Gastspiel im Gastspiel

Vom 12. Juli bis am 9. November 2014 fand «Gastspiel. Schweizer Gegenwartskunst im Museum Rietberg» statt. Zollfreilager erhält die Gelegenheit, mit eigenen Zugängen, Positionsnahmen und Beobachtungen auf die Ausstellung, das Museum und seine Sammlung zu reagieren. Mitwirkende der bis November abgeschlossenen Spezialausgabe sind neben der Zollfreilager-Redaktion auch Damian Christinger (Kurator der Ausstellung), Peter Weber und Lukas Bärfuss (beide vertreten in der Ausstellung).

Vom 12. Juli bis am 9. November 2014 fand «Gastspiel. Schweizer Gegenwartskunst im Museum Rietberg» statt. Zollfreilager erhält die Gelegenheit, mit eigenen Zugängen, Positionsnahmen und Beobachtungen auf die Ausstellung, das Museum und seine Sammlung zu reagieren. Mitwirkende der bis November abgeschlossenen Spezialausgabe sind neben der Zollfreilager-Redaktion auch Damian Christinger (Kurator der Ausstellung), Peter Weber und Lukas Bärfuss (beide vertreten in der Ausstellung).

Schreiben in China

von Damian Christinger Damian Christinger, *1975, ist Kurator und Kulturhistoriker. Seine Interessengebiete befinden sich im Dreieck Europa, Asien und Lateinamerika. gepostet am 02. September 2014
Zollfreilager

Süddeutsche Zeitung, 3. Sept. 2014

In China ist das Instrument, mit dem man schreibt und malt, das gleiche: der Pinsel. Das hat verschieden Auswirkungen auf die Produktion und Rezeption von Kunst. Historisch wird die Schriftkunst im chinesischen Kulturraum höher gewertet als die Malerei, da sie dem "Selbst", der Essenz des Ausführenden, näher ist. Wie in der westliche Graphologie geht man in China davon aus, dass der Charakter eines Menschen an seiner Handschrift ablesbar ist. Dass man seinen Charakter aber optimieren kann, wenn man seine Handschrift verbessert, wird viel stärker betont. Ein Schriftkünstler oder Maler, der ein Werk schafft, arbeitet immer auch an seinem "Selbst". Eine Konsequenz dieser Ausgangslage ist das völlig andere Verhältnis zur Kopie. Während im Westen jemandem, der ein berühmtes Gemälde kopiert, der Status als Künstler abgesprochen wird, wird in China die Nachahmung des Strichs eines berühmten Künstlers zur Annäherung an seinen Charakter und seine künstlerische Kraft. Erst wer die verschiedensten Prozesse der Vorbilder perfekt nachempfinden kann, ist fähig, einen eigenen Stil zu entwickeln. Dieser Stil widerspiegelt einen ausgebildeten Charakter und wird wiederum von nachfolgenden KünstlerInnen kopiert, bis sie ihn verinnerlicht haben. Der Akt der Selbstkultivierung überträgt sich auch auf den Betrachter, der in Traktaten zur chinesischen Malerei bereits früh aufgefordert wurde, auf die Grösse eines Insekts zu schrumpfen und in den gezeigten Landschaften Spazieren zu gehen. Diese geistigen "Begehungen" eines zweidimensionalen Raums schulen gemäss Lehrmeinung den Betrachter ähnlich wie bei den Visualisierungen eines buddhistischen Mönches bei der Meditation zu einem Mandala. Zusätzlich erfährt er die Tuschespuren als "Spuren des Selbst" im genauen rezeptiven Nachvollzug des Duktus des fremden Pinsels. Die Auftragen von Tuschemalerei auf der Bildrolle suggeriert (anders als unsere Rahmung zur Hängung) Mobilität. Ein Bild wird nicht auf unbestimmte Zeit an einen Ort an der Wand gehängt, sondern zu einem spezifischen Zeitpunkt für einen spezifischen Zweck, nämlich dem der Bildbetrachtung, der eben immer auch Aufforderung zur Selbstkultivierung ist.

Quellen zum Text:

Wen C. Fong, James C.Y. Watt (Hg.): Possessing the Past. The Metropolitan Museum of Art and the National Palace Museum, Taipei, 1996

vgl. auch: S wie Selbstübung

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