T wie Terra Incognita

von Daniela Bär Daniela Bär, *1989, ist Kulturpublizistik-Absolventin und Zollfreilager-Mitgründerin. gepostet am 15. Dezember 2014

Wie das Unbekannte die Fantasie beflügelt, zeigt ein Blick in die Geschichte der Kartographie: Unerforschtes Land, die Terra incognita, wurde, „hic sunt dracones“ und „hic sunt leones“, mit Drachen besiedelt und von Löwen bewacht. Durch die Kennzeichnung von bekanntem und unbekanntem Land, von betretenem und unberührtem Boden, entstehen Grenzen: die Grenze zwischen bereits wissen und bloss erahnen, die Grenze zwischen zugehörig und fremd, die Grenze zwischen Realität und Fiktion.

Den lebensriskierenden Entdeckern von damals und den zeitgenössischen Satelliten, die die Weltoberfläche mehrmals täglich in Flächen von einem Quadratmeter zerlegen, ist unser präzisiertes Weltbild zu verdanken. Wir wissen von Flüssen und Seen, ohne an deren Ufer gestanden zu haben, wir benennen Hochplateaus und Höhlen, ohne hinauf- oder hinuntergeklettert zu sein. Seit wir aus Dokumentarfilmen Wissen über unsere Antipoden und alles dazwischen Liegende gewinnen und mit Google Maps auf Reisen gehen können, ist das Betreten von Neuland zur Metapher geworden.

Dabei gilt: Wissen und Unwissen verhalten sich nicht nach den Regeln umgekehrter Proportionalität. Je mehr wir wissen können, desto weniger wissen wir im Verhältnis zum möglichen Wissen. Jedes noch so präzise Satellitenbild kann Schluchten und Steilwände von oben nicht erfassen, wodurch Flächen von hunderttausenden Quadratkilometern auf eine Linie reduziert werden. Während im 16. Jahrhundert das Anlegen an der Küste der Terra australis incognita reichte, um ebendiese Teil der bekannten Welt werden zu lassen, sind heute die Forschungsansprüche höher: Die Arktis, der venezolanische Regenwald, riesige Teile des Meeresbodens – sie alle sind längst vermessen; über Flora, Fauna oder geologische Beschaffenheit ist jedoch kaum etwas bekannt, Forschende bezeichnen sie daher noch immer als „weisse Flecken“.

Zollfreilager

Eine weitere Form von gegenwärtig unbekanntem Boden zeigt das Projekt Italian Limes an der Architektur-Biennale 2014 in Venedig. Für Marco Ferrari, Mit-Initiant des Projekts, stehen zwei Beobachtungen im Zentrum des Projekts: Zum einen haben wir, beispielsweise durch die Schengener Verträge, heute kein Gefühl mehr für das Überqueren von Grenzen, zum anderen haben technische Innovationen die Bestimmung von Grenzen beeinflusst, indem sie uns zu genauerem Denken und präziserem Vorgehen zwingen. Letzteres zeigt Italian Limes anhand der Demarkationslinie zwischen Italien und Österreich, die über den Grafferner-Gletscher am 3’599 Meter hohen Similaun führt. Seit dem Jahr 1920 definiert die Wasserscheide, wo Italien aufhört und wo Österreich beginnt, wo Heimat ist und wo der Nachbar. In den letzten Jahren wurde diese Gewissheit durch die globale Erwärmung erschüttert: Der Gletscher auf dem Berg regt sich, und damit auch die natürliche Grenze. Für das Projekt wurde die Verschiebung der natürlichen Grenze auf dem Grafferner-Gletscher mittels im Eis eingelassener GPS-Sonden gemessen, die aktuellen Daten ins Arsenale gefunkt, wo sich die Besucherinnen und Besucher ihre eigene Karte ausdrucken konnten. Abzulesen ist eine Terra incognita als Boden, dessen Zugehörigkeit unbekannt ist.

Der technische Fortschritt, von dem man sich eine Terra cognita versprach, produziert täglich weitere weisse Flecken auf der Weltkarte: Sich der Messbarkeit entziehend, in ihrer Zugehörigkeit plötzlich undefiniert oder durch ihre Beschaffenheit so viele wissenschaftliche Disziplinen beschäftigend, dass von Kenntnis kaum je die Rede sein wird. So entstehen unbekannte Erdflecken an längst bekannten Orten – die Terra incognita ist heute eine Frage der Perspektive und des Massstabs. Ihre Geschichte liest sich als Rochade: Vom unbekannten und daher unkartographierten Boden zur kartographierten, aber unbestimmten Fläche.