Kaliforniens Highway Number one starte ich meine Radfernfahrt und pfeile gen Süden.

Am letzten Tag des Jahres komme ich beim Año Nuevo State Reserve vorbei. Wundervolle Düfte von Californian Sage Brush, Coyote Brush und wie die Sträucher alle heissen. Dann am Strand – oh Schreck lass nach – räkelt sich ein See-Elefant, so gross wie ein Fischkutter, und schaufelt sich mit einer Flosse Sand auf den Bauch. Ich halte mich in respektvollem Abstand. Was soll der Sandhaufen auf des Tieres Bauch? Kühlung, Schutz vor Sonnenbrand, oder tun Tiere Dinge einfach auch nur aus Spass? Die Sonne silbert über das Wasser. Amseln mit rotgeränderten Schwingen. Im Sand hat es Lachs-, respektive Luchsspuren.

An Neujahr pedale ich von Santa Cruz los. Es ist kühl und sonnig, und es hat fast kein Verkehr. Unterwegs finde ich ein idyllisches, buschbestandenes, sonnenbeschienenes Fleckchen Erde, ideal „to answer the call of nature“. Als ich mich erleichtert wieder auf das Stahlross schwingen will, macht es fffffffft – hinten und vorne. Dornen! Nachdem ich Bern-Hammerfest und zurück ohne Plattfuss hinter mich gebracht habe, ist dieser Bann nun mit einem wahren Plattfuss-Hagel gebrochen.

In Carmel steige ich im River Inn für sechzig Dollar die Nacht ab. Den Zaster buche ich bei meinem reisegeizenden Spargewissen als Neujahrsgabe an mich selber ab. In einem Mega-Supermarkt – auch an den heiligsten Tagen offen – kaufe ich mein Abendmahl ein: auf dem Hickory smoked Swiss Cheese, made by Biery, Louisville, Ohio, das Familienwappen, und dahinter weht eine Berner Fahne.

Big Sur: Euphorie und Agonie. Redwoods, Eukalyptus und Tannenbäume duften. Die Küstenstrasse schlängelt sich an den Hängen des Santa-Lucia-Gebirges entlang. Unentwegt stürzt sie sich in die Rockfalten der Dame und windet sich die gegenüberliegende Kuppe wieder rauf. Tief unten in einer Bucht hält ein Seelöwenrudel Siesta. Ein paar Sportsfreunde vergnügen sich im Surf, andere grochsen lauthals auf die See hinaus.

In San Simeon Village schaut fünfhundert Meter über der Bay das Schloss des William Randolph Hearst über die Lande. Dem Hauptgebäude ist ein blauer Marmor-Swimmingpool, mindestens so gross wie zwei Tennisplätze, vorgelagert. En face ein griechisch-römischer Tempel. An beiden Seiten Kolonnaden und unzählige ebenso unschuldsweisse wie nackte Marmorstatuen. Der Eingang zu dem über fünfzig Meter hohen hispano-maurischen Hauptgebäude sieht aus wie der Eingang zu einer Kathedrale, auch wenn der Firstteil Anklänge an ein Schweizer Chalet hat.

Das Aelteste, Exklusivste, Kunstvollste und Teuerste was es gibt an Türen, Fenstern, Böden, Decken, Möbeln, Betten, Tischen, Stühlen, Plastiken, Wandbehängen und Gemälden wurde von Hearst zusammengekauft und zu diesem amerikanischen Albtraum von einem Schloss zusammengeknetet.

Bin in Morro Bay einen ganzen Morgen vor dem TV völlig hingerissen von Kenneth „Jesus is Lord“ Copeland, einem Fernsehprediger mit dem Charisma wie es unsere sieben Bundesräte und der Papst zusammen nicht aufbringen. Seine Rhetorik und Gestik sind präzise gefeilt. Er spricht über Angst und Glauben und sagt zwischenhinein des öftern „ei-men!“, was bedeutend euphorischer tönt, als unser begräbnishaftes „in Gottes Namen Amen“. Die Gemeinde, so viele wie bei uns nicht mal an einem Fussballspiel, macht sich Notizen und skandiert ab und an stehende Sentenzen. Zum Schluss der Veranstaltung wird um Mitglieder geworben.

Bei Dr. Robert Schuller, einem anderen TV-Prediger, bekommt man beim Eintritt in dessen Kirche einen Glas-Adler mit ausgebreiteten Schwingen, der zumindest in der Fernsehaufnahme wie ein Diamant funkelt. Fünfzig Dollar im Monat kostet die Mitgliedschaft in dessen „Crystal Eagle Church“.

Am Himmel schieben sich regenschwere Wolkenbäuche, die ab und zu das Wasser nicht mehr halten können. Als ich einen grauschwarzen Reiher mit eingezogenem Kopf stoisch auf einem Bein im Fadenregen stehen sehe, denke ich, also wenn den das Geniesel nicht stört, dann mich auch nicht, und ab geht die Post. Dann aber giessen sich wahre Sturzbäche hernieder, so dass ich klatschnass werde. Zwei Hundeköter, ebenfalls bis auf die Knochen durchnässt, kommen mir entgegengetippelt. Als ich an ihnen vorbeifahre, machen sie stracks rechtsumkehrt und heften sich auf der Suche nach einem Meister an mein Hinterrad.

