Gastspiel im Gastspiel

Vom 12. Juli bis am 9. November 2014 fand «Gastspiel. Schweizer Gegenwartskunst im Museum Rietberg» statt. Zollfreilager erhält die Gelegenheit, mit eigenen Zugängen, Positionsnahmen und Beobachtungen auf die Ausstellung, das Museum und seine Sammlung zu reagieren. Mitwirkende der bis November abgeschlossenen Spezialausgabe sind neben der Zollfreilager-Redaktion auch Damian Christinger (Kurator der Ausstellung), Peter Weber und Lukas Bärfuss (beide vertreten in der Ausstellung).

Vom 12. Juli bis am 9. November 2014 fand «Gastspiel. Schweizer Gegenwartskunst im Museum Rietberg» statt. Zollfreilager erhält die Gelegenheit, mit eigenen Zugängen, Positionsnahmen und Beobachtungen auf die Ausstellung, das Museum und seine Sammlung zu reagieren. Mitwirkende der bis November abgeschlossenen Spezialausgabe sind neben der Zollfreilager-Redaktion auch Damian Christinger (Kurator der Ausstellung), Peter Weber und Lukas Bärfuss (beide vertreten in der Ausstellung).

Damian Christinger: Tiraden

von Damian Christinger Damian Christinger, *1975, ist Kurator und Kulturhistoriker. Seine Interessengebiete befinden sich im Dreieck Europa, Asien und Lateinamerika. gepostet am 28. Oktober 2014

Vorrede

Die folgenden kurzen Texte fand ich als lose Blätter in einem würdigen Versteck, der Erstausgabe des Buches Ali und Nino von Kurban Said. Ohne ihre Bedeutung wirklich zu verstehen, mache ich sie nun einer Öffentlichkeit zugänglich. Ebendort fand sich ein Brief, den mein Grossvater, obwohl im Alter erblindet, immer noch beindruckend klar auf Bütte gebracht hatte, um seine knappen, an den Gehorsam des Lesers appellierenden Anweisungen zu übermitteln.

Das Versteck war typisch für meinen Abuelo, der nicht nur doppelte Böden und falsche Fährten liebte, sondern auch Anspielungen und Innuenden, verquaste Zitate und oszillierende Bedeutungsebenen. Ali und Nino ist die Liebesgeschichte zwischen einem muslimischen Jungen und einem christlichen Mädchen, und eine Ode an Baku, die Perle des kaspischen Meers, in seiner Blütezeit kurz vor der russischen Revolution. Publiziert in der Sprache Schillers ein Jahr vor dem Überfall auf Polen unter dem Namen Kurban Said, der dann als der muslimische Prinz und Abenteurer Essad Bey enttarnt und von den Kulturgrössen der Nazis hofiert wurde, erschien das Buch in den siebziger Jahren auf Englisch und wurde ein Bestseller. Erst 1999 stellte sich heraus, dass auch der Autor Essad Bey eine Fälschung war, eine lebensrettende Larve, die den Juden Lev Nussimbaum in einem ihm feindlichen Lebensumfeld beschütze.

Das Konvolut der Texte, das nun hier vorliegt, erscheint mir ebenso wie eine, wenn auch eine aus Wörtern gebaute, russische Puppe, und ich traue ihr nicht, auch wenn, oder vielleicht weil, mein Großvater es durchaus sachkundig annotierte und kommentierte. Ihn allerdings einen kauzigen Bibliophilen zu nennen, wäre das Äquivalent zur Behauptung, Henry Kissinger sei die Reinkarnation von Machiavelli unter veränderten technischen Voraussetzungen. Luis Bartholome Jorges (so sein Name) teilte nicht nur seinen zweiten Vornamen mit einem Apostel, sondern wird von seinen Apologeten auch als solcher verehrt. Und wie ein Apostel duldet auch er keinen Widerspruch, Allas diese kleine (wohlgemerkt selbst finanzierte) Publikation in der Edition Garamond. Seine ausufernde Bibliothek zu verwalten und zu verstehen, ist, auch wenn ich die japanische Zeichentrick-Serie Arsen Lupin einem französischen Buch jederzeit vorziehe, irgendwie zu meiner Pflicht und Schuldigkeit geworden.

Da ich dem, was hier vorliegt nicht gewachsen bin, füge ich einen kurzen Auszug aus dem Brief meines Großvaters an:

Die folgende Sammlung von Texten ist ein Konvolut, das mehrere Jahrhunderte abdeckt. Obgleich äußerst heterogen in ihren äusseren Erscheinungsformen und den Sprachen, in denen sie verfasst sind, teilen sie doch eine Botschaft. Vermittelt durch die nicht nur schöne, sondern auch durch und durch dekadente Fürstin von Lucinge kaufte ich die Sammlung 1929 dem geachteten und verarmten Antiquar Joseph Cartaphilus aus Smyrna ab, der mir versicherte, sie 1889 einem gewissen Stanislas de Guita gestohlen zu haben. In ihrer Fülle belegen die Texte eindeutig, was ich als Schriftsteller nur anzudeuten vermochte. Es gibt keine verschiedenen Kulturen, es gibt nur ein grosses Weltensummen, dessen Schwingungen in individuellen Emanationen Zeugen hervorbringen konnte, deren Fiktionalität nicht nur nie bewiesen wurde, sondern – auch wenn es sich um eine solche handeln würde – einer realistischen Weltenflucht in jedem Falle vorzuziehen ist.

