Addis Abeba. Eine Fantasie

von Olivier Christe Olivier Christe, *1986, ist Kulturbeobachter und Absolvent des Master Kulturpublizistik. gepostet am 06. Februar 2015

Am Anfang stand ein Bild. Ein Foto. Ein Foto aus der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Aufgenommen von einem Freund, der dort gerade an einem Filmdreh dabei ist. Das Bild leuchtet vom Bildschirm meines Laptops. Ich sitze zuhause. Basel. Es ist zu sehen: Ein Baustellenschild mit 16 Verbots-Signeten. Darunter die jeweils zugehörigen Wortgruppen. Über das Ganze zieht sich der Schriftzug: China Railway Group Limited LRT Project 1 st Branch. Alles zweisprachig, Chinesisch und Englisch.

Mein Vater würde sagen: Weisst du, wem der ganze Konflikt zwischen Russland und dem Westen in die Hände spielt? Den Chinesen. Er würde vielleicht auch sagen: Sie sind unberechenbar. Fremd, kalt, rational. Da waren sogar die Russen noch menschlicher. Vielleicht würde er es aber auch nicht sagen.

Ich sage: Die Russen kenne ich ein wenig. Kennen heisst, ich kenne einen Andrej, eine Mascha, wir haben zusammen Bier getrunken und über allerlei Dinge gesprochen. Ich mag sie. Mir fehlt aber ein chinesischer Andrej, eine chinesische Mascha. Chinesen sind Chinesen. So viele.

Die Furcht meines Vaters ist wohl meine eigene. Die Furcht vor der immensen Armee von Arbeitsbienen, die Dämme bauen und brechen, aber keine Rechte haben. Sie opfern sich für das Wohl des Volks. Für das Wohl der Königin, die fett und unbeweglich im Zentrum der Waben liegt und deren einzige Aufgabe die Reproduktion ist. Ein demografischer Siegeszug mit der einzigen Absicht, die Weltherrschaft an sich zu reissen. Weisst du, was wir heute Abend tun? Wir versuchen die Weltherrschaft an uns zu… Stopp! Es sind doch Menschen wie wir. So spricht man nicht. Der Vergleich mit Insekten. Widerlich. Ruf dir die Geschichte in Erinnerung! Sie wollen am Abend doch auch nur nach Hause zu ihrer Familie. Sie wollen, dass diese nicht hungert. Sie wollen etwas Sicherheit und Freiheit.

Ich breite die Arme aus. Ein erster Schritt. Noch weiss ich nicht, ob die Enden dieser Arme sich ballen und über die chinesischen Köpfe niedergehen – Bud Spencer kommt mir in den Sinn – oder ob ich sie liebevoll umarme. So trete ich ihnen entgegen: "Freut mich. Oli. – Ach so, Sao Dum. Wirklich ein sehr schöner Name. – Wie? Nein, ich lache nicht. Ich hab da manchmal so ein nervöses Zucken im Gesicht. Ist angeboren. Hat nichts mit dir zu tun."

Ich stehe vor dem Schild mit den 16 Verbots-Signeten. Zwischen den Absperrungen hindurch werfe ich einen Blick auf die Baustelle. Mittagspause. Ich schlüpfe hinein. Eine Gruppe chinesischer und äthiopischer Arbeiter brät auf dem Auspuff eines überdimensionierten Baggers Würste. Schweiss perlt auf ihren Stirnen. Die Würste, sie gleichen unseren Cervelats und sind auch so eingeschnitten, strecken ihre Beine von sich. Die Arbeiter winken mir zu. Ich setze mich. Lege eine Wurst auf den Auspuff. Mein Vater würde sagen: Sie arbeiten hart und haben Respekt verdient. Jeder, der hart arbeitet, hat Respekt verdient.

Eine grosse Rauchwolke steigt aus dem Auspuff des Baggers. Die Arbeit geht weiter. Ich hebe die Hand zum Gruss und mache mich davon. Gehe durch die Strassen der Metropole. Eine Autobahn, so sauber, dass man sie als Operationstisch nutzen könnte, durchzieht die Ebene von Addis. Schallreduzierender Teer, eine Blütenpracht trennt die Fahrbahnen. Autos fahren aufgrund der Gebühren nur wenige. Ich gehe neben der Betonschlange im Kiesbett bis zu einem Hausriesen. Eine Fabrik, grösser als was Augen sehen können.

Ein alter Mann steht an die Fassade des Hausriesen gelehnt: “Sieh dir an, was hier vor sich geht. Die Chinesen sind unsere neuen Herren. Bald werden sie unsere Felder bewirtschaften und unser Getreide essen.“„Ist es denn so schlimm?“, frage ich. „Sie bringen doch immerhin Arbeit. Die meisten Äthiopier freuen sich über die Chinesen.“„Sie verschiffen unsere Ernten nach China“, brüllt er heiser. Im gleichen Moment wendet er sich von mir ab und geht der endlosen Fassade entlang. Ich blicke ihm nach, bis er in der Ferne verschwindet.

Der Filmdreh ist zu Ende, und der Freund, der mir das Foto aus Addis Abeba geschickt hat, sitzt mir in einem Basler Café gegenüber. "Der Aufbruch ist in Äthiopien überall zu spüren. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Eine Energie liegt in der Luft, als wäre nun alles möglich. Es gibt schon kritische Stimmen, aber die gibt es immer, wenn sich in einem Land etwas bewegt. Kaum jemand will die Jahrhundertchance aufgrund solcher Ängste vorbeiziehen sehen. Zuviel steht auf dem Spiel.“