S wie Selbstübung

von Ruedi Widmer Ruedi Widmer, *1959, ist Kulturwissenschaftler und Kulturpublizist. Er leitet den Master Kulturpublizistik an der ZHdK und ist verantwortlich für die Plattform Kulturpublizistik. gepostet am 30. Juni 2014

Alle Kulturen haben Antworten auf die Frage, wie man ein guter Mensch wird, sich selber findet, sich selber weiterentwickelt. Peter Sloterdijk, erfahren in verschiedenen west-östlichen Formen der Selbstübung, Selbstfindung und Selbstüberschreitung, hat in Du musst Dein Leben ändern. Über Anthropotechnik (2009) herausgearbeitet, wie stark die Gegenwart mit allen ihren Tummelfeldern der Freizeitgestaltung, der Körper- und Seelenertüchtigung und der Sinn‑Zurückgewinnung sich um diese Frage dreht, in welchem Ausmass dabei uralte Motive wie etwa die Askese (als Selbststeigerung via Selbstkontrolle) eine Rolle spielen, und wie sich dabei die Welt in ein Innen und Aussen, aber auch und vor allem ein Oben und Unten aufspannt (Sloterdijks Schlüsselbegriff ist die Vertikalspannung). Zu den hierbei wesentlichen Techniken, gerade innerhalb einer nach Aussen kaum abgrenzbaren Geschichte des abendländischen Denkens und Lebens, gehört das Schreiben. In Michel Foucaults Text Über sich selbst schreiben (1983) findet sich eine ganze Sammlung von Bezügen und Einblicken, beginnend mit einem Auszug aus Athanasius‘ Vita Antonii, der ca. 360 u.a. diese Zeilen schrieb: „Allein, um gegen das Sündige gesicherter zu sein, soll auch das beachtet werden: ein Jeder von uns merke sich seine Handlungen und die Regungen seiner Seele an und verzeichne sie, als wollten wir sie (dann) einander berichten; und seid versichert, dass wir jedenfalls – wenigstens aus Scham, als würden wir so erkannt werden – vom Sündigen, ja selbst vom Sinnen nach etwas Bösem ablassen werden; denn wer will auf einer Sünde betroffen werden?“ Foucault verweist, die Spur solcher Schreib-Selbstübung und (imaginärer) Selbsveröffentlichung weiter zurückverfolgend, u.a. auf Epiktet, wo das Schreiben (graphein), das Meditieren (meletan) und das Üben (gymnazein) mit einander assoziiert ist. Das daraus inspirierte ethopoetische Schreiben, das „Wahrheit in Ethos“ umwandelt, hat weitere wesentliche Dimensionen in der Bilanz oder Abrechnung (Umgang mit Schuld und Schulden), des Inventars und der Bestandesaufnahme usw. Sie sind mit einer Anzahl von Erzählformen und -registern aus dem Spektrum dessen, was uns heute noch geläufig ist, assoziierbar (Tagebuch, Bekenntnis, Korrespondenz) – aber auch mit (technisch) neuen Praxen, die das Leben als ein Bauen an einem Textkörper exerzieren.

Quellen zum Text:

  • Michel Foucault: Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits. Bd. 4, Suhrkamp, 2005