Wie man sieht, habe ich von Jorge Bartholome nicht nur die Neigung zu umständlichen Sätzen, sondern auch die Fähigkeit geerbt, mich selber glaubwürdig zu belügen. Er glaubte wohl einem grossen Weltengeheimnis auf der Spur zu sein, ich glaube, dass er langsam den Verstand verlor. Um dem geneigten Leser das Urteil zu überlassen, wer sich im Recht befindet, habe ich seine Kommentare mit abgedruckt, obwohl mir sein Brief dies ausdrücklich verbot. Wenn mein Großvater Recht behält, ist alles verloren, denn dann ist alles, was wir über die Literatur, unsere Geschichte und Kultur wissen, falsch. Die Schlunde von Cthulhu würden sich öffnen und uns und unsere Wahrheiten verschlingen.

 

 

Erste Tirade(für U.E. und das F.P.)

Wie mich die Regenrinnen abstossen, die Dachtraufen und metallenen Gullys. Symbole einer Welt, die nicht mehr die unsere ist, entzaubert und banal, dekadent in ihrer Aufgeklärtheit und ermattet in ihrem technischen Gehabe. Eingepasst in das hässliche Gebäude, das anzuschauen ich tagein tagaus verdammt bin. Die jungen Menschen, die in der rot-weissen Monstrosität ein- und ausgehen, um Dinge zu lernen, die niemand braucht, sollten nur einen Tag mit mir verbringen, sie würden mehr über die Geschichte und die Welt lernen als während einem Jahr in diesem postmodernen Klotz.

Natürlich gibt es Anstrengungen, uns in Erinnerung zu behalten, aber auch die, die Erben des grossen Walt mögen sich noch so sehr bemühen, sind vulgär und leben von technischem Firlefanz. Sie scheitern wie die Templer in Mansurah, Edle im Gefolge der Gierigen. Sicher, auch wir hatten ursprünglich immer eine Funktion, zugeteilt von den freien Maurern und den Künstlern der Statik, aber unsere war dual, im ursprünglichen Wortsinne gnostisch und somit hermetisch aufgeladen.

Der Zauber, der uns innewohnt, wird nur noch von ganz wenigen wahrgenommen, einer eklektischen Gruppe von Eingeweihten und obdachlosen Spinnern mit intaktem Sensorium. Sie sprechen zu uns und lassen sich von uns beraten, profitieren von unserem Weltwissen, so wie es die ersten visionären Steinmetze voraussahen und wollten. Einer dieser Irren mit intaktem Sensorium hat uns die Reise über den Atlantik und unsere Wiedergeburt in der einzigen Stadt der Welt ermöglicht. Als würdiger Nachfolger des genialen Poeten Edgar A. P. hat er die Welt nicht nur auf die Kreaturen um Ctulhu aufmerksam gemacht, sondern uns als Wächter auserkoren, damit wir die zivilisierte Welt vor ihnen beschützen. Unsere Augen sollten überall sein, gut platziert, hoch oben über den Dächern der Städte, weilen wir, Stein gewordene Aufmerksamkeit und nun versteinerte Erinnerungen, die niemanden mehr zu interessieren scheinen. Wie sollen wir die Welt vor Azathoth und Shub-Niggurat schützen wenn wir immer weniger werden?

Ich hab den kleinen, tapferen Kerl gefunden, wie er missmutig auf die Columbia Universität starrt, auf dem Dach der Riverside Church hockend, auf fast 120 Metern Höhe. Als ich ihn ansprach, hat er nicht mit mir reden wollen, sondern zuckte nur sehr sehr langsam mit den Schultern.

 

 

Zweite Tirade

Ich, eine Erfindung! Als könnten sie mich mit Atlantis, Xanadu, El Dorado, Agharta, Avalon, Camelot, Hyperborea, Thule, Skarda oder Mahoroba gleichsetzen, sprechen sie von mir als einem „utopischen Ort“ und von James Hamilton als meinem Erschaffer. Dabei verhält es sich genau umgekehrt! Die Berichte von Shambala und Khembalung und das Taohua Yuan Ji haben erst den Erzähler Hamilton geschaffen und ihn dann unsterblich gemacht.

Dass ich als Genius Loci dieses Tals überhaupt das Wort ergreifen muss, ist dieser geistigen Verwirrung namens Tourismus zuzuschreiben, die rechtschaffende Leute dazu zwingt, ihr Tal oder ihr Hotel nach mir zu benennen, anstatt redlichen Ackerbau zu betreiben und von dem zu leben was die Erde hergibt, um sich dann Abends auf jene Reisen zu begeben, die ihren Ursprung immer im Innersten haben.

