W wie Wahrzeichen-Architektur

von Daniela Bär Daniela Bär, *1989, ist Kulturpublizistik-Absolventin und Zollfreilager-Mitgründerin. gepostet am 23. Dezember 2014
  • Filmstill "La Maddalena"

Sie verhelfen einer Stadt zu einer Skyline und erhöhen den touristischen Marktwert des Bodens, auf dem sie gebaut wurden. Ihr Fundament ist der Stolz eines Ortes, ihre Konstruktion wird von Reisenden fotografiert, von der Souvenirindustrie minimiert und abstrahiert. Einst Orientierungshilfe für wandernde Gesellen, stehen sie heute für den Positionierungswillen einer Stadt: Wahrzeichen – gebaut, um Aufmerksamkeit zu erregen. Stolz eines Ortes konnte einst nur werden, was von der Bevölkerung – den Bewohnern einer Stadt, einer Gemeinde, einer Community – mitgetragen wurde. In der Zeit der Wahrzeichen-Architektur scheint diese Zustimmung immer weniger zwingend. 

Beispiel der Insel La Maddalena im Norden Sardiniens: „Obviously, this is a story of waste and misappropriation of public moneys“, meint Stefano Boeri, italienischer Architekt und einer von zwei Protagonisten im Film La Maddalena von Ila Bêka und Louise Lemoine. Die Insel La Maddalena und das von Boeri eigens dafür konzipierte und gebaute Kongresszentrum sollten im Juli 2009 Gastgeber für einen G8-Gipfel sein. Eines maximalen globalen Interessens konnte sich La Maddalena durch die Teilnahme des neu gewählten Barack Obama sicher sein, ein Ereignis, von dem sich auch der Architekt Boeri viel versprach: Sein Gebäude als Ort, an dem sich der erste schwarze US-Präsident der Welt präsentiert. Doch dann kam alles anders. Das Erdbeben vom 6. April 2009 in den Abruzzen hat den damaligen Ministerpräsident Italiens, Silvio Berlusconi, dazu veranlasst, den Gipfel dahin zu verlegen, wo sich die Trümmerberge am höchsten türmten: Nach L’Aquila, Hauptstadt der zerstörten Region. Nach der Verlegung des Gipfels wurde das neu gebaute Kongresszentrum sich selbst überlassen – finanziert und gebaut für: nichts. Der Film La Maddalena zeigt den Architekten und sein Werk, ein enttäuschter Mann, der sein Gebäude betritt, die von ihm geplanten (Leer-)Räume durchschreitet, über Wände streicht und durch die hohen Glasfassaden nach draussen ins trübe Graublau blickt. Die Stimme aus dem Off: „It feels like a black hole in my professional life, as well as in my private life. (...) I have been the planner of works that today are abandoned.“

Das Wahrzeichen wird so zum Geisterzeichen und dadurch zum Zeichen für die Krise seines Standorts. Aktuelle Bauten in einem Zwischenstatus sind etwa die Elbphilharmonie in Hamburg oder der neue Berliner Flughafen. Während Unfertiges, Ungebautes, Unbelebtes und Unmögliches im Kunst-Kontext mitunter Sinn der Sache ist – Hans Ulrich Obrist präsentierte 2009 unter dem Titel Unbuilt Roads nicht-umgesetzte Kunstwerke von 107 KünstlerInnen –, zeigt sich in Neubau-Ruinen wie auf La Maddalena der Zielkonflikt (spät-)moderner Architektur: Das Wahrzeichen ist ein Bild in der Landschaft, das zum Bild im Kopf werden soll. Dass es auch einen Nutzen haben und im Leben einer Stadt, einer Gemeinde, einer Community Sinn machen sollte, wird zwar munter weiter behauptet, aber in der Standort-Demokratie abnehmend ernst genommen. Dass Wahrzeichen-Entwerfer sich mit dem Kopf gerne in utopische Höhen aufschwingen (und gerade damit die prestigeträchtigsten Wettbewerbe gewinnen), macht die wackligen Füsse solcher Projekte nicht stärker – nur besser sichtbar.

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