Gastspiel im Gastspiel

Vom 12. Juli bis am 9. November 2014 fand «Gastspiel. Schweizer Gegenwartskunst im Museum Rietberg» statt. Zollfreilager erhält die Gelegenheit, mit eigenen Zugängen, Positionsnahmen und Beobachtungen auf die Ausstellung, das Museum und seine Sammlung zu reagieren. Mitwirkende der bis November abgeschlossenen Spezialausgabe sind neben der Zollfreilager-Redaktion auch Damian Christinger (Kurator der Ausstellung), Peter Weber und Lukas Bärfuss (beide vertreten in der Ausstellung).

Vom 12. Juli bis am 9. November 2014 fand «Gastspiel. Schweizer Gegenwartskunst im Museum Rietberg» statt. Zollfreilager erhält die Gelegenheit, mit eigenen Zugängen, Positionsnahmen und Beobachtungen auf die Ausstellung, das Museum und seine Sammlung zu reagieren. Mitwirkende der bis November abgeschlossenen Spezialausgabe sind neben der Zollfreilager-Redaktion auch Damian Christinger (Kurator der Ausstellung), Peter Weber und Lukas Bärfuss (beide vertreten in der Ausstellung).

Peter Weber: Allee

von Peter Weber Peter Weber, *1968, ist Schriftsteller und lebt in Zürich. Er ist als Mentor, Themen-Spender und Kuratoriumsmitglied an Zollfreilager beteiligt. gepostet am 28. Oktober 2014

1. Unsere Heimat ist nicht hier

Ein Urheber, lebend in dieser Museumsstadt, gerät, nachdem er in der Villa Wesendonck dem tanzenden Shiva und dessen Sanduhrtrommel begegnet ist, in den Kollisionsraum names SCHAUDEPOT. Verfasser von Texten, er zeichnet für jede Zeile, die er veröffentlicht hat. Drucklegung, europäische Kulturtechnik er hat sie sich angeeignet: Wärmephasen mit Skizzen und ersten Ideen, er schreibt mehrere Fassungen ohne Abgabedruck, vergisst Zimmer und Zeit, plötzlich die perspektivische Engführung, das Spiel mit Hitze und Termin, unausweichliche Starr- und Kaltlegung, letzte Setzung, und Rhythmus rettet, wenn er in den Text geht –

Ein Urheber, seine Tätigkeiten: Hausen und Reisen, bei Reisen: Fragen der Sprachreichweite, Aneignungsfragen. Zuhause: Belagerung der Schreibstelle, die immerselben Abläufe, Tageshälften, die immerselben Wohnungs- und Spazierwege. Das Vertraute so lange betrachten, bis es winkelgrinst. Fremdes im Miet- und Eigentumslack begegnet ihm, wenn er vors Haus tritt. Lackglanz der Automobile. Totalimport. Das einzige in der Schweiz gebaute Auto, so lernte er als Kind, war von einem Mann im Tessin entworfen worden, ein roter Sportwagen: der Monteverdi.

Im Telefon-Kopfhörer, das SCHAUDEPOT betretend: Die ersten Takte von Wagners Vorspiel zum dritten Aufzug von Tristan und Isolde: bassgetauchtes Wesendonck-Lied. Ein Tiefstreicherakkord, schwer lastend: F-Moll, Morphine, dunkler Samt, Organschwingungen, amoralische Tiefe. Auflösung in arithmetischen Reihen, ozeanisch, wir sind Plankton. Alles ist Schwellung und Verschwirrung. Jetzt schauen sie dich an, Tiefentierchen, aquarische Diener.

 

 

2. Kaiserkanal

Ein Urheber, auch Schrift-Ichling. Er bringt eigene Wirkungslichter mit, seinen Hallschatten. Er betritt das SCHAUDEPOT, den urheberrechtslosen Raum, Projektionskammer, das Spiegelreich der Ahnungen und Vermutungen, des Noch- und Nichtmehrwissens. Gläserfluchten, vielfache Hintersetzungen. Prunk-, Furcht- und Grinswinkel. Zwischen Glas kann er sich frei bewegen, in gesicherten Alleen. Schwebende Wesen oder Objekte, lose und in Formationen, man sieht sie von allen Seiten und vor immer anderer Kontinentfremde. Sie reiten über Glas. Starren ins Glas. Bewachen Glas. Wo Dschungel, wo Savanne wäre: Gleiss. Wo Grab oder Gruft gewesen wäre, wo Tempel, Schrein, Palast: Sicherheitsglas. Schwebend finden sie sich hinter Begriffen ein, sanft subsummiert. Aufs Glas geschrieben: Zuordnungen nach Herkunft, Funktion, z.B: CHINA, Grabbeigaben, Grabfiguren: Tiere und Diener/ Tiere, Reiter und Wächter/ Dienerinnen und Reiter/ Dachreiter. Bückt man sich, so sieht man unter die Auflageflächen, sieht letzte Intimität, das Verborgene: Sockelunterseiten, Fussunterseiten, Hufunterseiten. Tierbauchunterseiten, Nümmerchen.