Wer auf und in mir lebt, ist ein Teil von mir, und ich ein Teil von ihm. Was sie sehen, hören oder denken, sedimentiert in mir zu unzählbaren Schichten von Gefühlen und Wissen, Keimstätten für Möglichkeiten und Erkenntnis. Deswegen und nicht aus verletztem Stolz (den hab ich zuerst abgelegt), wende ich mich hier gegen die Verwendung meines Namens als Tourismus-Destination, mein Name sollte das Ziel jeder Reise sein, denn mich zu finden ist wirklich und nicht-tatsächlich möglich.

Da hatte er Recht... Allerdings war dies meine beschwerlichste Mission, und das lag gewiss nicht an der scharfen Küche Yunnans oder den beschwerlichen Wegen von Ladakh. Als ich endlich dort anlangte schien mir dieses Paradies die Mühe von fünf Jahren unentwegter Meditation wert – bis mir der inhärente Totalitärismus der Perfektion immer saurer aufstiess und ich ins Glück meiner Bücher zurückkehrte.

 

 

Dritte Tirade

Den Schreibenden zu finden, war einfach. Er ist ein bekannter Aktivist, der in ganz Lateinamerika für die Rechte der Indigenen und gegen Staudammprojekte kämpft. Sympathisch war er mir nicht, zu vergiftet war sein Geist von einer seltsamen Melange aus kommunistischen und spiritistischen Ideen.

Ich sage nicht, dass er ein Rassist war, aber schon sehr Kind seiner Zeit. Ich mag ihn ja sehr und bin ihm auch wirklich tief dankbar dafür, verhindert zu haben, dass meine Seele Gefangene in einem Feindeskörper wird. Aber wie schwierig kann das denn sein? Man klopft auf seine Brust, sagt seinen Namen und zeigt dann auf die Brust des Anderen, und macht ein fragendes Gesicht. Selbst die Changuenes, die mich auf diese Insel schleppten um mich dort zu verspeisen, verstehen diese einfachen Grundprinzipien, und sie primitiv zu nennen, wäre ein Kompliment.

Aber er, er kriegte das einfach nicht hin und nannte mich nach dem Wochentag, an dem wir uns trafen. Anfänglich war das ja auch kein Problem, ich bin ein geduldiger Mensch, auch gegenüber weniger schnell denkenden Menschen, bei uns Naso findet jeder seinen Platz. Aber selbst nachdem ich ziemlich schnell seine Sprache lernte, die mir übrigens wegen ihres Reichtums an Synonymen sehr gefällt, blieb er dabei, auch wenn ich ihm die sieben Bedeutungen meines eigentlichen und richtigen Namens genau erklärte und ihm auch das Gewicht eines Namens deutlich zu machen versuchte.

Nach der Insel, auf unseren abenteuerlichen Reisen und in Europa, behandelte er mich mit einer gewissen Distanziertheit, und manchmal hatte ich fast das Gefühl, dass er mich für seinen Diener hielt. Die Intimität der Insel war weg, seine Persönlichkeit veränderte sich, er wurde wieder zu einem gewöhnlichen Europäer. Hatte sich sein Geist zuvor geöffnet, so sah er die Welt jetzt wieder durch einen singulären Kanal. Seine komische Religion, die schon immer wirr in seinem Kopf gespukt hatte, gewann wieder die Oberhand und verschloss seine Augen für die Geister dieser Welt.

Dass unser Volk heute denselben blutrünstigen Vater anbetet, schmerzt mich sehr, waren unsere alten blutrünstigen doch viel besser ans Gelände angepasst, in dem wir leben. Die schleichende Konvertierung unserer Bräuche und unserer Glauben ging einher mit der Invasion jener Männer, die, wie mein Freund, zuerst als vereinzelte Schiffbrüchige auftauchten, um dann als Armee über uns herzufallen Was ihre einzelnen Kugeln nicht vermochten, erledigten ihre Krankheiten gründlich.

Wie gesagt, er ist kein Rassist, aber seine Haltung, millionenfach durch seine Erzählung verbreitet, spiegelt das Grundproblem. Ich heisse nicht wie ein Wochentag und mein Land heisst nicht Panama!

 

Quellen zum Text:

Die Schreibzelle 2014 bildete sich als Schreib-und-Lesegemeinschaft im März 2014. Das Dossier Schreibzelle 2014 versammelt folgende Werkgruppen, die sich auch als literarische Nebenräume der Ausstellung Gastspiel im Museum Rietberg verstehen lassen: Damian Christingers Tiraden (erste Staffel), Katharina Fliegers Fremde Federn, Ruedi Widmers Leben im Aarepark, Peter Webers Allee und Daniela Bärs Rochenwald (Erscheinungsdatum Dezember 2014).

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