S wie Schreibstunde

von Ruedi Widmer Ruedi Widmer, *1959, ist Kulturwissenschaftler und Kulturpublizist. Er leitet den Master Kulturpublizistik an der ZHdK und ist verantwortlich für die Plattform Kulturpublizistik. gepostet am 30. Juni 2014

Das Schreiben-Lehren und -Lernen ist in tiefgründiger Weise mit der Frage von binnen- wie interkulturellen Machtverhältnissen verknüpft. Das wird in Die Schrift und die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, einem Kapitel aus Jacques Derridas Grammatologie (1967) exemplarisch herausgearbeitet. Derrida unterzieht darin Die Schreibstunde, ein Kapitel aus Claude Lévy Strauss‘ Traurige Tropen (1955), einer kritischen Lektüre. Dabei zeigt er auf, dass Lévy Strauss‘ Anti-Ethnozentrismus nur eine subtile Form des Ethnozentrismus ist – nämlich darin, dass die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen vor jeder Empirie als ein Merkmal behauptet wird, welches einzig schreibkundigen Kulturen zukommt. Die Verstrickung in Schuld und Ausbeutung, so die Prämisse in Lévy Strauss‘ Text (der darin dem von ihm verehrten Jean-Jacques Rousseau folgt), kann nur auf dem Boden der Schriftlichkeit und der im abendländischen Sinn historischen Verfasstheit einer Kultur entstehen. In der Schreibstunde, einem Bericht über den Aufenthalt von Lévy Strauss bei den Nambikwara, figurieren diese als unschuldiger, weil geschichtsloser Menschenschlag, der bestenfalls Linien auf Kürbisse zeichnen, nicht aber schreiben kann, und der sich höchst fasziniert zeigt angesichts der Zeichen auf dem Notizblock des Ethnologen. Derrida seinerseits findet in verschiedenen von Lévy Strauss‘ Beschreibungen der Nambikwara starke Indizien dafür, dass von „Schriftlosigkeit“ oder Geschichtslosigkeit der Nambikwara keine Rede sein kann. Doch Lévy Strauss‘ Bericht verfolgt im Schlüsselmoment, als der Nambikwara-Häuptling Ethnografie spielt und diese damit als Machtausübung entlarvt, eine andere Pointe: Die machtmässig höhere Form des Lebens, also die vom Ethnologen vertretene abendländische Kultur, lernt in der Begegnung mit dem „Naturvolk“, dass sie moralisch-ethisch unterlegen ist. Derrida hingegen findet den blinden Fleck dieser Erzählung just in der Behauptung einer grundsätzlichen Überlegenheit bzw. Unterlegenheit: Nur die Charakterisierung der Schrift als System, welches Formen der Fixierung, der gewalttätigen Zuschreibung, der historischen Verstrickung usw. generiert, macht eine der Empirie vorausgehende Unterscheidung von „reinen“ und „unreinen“ Kulturen überhaupt möglich. Und, darin mitgesagt: Erst die Behauptung des Eigenen als das im Bösen oder Guten Exklusive macht die Schilderung des Anderen als „Idylle“ möglich.