Arabische Nächte

von Jessica Hornung Jessica Hornung, *1989, studiert seit 2014 im Master ausstellen&vermitteln an der ZHdK. Zuvor hat sie in Deutschland einen Bachelor in Ägyptologie und Altorientalistik sowie Ur- und Frühgeschichte abgeschlossen. gepostet am 06. Februar 2015

Das Flirren ermüdet die Augen. Es ist heiss, fast unerträglich für uns unter dem Kopftuch, und Schweiss rinnt über die Stirn. In der Masse aus Leibern werden wir hin und her geworfen, während wir vergeblich versuchen, all die Eindrücke aufzunehmen, an Verarbeiten ist gar nicht zu denken. Rundherum ist alles alt und beige, hier und da ein Hauch Blau, etwas heruntergekommen und doch… sind wir in 1001 Nacht, in Aladdin? Die Zwiebeltürme, Windtürme, Minarette, der Lehm und die blauen Kacheln lassen uns träumen. Zu Hause ist es nie beige, beige ist fremd, unwirklich, bei uns sind die Häuser grau.

Wir singen laut Arabische Nächte, als wir mit all unseren Fantasien zwischen diesen erdenen Mauern wandeln. Man würde uns wohl wegen Sittenwidrigkeit festnehmen, würden wir versuchen, gekleidet wie Walt Disney’s Prinzessin Jasmin durch die Lehmstrassen zu laufen. Verkleidet fühlen wir uns dennoch. Wie für ein Kostümfest hatten wir uns im Voraus Mäntel und Kopftücher besorgt, kichernd die passenden Farben ausgesucht und geglaubt, wir würden uns anpassen, wären vorbereitet. Doch wir fallen auf hier, sind eine Attraktion mit unseren zu langen Mänteln, unseren zu bunten und zu strengen Kopftüchern, den zu hellen Haaren, die sich widerspenstig aus dem Tuch winden. Man will sich mit uns fotografieren, dabei sehen doch die Anderen fremd aus, sie haben zu kurze Mäntel und zeigen zu viel Haar. Und schliesslich versuchen wir zu imitieren, wie sie es machen, die Tücher locker auf dem Hinterkopf statt nur einfingerbreit Haar oder gar keines. Und wieder ist es falsch. Als Fremde müssen wir uns strenger an die Regeln halten als die eigene, aufmüpfige Jugend oder die Märchen-Prinzessin aus unseren Köpfen.

Unerwarteterweise tragen die Menschen hier meist Schwarz, genau wie wir zu Hause auch: schwarze Anzüge, das kleine Schwarze, schwarze Mäntel, schwarze Pullover. Wir hingegen sind hier bunt, bunte Hunde mit unseren Tüchern, aber im märchenhaften Bazar um uns herum gibt es noch viel mehr flirrende Farbe – alles leuchtet, glänzt, glitzert. Die Stoffe, die Teppiche, der Schmuck, die Teller, sogar die Gewürzberge und auch die kleinen Stoffzipfel, zu zufällig unter dem Ärmel einer Frau hervorblitzend. Die Farben wirbeln in grossen und kleinen Mustern, Formen um uns herum, dass sich uns nur so der Kopf dreht, und all die exotischen Gerüche benebeln unsere Sinne.

Wir sind nicht in Aladdin oder in 1001 Nacht, keine leichtbekleideten, pastellfarbenen Haremsmädchen oder Prinzessinnen. Überall sind karge Felsen und Berge, aber keine ewige Wüste. Kamele haben wir auch keine gesehen, wir haben sie nur gegessen. Wir ersticken unter unseren Kopftüchern und an unseren Vorstellungen, wie es hätte sein sollen, und singen Disney-Lieder, während wir völlig verschleiert durch die Lehmstrassen tanzen und auf den Prinzen mit der Feder am Turban warten, der uns auf seinem fliegenden Teppich über die beigen Türme und blauen Kuppeln fliegt. Hoffend, hier im Bazar würde es reichen, an einer goldenen Wunderlampe zu reiben und ein Djinn würde uns drei Wünsche erfüllen, während zu Hause unser Tiger auf uns wartet.

Zu Hause: Das ist gerade jeder Ort, an dem ich endlich dieses Kopftuch abnehmen darf.