Etwas

von Karin Seiler Karin Seiler, *1965, ist Wissenschaftliche Illustratorin, Dozentin an der Zürcher Hochschule der Künste und Kulturpublizistik-Studentin. gepostet am 06. Februar 2015

Scharf abgegrenzt, aber manchmal auch eine Wolke. Ein Stein im Schuh, eine weisse Wolke, die über den blauen Himmel zieht, die Sonne für Sekunden verdeckt. Ein stechend in die Nase steigender Geruch, eine plötzliche Sehnsucht. Ein Fleck auf dem frisch gewaschenen Hemd, der Pickel am Kinn. Der bissige Hund, das Kind, das in der Klasse stört, Plastikpellets im feinen Sand, Quallen im Mittelmeer. Der einzelne Schuh, der auf der Wiese liegt. Eine flüchtig hingeworfene Bemerkung, ein Stachel in der Seele. Der Fussgänger auf dem Veloweg, ein Anruf, der nicht kommt. Die herausgebissene Plombe im Butterbrot. Eine Nadel in der Vene. Der Schatten auf dem Röntgenbild, die Schraube im Knochen. Das Metall in der Asche. Der Kloss im Hals. Der Fremdkörper.

Meistens vergisst sie ihn, meistens ist es so, als ob es ihn nicht gäbe. Ihr Körper hat ihn sich zu eigen gemacht. Manchmal ein diffuser Druck, eine Spannung, eine schwache Übelkeit. Bläuliches Schimmern in einer zufällig geöffneten Schublade – da liegt er. Kühles Titan in ihrer Hand, ein zylindrisches Objekt, zierliche Spitzen bohren sich leicht in die Haut. Man nennt es Cage. Der Chirurg hatte ihr einen geschenkt, wieso eigentlich? Die Tage flossen ineinander. Die Decke des Zimmers mit dem Lochraster. Stundenlanger Narkoseschlaf. Der Chirurg hat einen Cage zwischen zwei Wirbelkörper gesetzt, exakt bemessene Distanz, mit kleinen Schrauben eingestellt und festgemacht. Metall, das sich in Knorpel bohrt. Fäden, die das Gewebe zusammenhalten. Schläuche, die das Innen mit dem Aussen verbinden. Zu sich kommen. Einatmen, ausatmen. Ein Etwas, irgendwo. Aus dem Schlaf aufschrecken. Tabletten in Behältern, träge tropfende Kochsalzlösung. Die helle Kontur im Röntgenbild. Er ist zufrieden, der Chirurg. Fäden, die gezogen werden, gerötete Haut, wo Pflaster klebten. Erste Gehversuche, ein Vorher und ein Nachher. Unbeschwertheit vor dem Bruch, ein erster Tanz danach, wieder aufrecht, wieder ganz, durch den Fremdkörper ergänzt.

So oft sie es in die Hand nimmt, das Objekt bleibt fremd, in ihrer Schublade, zwischen vergessenen Ringen und abgerissenen Knöpfen und dem nie getragenen Kleid im Schrank. Ein flüchtiges Erinnern, ein Hauch, ein Frösteln. Unversehrt sein. Fragil sein. Auf einer Mauer balancieren. Die Strasse überqueren, in den Morgen tanzen. Glatteis, das auf der Strasse glänzt. Sonnenstrahlen, die durch Wolken dringen, die Wärme auf ihrer Haut, Süsse auf der Zunge. Das Metall in ihrer Asche.