T wie Tourist II

von Franziska Nyffenegger Franziska Nyffenegger, *1966, ist Kulturwissenschafterin, Texterin und Dozentin. In Zürich gilt sie als Bernerin, in Bern als Zürcherin. Am liebsten spricht sie Spanisch. gepostet am 29. August 2014

In den 1970er Jahren zeichnet sich immer deutlicher ab, was heute zum Allgemeinplatz geworden ist: Wir sind alle Touristen. Nur zögerlich beginnen die deutschsprachigen Kulturwissenschaften sich mit dem Phänomen zu beschäftigen. Erste Studien stehen ganz im Zeichen einer Kritik, wie Hans Magnus Enzensberger sie 1958 in seinem berühmten und nach wie vor lesenswerten Essay „Eine Theorie des Tourismus“ formuliert hat: Der Tourist ist ein trostloser Romantiker und Eskapist. Urlaub für Urlaub versucht er, wenigstens in seiner arbeitsfreien Zeit der Disziplinierung durch die Bedingungen des Kapitalismus zu entkommen. Und das, obwohl er schon vor der Abreise weiss, dass sein Vorhaben zum Scheitern verurteilt ist, denn „die Reise aus der Warenwelt ist ihrerseits zur Ware geworden“.

Ähnlich, aber mit weniger elitärem Unterton und mehr empirischer Beobachtung, argumentiert 1976 der Soziologe Dean MacCannell in seinem Werk „The Tourist: A new theory of the leisure class“: Der Tourist ist ein Sinnsuchender in einer Welt voller Vorder- und Hinterbühnen. Er findet Authentizität, wo längst keine mehr ist, und vermag Überkomplexität auf einfachste Strukturen zu reduzieren. Er ist, wie es der Literaturtheoretiker Jonathan Culler fünf Jahre später formuliert, ein Komplize der Semiotik, ja ein Zeichenforscher par exellence. Zu Unrecht wird er diskreditiert, den Schafen oder anderen Herdentieren gleichgesetzt und für dumm gehalten. Dabei wäre von ihm zu lernen, wie sich Städte, Landschaften und ganze Kulturen als Zeichensysteme lesen lassen.

Der häufig geäusserte Vorwurf, der Tourist lasse sich das Nicht-Authentische als authentisch verkaufen, greift zu kurz. Er verkennt die Tatsache, dass der Tourist durchaus in der Lage ist erstens zu unterscheiden und zweitens das so genannt Authentische als Zeichen zu verstehen und zu benutzen: „(…) in Japan [the tourist] looks less for what is Japanese than for what is Japanesey.“

Quellen zum Text:

  • Jonathan Culler: Semiotics of Tourism. American Journal of Semiotics, 1981, 1(1-2)
  • Hans Magnus Enzensberger: Eine Theorie des Tourismus. In ders. (Ed.), Einzelheiten I. Bewusstseins-Industrie, Suhrkamp, 1964
  • Dean MacCannell: The Tourist. A New Theory of the Leisure Class. University of California Press, 1999 (1976)