Foto-Menschen-Bilder

Die Zollfreilager-Spezialausgabe Foto-Menschen-Bilder ist eine Auseinandersetzung mit humanistischer Fotografie in Text und Bild, die auf Steve McCurrys "Fotografien aus dem Orient" (Museum für Gestaltung, 3. Juli bis 18. Oktober) sowie auf weitere Positionen und Traditionen der Fotografie- und Diskursgeschichte reagiert und auch in der Salle de Lecture der Ausstellung präsent ist.                                                       >>Konzeption und Redaktion: Daniela Bär, Ruedi Widmer, Lars Willumeit >>Ermöglichung und Fundierung: Jörg Scheller, Urs Stahel >>Beitragende: Daniela Bär, Olivier Christe, Shirin Disler Abouzaid, Ana Hofmann, Lorenz Hubacher, Anabel Keller, Jozo Palkovits, Samuel Rauber, Jörg Scheller, Karin Seiler, Philipp Spillmann, Ruedi Widmer, Lars Willumeit

Die Zollfreilager-Spezialausgabe Foto-Menschen-Bilder ist eine Auseinandersetzung mit humanistischer Fotografie in Text und Bild, die auf Steve McCurrys "Fotografien aus dem Orient" (Museum für Gestaltung, 3. Juli bis 18. Oktober) sowie auf weitere Positionen und Traditionen der Fotografie- und Diskursgeschichte reagiert und auch in der Salle de Lecture der Ausstellung präsent ist.                                                       >>Konzeption und Redaktion: Daniela Bär, Ruedi Widmer, Lars Willumeit >>Ermöglichung und Fundierung: Jörg Scheller, Urs Stahel >>Beitragende: Daniela Bär, Olivier Christe, Shirin Disler Abouzaid, Ana Hofmann, Lorenz Hubacher, Anabel Keller, Jozo Palkovits, Samuel Rauber, Jörg Scheller, Karin Seiler, Philipp Spillmann, Ruedi Widmer, Lars Willumeit

Menschen-Bilder

Bild-Experimente

M wie Magnum Photos

von Lorenz Hubacher Lorenz Hubacher, *1985, ist studierter Foto- und Kunsthistoriker und angehender Kurator. Er studiert im Master ausstellen & vermitteln der ZHdK. gepostet am 01. Juli 2015

Bescheidenheit gehörte nicht zu den Motiven, die die Fotografen Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, David Seymour und George Rodger 1947 dazu antrieb, die Agentur Magnum zu gründen. Ob es nun eine Champagnerflasche oder die Ambitionen der Gründungsmitglieder waren, die bei der Namensgebung den Ausschlag gaben – vom Moment der Gründung an beanspruchte Magnum Photos seinen zentralen Platz in der Geschichte der Fotografie. Sie erreichte das Ziel durch Leistung und Vernetzung, aber auch durch PR, Mythen- und Legendenbildung u.a. rund um die Gründung.

Die Zeit war günstig: Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die Nachfrage nach Fotoreportagen gross. Die Kameras wurden handlicher, das Filmmaterial empfindlicher, das Reisen erschwinglich. Das eigene Erleben des Zweiten Weltkriegs steckte den vier Gründungsmitgliedern und den zahlreichen Fotografen, die in den ersten Jahren dazukamen, in den Knochen. Gemeinsam war der ersten Generation die Überzeugung, dass die Fotografie dazu dienen kann, die Welt besser zu verstehen, sowie das Bedürfnis, gegenüber den Magazinen (u.a. den Bildredaktoren) anders aufzutreten und dabei die Unabhängigkeit und die Interessen der Fotografen zu wahren.

Inhaltlich lag der Aktivität von Magnum Photos nie ein Manifest zu Grunde. Spielregeln gab es zunächst kaum und wenn, dann galten sie den Klienten, also den Magazinen und Zeitungen. Bilder dürfen nicht beschnitten werden und es gelten strikte Regeln, was die Bildunterschrift anbelangt. Der Fotograf bleibt Herr über seine Bilder. Gleichzeitig sollten die Mitglieder möglichst frei von Zwängen ihren Interessen nachgehen können. Zwar wurde schon zu Beginn die Welt nach Regionen eingeteilt. Die Fotografen hatten jedoch meist keinen genauen Auftrag und keine Fristen. Sie sollten, ein jeder auf seine Weise, frei arbeiten können.

Dennoch hat sich Magnum zu einem Brand entwickelt. Im kollektiven Bildgedächtnis steht der Name für eine humanistische Reportagefotografie mit höchsten ästhetischen Ansprüchen. Dafür stehen die Bildikonen, die Magnum im Zusammenspiel mit Medien und Plattformen des Kunstkontextes seit beinahe 70 Jahren produziert. Seine Mitglieder wählt Magnum sorgfältig aus – nur wenigen Fotografen bleibt es vorbehalten in den erlauchten Kreis aufgenommen zu werden. Bis heute wurde die Ehre 85 Fotografen zuteil, darunter gerade mal 10 Frauen. Aufnahmekriterien werden nicht preisgegeben: Aufgenommen wird, wer zwei Drittel der Mitglieder-Stimmen erhält.

Dem Gründergedanken der Unabhängigkeit ist Magnum bis heute treu geblieben. Das Kerngeschäft der Agentur ist auch heute noch der Verkauf von Bildgeschichten. Die Mitglieder gehen auch heute den Themen nach, die sie interessieren. Doch den Entwicklungen der Medienwelt kann sich selbst eine Agentur wie Magnum nicht entziehen. Der Hunger nach Bildern ist zwar nicht versiegt, aber die Produktionsbedingungen für Fotografen haben sich drastisch verändert. Die Nachfrage nach den für die Agentur typischen Fotoreportagen ist heute nicht mehr dieselbe wie in den 1950er Jahren. Der Preisdruck auf die Agenturen ist enorm.

Heute fotografiert bereits die dritte oder sogar vierte Generation für Magnum – fast ausschliesslich digital. Als man 2010 das Archiv veräusserte, war der Aufschrei gross. Vom Verkauf des Tafelsilbers war die Rede, und vom finanziellen Überlebenskampf. Der Milliardär und Computerunternehmer Michael Dell rettete das wertvolle Kulturgut.

Neben dem Verkauf von Bildern an Magazine und Zeitungen hat sich Magnum längst andere Einnahmequellen gesucht. Nicht weniger als 69 Ausstellungen sind aktuell auf der Homepage unter „touring exhibitions“ aufgeführt. Die Zahl der Fotobücher ist fast 10 mal so gross. Magnum organisiert Workshops und Events, in denen Mitglieder ihr Wissen vermitteln.

Der Mythos um die grosse Fotoagentur strahlt heute längst nicht mehr so stark wie einst. Ob es ihr gelingt, sich neu zu erfinden? Sollte es gelingen wird, wohl mehr als eine Flasche Champagner geköpft.

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