 

 

3. Der Kaiser von China

Chinesesische Seefahrer, die im 15. Jahrhundert mit achtmastigen Schatzschiffen die Weltmeere erkunden, finden in anderen Weltgegenden nichts, was sie interessieren könnte, der Kaiser verfügt, die Meeresflotte abzutakeln. Es entstehen Mauern, hinter Mauern herrscht Symmetrie: Binnensysmmetrie. Der Kaiserkanal wird ausgebaut, die längste je von Menschen geschaffene Wasserstrasse, sie führt über 1600 Kilometer von Peking nach Hangzhou und ist vierzig Meter breit. Volle Tee- und Seidenspeicher in Hangzhou. Wenn der Kaiser auf dem Kanal in den Süden bewegt wird, werden Maus-, Schwan- und Drachenboote losgeschickt, die Kamele, die die Schiffe ziehen, sieht er nie, an den Ufern mitgehende Fächler und Wedler, der Wind, der ihn erfrischt, kommt nur als Hauch, wehende Seidenvorhänge, mitflatternde Schmetterlinge. Jedes Haus in Kanalnähe wird im Voraus geschmückt, jedes Bett wochenlang warmgehalten, falls ihn Müdigkeit überfällt, denn ein Kaiser muss an Land schlafen. Wenn die Mitte schläft, wachen Reihen, wacht der Rand. Da im Süden Regierungsgeschäfte ins Tausendste gehen, kann es sein, dass bereits der nächste Kaiser nach Peking zurückkehrt. Die Seidenstrasse führt zum Kaiserkanal und der Kaiserkanal in den Palast des nächsten und übernächsten Kaisers, alles, was es gibt, alles was vorstellbar ist, schwimmt vor die kaiserlichen Augen. Den Gesandten des Königs von England, als er Ende des 18. Jahrhundert um weitreichende Handelsabkommen bittet, teilt ein müder Mund mit, dass es nichts gäbe, was ihm Europäer anbieten könnten.

 

 

4. Dachreiter

Hangzhou 2014. Frage: Das letzte Mal, als ich hier war, stand der Bahnhof ausserhalb der Stadt. Antwort des Reisebegleiters: Die Stadt wächst zum Bahnhof. Ein Fünfzigjahreplan. Chicagovervielfachung. Hallbetörungen in neuchinesischen Bahnhöfen, Längshall, vielleicht neudigitale Stille, Hallfutur, keine Anleihen an frühere Paläste. Entwurfswucht, Verfügungsmacht, sie geht in die Abläufe. Keine Dachreiter auf neuchinesischen Bahnhöfen, Dächer nur zu erahnen. Hochgeschwindigkeitslinien durchs ganze Land. Immer wieder freistehende Bahnhöfe. Die Städte wachsen zu den Bahnhöfen.

 

 

5. Platzreiter

Ein staubfeiner Himmel über Peking. Verbindliche Messwerte der amerikanischen Botschaft gibt es auf allen Telefonen. Gattungsfrei, deshalb zu bestimmen: Das Stütz-, Wach- und Beleuchtungssystem auf dem Platz des himmlischen Friedens. In gleichmässigen Abständen über die ganze Fläche verteilt, stehen so zu nennende Massenplatzreiter – Stahlmasten, Granitsockeln entsteigend, etwa zehn Meter hoch, behängt und beladen mit Gerät. Höhere Sensorik. Jedes Exemplar liest und wirft, horcht und läutet, strahlt und hütet. Zuoberst prangt ein Vielgeweih, Kronfühler, der höchste Kreis: Neun weisse Lampenkugeln berühren den tiefliegenden Himmel. Dargereicht: Beeren. Deren Stiele mit nichtmonarchisch ornamentalem Schwung, es regiert das Planetarische, Trabantik. Neun Himmelsbeeren umkreisen ein fünfeckiges Gehäuse, eine Art Laternenhaus. Erloschenes Leuchtturmlicht. Boxen hinter Glas? Schwarze Membrane. Darunter, schmucklos am Mast: Wellentechnologie der vergangenen Jahrzehnte: Fluter und Strahler, Linsen, Mikrofone, längliche Lautsprecher. Tod den Spatzen, Korn für alle. Tod den Stadtratten. Tod den Zweitaktmotoren, es lebe die Elektronik. Die Sockel sind umlagert. Erschöpfte setzen sich gleich auf die kniehohen Bördchen.

 

Quellen zum Text:

Bei Allee handelt es sich um eine VARIATION des Textes „Dachreiter, Tiere und Diener“, der in Das Fremde ist nur in der Fremde fremd (Edition Patrick Frey und Museum Rietberg, 2014) erschien.

 

Die Schreibzelle 2014 bildete sich als Schreib-und-Lesegemeinschaft im März 2014. Das Dossier Schreibzelle 2014 versammelt folgende Werkgruppen, die sich auch als literarische Nebenräume der Ausstellung Gastspiel im Museum Rietberg verstehen lassen: Damian Christingers Tiraden (erste Staffel), Katharina Fliegers Fremde Federn, Ruedi Widmers Leben im Aarepark, Peter Webers Allee und Daniela Bärs Rochenwald (Erscheinungsdatum Dezember 2014).

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