Foto-Menschen-Bilder

Die Zollfreilager-Spezialausgabe Foto-Menschen-Bilder ist eine Auseinandersetzung mit humanistischer Fotografie in Text und Bild, die auf Steve McCurrys "Fotografien aus dem Orient" (Museum für Gestaltung, 3. Juli bis 18. Oktober) sowie auf weitere Positionen und Traditionen der Fotografie- und Diskursgeschichte reagiert und auch in der Salle de Lecture der Ausstellung präsent ist.                                                       >>Konzeption und Redaktion: Daniela Bär, Ruedi Widmer, Lars Willumeit >>Ermöglichung und Fundierung: Jörg Scheller, Urs Stahel >>Beitragende: Daniela Bär, Olivier Christe, Shirin Disler Abouzaid, Ana Hofmann, Lorenz Hubacher, Anabel Keller, Jozo Palkovits, Samuel Rauber, Jörg Scheller, Karin Seiler, Philipp Spillmann, Ruedi Widmer, Lars Willumeit

Die Zollfreilager-Spezialausgabe Foto-Menschen-Bilder ist eine Auseinandersetzung mit humanistischer Fotografie in Text und Bild, die auf Steve McCurrys "Fotografien aus dem Orient" (Museum für Gestaltung, 3. Juli bis 18. Oktober) sowie auf weitere Positionen und Traditionen der Fotografie- und Diskursgeschichte reagiert und auch in der Salle de Lecture der Ausstellung präsent ist.                                                       >>Konzeption und Redaktion: Daniela Bär, Ruedi Widmer, Lars Willumeit >>Ermöglichung und Fundierung: Jörg Scheller, Urs Stahel >>Beitragende: Daniela Bär, Olivier Christe, Shirin Disler Abouzaid, Ana Hofmann, Lorenz Hubacher, Anabel Keller, Jozo Palkovits, Samuel Rauber, Jörg Scheller, Karin Seiler, Philipp Spillmann, Ruedi Widmer, Lars Willumeit

Menschen-Bilder

Bild-Experimente

Ping Pong nach Addis Abeba I - Aufschlag

von Aurelio Buchwalder und Olivier Christe Aurelio Buchwalder ist ZHdK-Absolvent und Kameramann. Olivier Christe ZHdK-Absolvent, Kulturpublizist und Zollfreilager-Mitstreiter. gepostet am 01. Juli 2015

Sagt mir das Foto auf irgendeine Weise mehr als ich weiss? Ich glaube nicht. Ein Hotelzimmer. Woran würde ich das sehen, wenn ich es nicht wüsste? Vielleicht die Koffer auf dem Bett. Sicher nicht der schäbige Spiegel. Wurde er zum Streichen etwa nicht abgenommen? Ich weiss es aber. Ich kenne die Geschichte zum Bild. Auri reist für einen Filmdreh nach Addis Abeba in Äthiopien. Es ist der erste Tag. Ja klar, jetzt seh ich es. Typisch afrikanische Vorhänge. Aber nicht die Reizflut der Steppe, sondern die Schlichtheit des Hochlands. Addis Abeba liegt ja auf über 2000 Meter. Könnte gut sein. Und die Steckdose, ganz klar nicht Europa. Ich würde auf Ostafrika tippen. Und der Spiegel, ja klar. Richtig.

Der Vorhang ist geschlossen. Wie kann man nur den Vorhang schliessen? Erster Tag in einem neuen Land, in einem neuen Kontinent und er schliesst den Vorhang. Oder öffnet ihn nicht. Aber die Putzfrau ist nicht erst seit gestern in dieser Stadt. Es ist wie der Mann im Flugzeug, den ich in meiner Kindheit so gehasst habe. Wir flogen nach Paris. Leider hatte ich keinen Fensterplatz. Ich strecke meinen Blick über die beiden Sitze, versuche den Boden zu sehen, der sich so schnell entfernt, und der Kerl zieht den Storen. Ja, vielleicht will er schlafen, aber ich will die Welt von oben sehen. Du willst auch schlafen. Müde Augen. Zieh die Storen! Die Welt kann bis morgen warten. Aber ich will sie sehen.

Ein Teil des Fotos ist natürlich die Frage, wie es zu mir gelangt ist. Wir haben eine Abmachung. Ich – Oli – sitze in der Schweiz. Bald ist Weihnachten. Er – Auri – ist in Äthiopien für einen Dreh. Das Spiel heisst Ping Pong. Ping – Foto aus AA nach Basel, Pong – Text dazu aus Basel nach AA. Pong.

Blick ins Freie. Im Hintergrund die Stadt. Dazwischen viel grün. Plattenbausiedlungen. Gibt es eine Verwandtschaft der Städte in sozialistischen Ländern? Der Blick erinnert mich stark an Petrozawodsk im Norden Russlands. Auch wenn aufgrund der Überbelichtung – dies der Grund für den Hitzeeindruck, den die Kleidung der Frau aber nicht bestätigt – nur wenig zu sehen ist. Gärten neben Plattenbauten. Äthiopiens sozialistische Militärdiktatur ging zeitgleich mit der Sowjetunion unter. Und ähnlich wie dort verlegten sich die Spannungen in der Folge von den Grenzen ins Innere des Landes. Krieg mit Eritrea. Blutige Abspaltung des kleinen Landes, das den gesamten Küstenabschnitt für sich beansprucht. Ähnliche Situation wie in Jugoslawien, wo das einstige Machtzentrum Serbien den Meerzugang nach dem Niedergang des sozialistischen Systems verliert. Bürgerkrieg in nach Ethnien getrennten Rebellengruppen.

Blick ins Freie. Ich verstehe nichts. Der Blick nach Äthiopien könnte genauso gut ein Blick auf den Mond sein. Das sonderbare daran ist nicht, dass alles so fremd ist, sondern dass alles so vertraut ist. Vertraut in sonderbaren Kombinationen. Das ist viel befremdender als etwas komplett Neues. Es gibt für mich eine unübersehbare Verwandtschaft zwischen den beiden Städten Petrozawodsk und Odessa und diesem Bild. Einerseits die oben genannten Plattenbausiedlungen neben weiten Grünflächen. Dieses Bauen in sehr grossen Dimensionen. Andererseits, und vielleicht erzwinge ich diese Verwandtschaft, die Wandfarbe. Es ist dieselbe Farbe wie im Zimmer und erinnert mich stark an die Flure in P. und O. Wir machten damals immer den Witz, dass irgendwo in Sibirien eine Fabrik für Flurwandfarben stehe und diese in so grossem Stil produziert hat, das noch für Jahrzehnte Farbe vorhanden sei. Immer bestand die Wandbemalung aus zwei nahe verwandten Farben. In P. und O. meist Türkis und Blau. Hier Elfenbein und Lachsbraun. Wo ist das Sibirien Äthiopiens? Bergland? Hoch wie die Alpen, grün wie der Jura. Ich erzwinge Vergleiche. Es ist die einzige Möglichkeit, dem Fremdheitsgefühl rational entgegenzutreten. Versuche ich Äthiopien für sich zu verstehen, suche ich bei einem kilometerlangen Seil, das als Haufen wild am Boden liegt, den Anfang. Vielleicht würde ich den Anfang irgendwann finden, doch bis dahin hat mich die Geduld längst verlassen und ich kehre dem Seil dem Rücken zu. Ich habe viele Seilenden, die zu mir führen. Doch die Wege sind lang. Gib mir Seil!

Quellen zum Text:


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