Franziska Nyffenegger: Holzchinesen

von Franziska Nyffenegger Franziska Nyffenegger, *1966, ist Kulturwissenschafterin, Texterin und Dozentin. In Zürich gilt sie als Bernerin, in Bern als Zürcherin. Am liebsten spricht sie Spanisch. gepostet am 07. Juli 2014

Die Chinesen standen in einer Vitrine, montiert im Aufgang zum zweiten Stock. Spielen durften wir mit ihnen nicht. Ihr Onkel Max habe sie vor vielen Jahren aus Indonesien mitgebracht, erzählte uns die Grossmutter. In diesem Land aus lauter Inseln habe er Handel getrieben und eine Frau geheiratet, eine kleine braune. Die Chinesen aber, die sind gelb.

 

Sie essen alles, erklärte uns die Grossmutter, was vier Beine hat, nur den Tisch lassen sie stehen. Sie essen mit Stäbchen, nicht wie wir mit Messer und Gabel, und sie tun das sehr virtuos. Die Männer tragen lange Zöpfe wegen dem Kaiser. Sie schneiden ihre Haare nie.

 

Die Chinesen foltern böse Menschen, ähnlich wie das früher unsere Ritter gemacht haben, einfach mit anderen Maschinen.

 

Die Chinesen haben keine Autos. Wenn sie zügeln, laden sie ihr Hab und Gut auf einen Schubkarren und fahren so zum neuen Ort.

 

Der Kaiser schickt einen Boten mit einem Gong, wenn er den Leuten etwas sagen will. Die Chinesen sind sehr gelehrt, doch nicht alle können die schwierigen Zeichen lesen. Darum braucht es solche Boten.

 

Die Kormorane helfen dem Fischer bei seiner Arbeit. Er muss nicht angeln und auch keine Netze auslegen. Kormorane gibt es bei uns nur im Tierpark.

 

Die Chinesen rauchen Schlafmohn. Davon werden sie sehr müde. Vor langer Zeit führten sie deswegen einen schlimmen Krieg mit den Engländern.

 

Die Frauen nähen und sticken. Ihre Füsse sind ganz klein, damit sie den Männern nicht davon laufen können.

 

Der Pflug sieht ähnlich aus wie bei uns. Ziehen tut ihn ein Wasserbüffel und später sät der Chinesenbauer Reis.

 

Viele Chinesen leben auf dem Wasser. Das ganze Land ist voller Flüsse und Kanäle und insgesamt recht nass.

 

Reiche Frauen haben Diener und müssen nicht zu Fuss gehen.

 

Reiche Männer werden in einer Sänfte getragen. Eine Sänfte ist ein grosser Tragstuhl. Darin kann es sich der reiche Mann gemütlich machen.

Quellen zum Text:

Zur Inkommensurabilität von chinesischem und abendländischem Denken siehe:

François Jullien und Roman Herzog: Chinesisches Werkzeug. Eine fernöstliche Denkposition zur Archäologie des Abendlandes. In: Lettre International, 2004, Nr. 64

François Jullien: Die Mitte als Ort der Möglichkeiten. In: Le Monde Diplomatique, Oktober 2006