T wie Tourist I

von Franziska Nyffenegger Franziska Nyffenegger, *1966, ist Kulturwissenschafterin, Texterin und Dozentin. In Zürich gilt sie als Bernerin, in Bern als Zürcherin. Am liebsten spricht sie Spanisch. gepostet am 30. Juni 2014

Der Tourist gehört zu den ungeliebtesten Erscheinungen der Neuzeit. Seit er vor gut 150 Jahren erstmals in freier Wildbahn zu beobachten war, begleiten ihn Schmähreden und Buhrufe. Die Schweiz gehört zu den Ländern, in denen er schon früh auftaucht und sich als invasive gebietsfremde Art im Laufe des 19. Jahrhunderts rasch verbreitet.


Zürich, im Sommer 1856

„Im unverkennbaren Gepräge des Touristen an Kleidung und Haltung stehen jetzt eben täglich Erwartungsvolle auf den beiden Limmat-Brücken oder auf der Zinne des Gasthofes 'zum Storchen' oder eines anderen und blicken, wie Columbus, westwärts.“

Der das schreibt ist ein Reisender, kein Tourist. Die Schweiz ist ihm ein „geologischer Hörsaal“. Er will forschen, wissen, lernen, darum reist er. Dabei erweist sich der Tourist, ein Ignorant, als sein natürlicher Feind. Der Tourist wandert achtlos durch das Gebirge. Seine Anwesenheit verleitet die Einheimischen dazu, mit den Naturschönheiten Wucher zu treiben, für ihre Besichtigung Schandgelder zu verlangen und sie mit Bauten zu verunstalten. Seine volles Portemonnaie führt zu einer „widerlichen Industrie der Bettlerschaaren, welche der Schweiz bald alle Romantik nehmen und den Fremden das Reisen gründlich verleiden werden“.


Brünig, im Spätsommer 1868

Der Tourist vermehrt sich rasend schnell. Der Reisende klagt: „Wohinaus, alles beleckende 'Kultur' schiebst du deine Piloten überall, dein naturzerstörendes, geistverflachendes Szepter?“


Basel, Feuilleton der Allgemeinen Schweizer Zeitung 1885

Das Ende des Reisenden ist nah und er sieht die Zeit gekommen, seine Geschichte zu schreiben. Viel hat sich verändert, seit er im 18. Jahrhundert das helvetische Hirtenland durchwandert hat: „Damals boten die Kinder noch in voller Naivetät, und ohne Belohnung zu erwarten, den Fremden ein Sträusschen Alpenrosen an (…).“ Jungfrauen sangen Lieder für den Reisenden. „Aber als dann diese Blumenspenden und Gesänge von thörichten Mylords und sonstigen Touristen mit blanker Münze gelohnt wurden, da erwachte auch bei diesem einfachen Hirtenvolke auri sacra fames, eine wüste Geldgier (…).“

Schlimmer noch: Der Tourist hat dem Reisenden den Spass verdorben: „(…) viel altschweizerische Eigenart ist gerade durch die Fremdeninvasion zerstört, und die Sitteneinfalt mancherorts durch moderne Genusssucht verdrängt worden.“


Zürich, im Hochsommer 2014

Der Tourist ist kein Neozoe mehr. Er lebt als mundialer Endemit in uns.

Quellen zum Text:

  • Gustav Peyer: Geschichte des Reisens in der Schweiz. Eine culturgeschichtliche Studie. C. Detloff's Buchhandlung, 1885
  • E.A. Rossmässler: Flüchtige Reisebriefe aus der Schweiz. Die Gartenlaube. Illustrirtes Familienblatt, 1856
  • Ludwig Schmid: Poesie und Prosa aus dem Hochgebirge. 3. Die Physiognomie der Touristenstrasse. Alpenrosen. Illustrirte Zeitschrift für Haus und Familie, 3. Jahrgang, 1868