Dada Afrika

Die Zollfreilager-Spezialausgabe Dada Afrika begleitet die gleichnamige Ausstellung im Museum Rietberg (18. März bis 17. Juli 2016), die den aussereuropäischen Einflüssen auf die KünstlerInnen der Dada-Bewegungen gewidmet ist. Der Fokus von Zollfreilager ist ein erweiterter. Er untersucht zum einen europäisch geprägte Avant-Garde-Strömungen und die darin auftretenden Spielformen des Primitivismus, zum anderen blickt er auf nicht-europäische Modernen und deren Verhältnis zu Dada bis heute. Durch Probebohrungen auch experimentell-poetischer Art wird herausgestellt, wie und wo sich die global gewordene «reflexive Moderne» zeigt. Dada Afrika ist Teil eines grösseren Recherche- und Lehrprojekts der Plattform Kulturpublizistik. Die zugehörige, von der Ausstellung im Museum Rietberg unabhängige, Publikation erscheint im Oktober im Verlag Diaphanes.

Die Zollfreilager-Spezialausgabe Dada Afrika begleitet die gleichnamige Ausstellung im Museum Rietberg (18. März bis 17. Juli 2016), die den aussereuropäischen Einflüssen auf die KünstlerInnen der Dada-Bewegungen gewidmet ist. Der Fokus von Zollfreilager ist ein erweiterter. Er untersucht zum einen europäisch geprägte Avant-Garde-Strömungen und die darin auftretenden Spielformen des Primitivismus, zum anderen blickt er auf nicht-europäische Modernen und deren Verhältnis zu Dada bis heute. Durch Probebohrungen auch experimentell-poetischer Art wird herausgestellt, wie und wo sich die global gewordene «reflexive Moderne» zeigt. Dada Afrika ist Teil eines grösseren Recherche- und Lehrprojekts der Plattform Kulturpublizistik. Die zugehörige, von der Ausstellung im Museum Rietberg unabhängige, Publikation erscheint im Oktober im Verlag Diaphanes.

Afrika Dada

Neger, die noch nie ein Auto gesehen

von Franziska Nyffenegger Franziska Nyffenegger, *1966, ist Kulturwissenschafterin, Texterin und Dozentin. In Zürich gilt sie als Bernerin, in Bern als Zürcherin. Am liebsten spricht sie Spanisch. gepostet am 21. April 2016

Eine farbig bemalte Kiste. Auf dem Deckel der Kontinent AFRICA, am rechten Rand die Halbinsel ARABIA FELIX. Der Kontinent bevölkert von Kamelen, Krokodilen, Elefanten und gross gewachsenen Nubiern. Windjammer auf den Meeren. Giraffen und Gazellen, Antilopen und Zebras als Zierde der Seitenwände; auf der Frontseite eine Gruppe kaum bekleideter schwarzer Menschen, die Männer mit Schild und Speer, die Frauen mit Kopflasten. Darüber zwei Wappen und eine Jahrzahl. Alles gemalt in einem naiv virtuosen Stil, realistisch und doch voller Fantasie. In der Kiste fünf Fotoalben, drei Skizzenbücher, einige Aquarelle auf losen Blättern, eine Mappe mit Durchschlägen handschriftlicher Briefe, Land- und Postkarten, ein paar Andenken. Zeugnisse der Reise eines Berner Professors an den Internationalen Geologenkongress in Pretoria 1929; Erbstücke einer bildungsbürgerlichen Familie.

Nein, mit Dada hat das nichts zu tun und mit Afrika nur wenig. Viel zu tun hat es mit jener Gesellschaft, in der die Sammlung von der Heydt, die Gründerdonation des Museums Rietberg, entstanden ist, und in der das so genannt Primitive einen angenehm exotischen Kontrast zum Eigenen bildet. Von einem Dialog mit dem Fremden kann keine Rede sein; es dominieren ein wohlwollend herablassender Aussenblick. Stellenweise blitzt Trauer über den Verlust von Ursprünglichkeit auf. Ein Ansatz von Kolonialkritik kommt über die Frageform nicht hinaus.

Der Reisende berichtet nach drei Wochen auf See am 6. Juli 1929 über die Ankunft in Walfischbucht: „Wir haben Zeit die ‚Schwarzen’ zu bewundern. Es ist das einzig ‚Farbige’ an dieser Gegend. Eine herrliche Gesellschaft! (…) Sie sind flink u. elastisch, stossen u. tragen Kisten im Laufschritt herum, und – haben sie nichts zu tun –, so lungern sie in ihren unbeschreiblichen Mänteln malerisch herum.“

Einen Monat später, am 6. August, beschreibt er eine Diamantenmine in Pretoria: „Schichtablösung: hunderte v. Negern in den phantatischsten Kostümen steigen im Gänsemarsch herauf. Namentlich schön die buntgemusterten Wolldecken, die sie als Mäntel malerisch umgeschlagen tragen. Viele Prachtskerle, dabei sehr gutmütig und ruhig.“

Am 13. August folgt der Besuch einer Goldmine: „Der Minenmanager inszeniert f. uns Tänze der Eingeborenen (…). Das war sehr interessant. Die Kerls sind unglaublich gewandt, haben feinsten Rhythmus u. grosse ‚Körpertechnik’, ausserordentliche Ausdauer. Es ist ein Genuss den Bewegungen dieser schön fein gebauten Körper zuzusehen.“ Mit Bedauern wird der Einfluss der Kolonialherren konstatiert: „Aber eben: ganze od. teilweise Europäerkleidung! Einer der Kriegstänzer trug einen hellgrauen Filzhut, Westonkleid, – und neben einigen alten Keulen u. wenigen Wurfspiessen sah man anstatt der Lanzen Spazierstöcke mit Silbergriff, Ruten etc. u. statt der Schilde Emballagefetzen. Die Musik war aber ganz echt. Trommeln u. Pauken und Pfeifen oder Schalmeien (od. wie man dem sagen soll) aus Antilopenhörnern. (…) Jedes Horn gibt einen anderen Ton. So blasen sie neben und durcheinander, unter wilden Bücklingen u. Getanze schweisstriefend u. unentwegt. Aber immer mit Takt.“

Einen weiteren Monat später am 12. September auf Exkursion in der Provinz Transvaal am Olifant-River: „Weit, weit geht es. Die Eingeborenen-Hütten (Kraals) werden zahlreicher u. unverfälschter, die Strasse schlechter. (…) Diese Leute passen in die Gegend, in die rauhen Steine, in denen in Menge Schlangen hausen, Klippdachse rennen u. über denen Adler und Geyer kreisen. Ihre harte Haut trotzt allen Dornen. Und die glühende Sonne mag diesen schwarzen Körpern nichts anzuhaben. Noch ertönt ihr eintöniger, aber stets heiterer Gesang bei der Arbeit oder des Abends in der Stille. Traurig wird einem zu Mute, wenn man bedenkt, wie überall, wo der Weisse hinkommt u. herrscht, die alte Kultur (od. Unkultur) verdorben, ruiniert, unrettbar verdrängt wird. Warum muss das so sein?“

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