Es geht durch ein riesiges Gemüseanbaugebiet, wogegen das Seeländer Moos ein Schrebergarten ist. Ich fahre an Ozeanen von Broccoli entlang. Am Eingang eines Dorfes steht auf einer Holztafel Welcome in Guadalupe – working for a brighter future. Latinos stehen in Parkas gemummt herum. Die ganze Gegend ist in wolkendunkle Düsternis getaucht. Hinter dem Dorf schaufeln zwei Arbeiter ein Grab.

Bei Orrcut erneut einen Platten. Ich traue meinen Ohren und auch meinen Augen nicht. Da ich aber auch nicht weiterfahren kann, muss ich mich in das Unvermeidliche schicken: Abpacken, Rad abmontieren und Schlauch wechseln. Langsam wird es dunkel. Es nieselt. Autos wischen vorbei. Bald bin ich wieder startklar. Jetzt nur in die nächste Herberge. In Orrcut hat es aber weder ein Hotel noch ein Motel. Rein gar nichts. Ich beschliesse, auf die Zähne zu beissen und noch einmal vierundzwanzig Kilometer bis Lompoc draufzulegen. Zu allem Ungemach führt die Strasse auch noch über einen Berg. Der Schweiss fliesst in Strömen. Die Beine wollen mir vor Anstrengung beinahe abfallen. Es ist aber auch schön, in dem sich verdichtenden Dämmergrau unterwegs zu sein. Gemächlich spaziert ein Coyote über die Fahrbahn.

Als ich auf dem Berg oben ankomme, ist es dunkel. Ich sehe auf die Lichter von Lompoc runter. Einfamilienhäuschen reiht sich an Einfamilienhäuschen. In stockdunkler Nacht sause ich zu Tale. Im Plaza-Inn-Motel, wo sich Lastwagenfahrer und Handelsreisende Gute-Nacht sagen, ist mein Tagewerk zu Ende. Oh Boy, fünf Plattfüsse in einer Woche, mehr als zu Hause in zwölf Jahren zusammen!

Am andern Tag fahre ich unter einem schwarzen Himmel weiter. Ich komme jedoch nur einige Kilometer weit, dann muss ich bei einem Farmer unterstehen. Dieser ruft mich zu einem Kaffee ins Haus und erzählt mir, die Gegend sei ursprünglich von Schweizern besiedelt worden. In hohen Tönen spricht er von einem Mister Pedotti, Bergführer, der es hier durch Heirat und Farmarbeit zu Wohlstand gebracht habe.

Endlich Sonnenschein! Pedale bei Santa Barbara unter Palmen entlang des Strandes. Auf den den Bergen vorgelagerten Hügeln reiht sich eine Prachtvilla an die andere. Alle Architekturstile sind hier vertreten, vom französischen Landhaus bis zu indianischen Pueblo-Bauten, von der Ritterburg bis zum Science Fiction-Palast. Ich keuche einen Berg hoch, um mir die ganze Villenpracht aus der Nähe zu besehen. Kein Mensch weit und breit. Nur hie und da hackt ein Gärtner in einem Garten, oder wieseln Sanitär-Installateure in ihren Reparatur-Autos rum. Auf den Rasenplätzen vor den Villen Schilder, die anzeigen mit welchem Sicherheitssystem das Haus gesichert ist.

Steige ausgangs Port Hueneme im Sunshine Inn MotelTruckers welcome, low rate ab. In dem Zimmer haust es sich wie in einem Kartoffelkeller.

Entlang des Pazifiks bläst mir der Wind mit fünfzig Stundenkilometern ins Gesicht.

Malibu: The only place in the world where you can lie on the sand and see the stars or vice versa.

In San Juan Capistrano ereilt mich mein sechster Reifendefekt. Die Sonne rollt wie eine Blutorange dem Abend zu.

Hundert-Meilen-Ritt nach San Diego. Flaches Terrain, Wind im Rücken. Im Marine Corps Camp Pendleton Reifendefekt Nummer sieben. Bin schon ziemlich schnell im Schläuche wechseln, und vor allem kann ich dies nun bewerkstelligen ohne nachher wie ein Kohlehändler auszusehen.

In der Jugendherberge treffe ich auf einen Jungen, der ungefähr so dick wie ein Wal ist. Es gefällt ihm hier besser als back home in New York. Vor allem weil die Leute hier viel netter seien. Eben habe er einen Job gefunden: Autos parkieren. Aber seine Mama fühle sich in ihrem three-bedroom-apartment alleine und wolle ihm nun hierher folgen. Wahrscheinlich um ihn noch mehr zu mästen, bis er endgültig nicht mehr fortlaufen kann.

Später zeigt er mir einen Teller selber gekochte Makkaroni mit einem Berg von Raspelkäse darauf: „Isn’t that wonderful?“

Quellen zum Text:

Transamerikanische Velotour ist das vierzehnte Kapitel des Bandes Das Recht auf Memoiren, der 2007 bei Zytglogge erschien. Auf ZollfreilagerZollfreilager, ein Internetmagazin der Plattform Kulturpublizistik der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), ist seit dem 7. Juli 2014 öffentlich. Zollfreilager wirft in journalistischen, reflektierenden und künstlerisch-experimentellen Formaten Schlaglichter auf Phänomene rundum Kultur, Kunst und Migration. Zu den Beitragenden gehören Studierende und Dozierende des Master Kulturpublizistik der ZHdK sowie ein Netz von Korrespondentinnen, Mittätern und Komplizinnen aus allen Kontinenten und Disziplinen. erscheint es im September 2014 in insgesamt 6 Folgen.
© Max Rüdlinger