R wie Remediterra-nisierung

von Daniela Bär Daniela Bär, *1989, ist Kulturpublizistik-Absolventin und Zollfreilager-Mitgründerin. gepostet am 23. Dezember 2014

Es war einmal ein Ozean, der durch einen kräftigen Schub der afrikanischen Platte und tektonischen Druck aus Osten zu einem Binnenmeer schrumpfte. Nichtsdestotrotz wurde dieses Meer nach dem Zweiten Punischen Krieg zum Mittelpunkt der Welt: Das Römische Reich umarmte das Mittelmeer vollständig, ein einige Jahrhunderte andauernder Einzelfall in der Geschichte, aus dem Binnenmeer wurde das Mare Nostrum. Das Mittelmeer verbindet seither Kulturen dreier Kontinente: Als gigantisches Forum, Forum Mediterraneum. Küstenspezifische Eigenheiten wurden durch den Anschluss ans Mare Nostrum kulturell universalisiert, aus lokalen Erfindungen wurden Import- und Exportwaren: Das Mittelmeer war ein Vermittler-Meer vor allem zwischen dem Westen und dem Osten.

Als das Osmanische Reich an die Macht kommt, treten Italiens Seerepubliken auf die Bühne des Mittelmeers: Allen voran die Venezianer, die durch das Organisieren von Pilgerreisen ins Heilige Land den mächtigen Türken im Kampf um die Seewege die Stirn bieten. Gemeinsam mit Verbündeten des christlichen Europa bilden sie eine Heilige Liga: Nun wird um das Meer der drei Kulturen auf drei Kontinenten Krieg geführt. Die Konflikte ums östliche Mittelmeer dauern Jahrhunderte an, ein Tauziehen mit Eroberungen und Rückgaben, die Republik fährt aus und steckt ein. Später werden statt den osmanischen Kriegsschiffen Kreuzfahrtschiffe aus aller Welt die Lagune und das Bürgergefühl ihrer Bewohner bedrohen – bis im Sommer 2014 eine Verordnung angekündigt wird, die den Schiffen den Kurs durch die bisher befahrenen Kanäle verbietet.

Neben der Mitbeteiligung an einem im engeren Sinne heiligen Krieg behauptete sich die Republik Venedig als Handelszentrum des umkämpften Gebiets. Ideen, Kenntnisse und handelbare Güter werden via Meereswege in die Welt hinaus gefahren, das Mediterrane wird globalisiert. Epische, martialische und touristische Formate verschwimmen: Die Odyssee und die Grand Tour, die Pilgerreise und der Kreuzzug, die Fluchtschifffahrt und der Kreuz fahrende Erlebnispark, das Beschwören und Bereisen kunst-heiliger Stätten überlagern sich – ein Kulturraum expandiert, implodiert, migriert. Immer weiter von seinen Küsten entfernt wird das Mittelmehr zum Lifestyle: Eine Verschiebung der privaten Freizeitgestaltung in die Öffentlichkeit, ins Kollektive, unter den sommernächtlichen Sternenhimmel ist auch in Städten zu beobachten, die nicht am Mittelmeer liegen. Die Bewohner dekorieren ihre vier Wände mit Terracotta-Vasen, entspannen auf geflochtenen Stühlen, speisen an Olivenholztischen, malen Meersalz, fabrizieren Pesto. Der Begriff der Mediterranisierung dient heute hauptsächlich der Beschreibung von Phänomenen wie Botellones, Quartierfesten und Tanzdemonstrationen – der mediterrane (Jet Set-)Raum erstreckt sich je nach Bedarf von der Côte d’Azur bis in die Toskana oder dehnt sich weiter aus nach Marrakesch, nach Tanger, nach Beirut. 

Dass das Mittelmeer ein international bedeutendes Gewässer bleibt, zeigt unter anderem die im 21. Jahrhundert geführte Diskussion, ob die Charta der Menschenrechte auf hoher See gültig sei oder nicht. Durch Verordnungen wie Dublin II werden alle Länder mit EU-Aussengrenzen zu Einwanderungsländern, das Mittelmeer wird so zum Schauplatz repressiver Flüchtlingspolitik, der Schiffbruch mit Zuschauer (Hans Blumenberg) wird zur realen Dramen-Serie. Und der Begriff des Mare Nostrum wird als Operation der italienischen Marine wiederbelebt: Im Oktober 2013 beginnen die einjährigen Massnahmen zur Rettung von Flüchtlingen in Seenot. Nostrum hat allerdings einen entscheidenden semantischen Wandel erfahren: Unser Meer ist nicht länger das Meer in unserer Mitte, sondern unseres und nicht eures. Aus dem Mittelmeer, das die Leere zwischen den Küstenregionen aufgefüllt und so den Austausch gefördert hat, wurde ein Hochsee-Hindernis, das es zu überwinden gilt – dass die auf Meeresgrund gezogenen Grenzen an der Wasseroberfläche nicht sichtbar sind, macht deren Überquerung nicht einfacher. Wenn im heutigen Sprachgebrauch mit mediterran vor allem das Kochen mit Olivenöl gemeint ist und das Mittelmeer inzwischen hauptsächlich Geschichten von Frontex und Flüchtlingen erzählt, dann ist eine Remediterranisierung nötig: eine Rückbesinnung auf einen west-östlich, nord-südlich, morgen- und abendländisch ausbalancierten Raum, auf eine Idee, die nicht durch den Blick derjenigen gefärbt sein soll, die sie sich auf die – immer wieder: nationale – Fahne schreiben.