I wie Insel

von Daniela Bär Daniela Bär, *1989, ist Kulturpublizistik-Absolventin und Zollfreilager-Mitgründerin. gepostet am 10. Dezember 2014

„Immer ist die Insel das Andere: vom Meer aus betrachtet Land, vom richtigen, dem Festland aus, Teil des Meeres. (...) Ein Zwitter also, nicht Fleisch und nicht Fisch, oder besser: ein Drittes, ein Neues.“ (Dieter Richter, Das Meer, S.123)

Selbst die Geologie muss sich entscheiden: Ist die Insel das, was übrig bleibt, wenn Wasser langsam sinkt, oder ist sie das, was von tektonischen Kräften über den Wasserspiegel gehoben wird? Der Weder-Noch-Charakter, das Sowohl-Als-Auch-Dasein machen die Insel zu einem vielseitigen Ort der Sehnsucht, reich an Konnotationen und mit grossem Mythen-Potenzial: Schreibende benutzen sie als Schauplatz für das gesamte Spektrum zwischen Paradies und Kannibalismus, Lesende weltweit sind ihnen gefolgt, nach Atlantis und in die Südsee, den Verbannten und den Utopisten. Das Moment der Isolation, das jeder Insel aus etymologischen, aber auch aus erzähltraditionellen Gründen mitgegeben ist, erlaubt Gedankenspiele, ermöglicht den Entwurf alternativer Gesellschaftsmodelle und stimuliert die Gruppendynamik der Abgeschotteten, bis sich daraus epische Geschichten erzählen lassen.

Aufgrund der gesellschaftspolitischen Aktualität wird die Insel im europäischen Grossraum zudem immer mehr zum neuen Symbolbild für Flüchtlingsbewegungen. Kulturgeschichtlich ist sie schon viel länger ein Ort des Transits: Prägend beispielsweise für die Entwicklung von Handel und Seefahrt, und somit für die Entstehung eines kulturellen Austauschs, der gerade für den Mittelmeerraum und seine Rolle für die Globalisierung zentral ist. Auch diesbezüglich ist sie, so Dieter Richter, ein Zwitterwesen: „Auf der einen Seite begünstigt sie die Entstehung und Konservierung kultureller Eigenheiten, auf der anderen Seite befördert sie das Ausgreifen menschlicher Aktivitäten auf andere, fremde Räume.“ Die Insel als Schauplatz des Zusammenpralls von Eigenem und Fremden – diese Beobachtung führt uns an Europas Aussengrenzen, nach Lampedusa, seit Dublin II für nordafrikanische Flüchtlinge das Tor zu Europa.

Grundgedanke von Dublin II, einer Verordnung der Europäischen Union, ist, dass derjenige Mitgliedsstaat Verantwortung und Kosten eines Asylverfahrens trägt, der die Einreise eines Flüchtlings veranlasst beziehungsweise nicht verhindert hat. Das führt zu absurden Szenarien auf hoher See: Behörden verweigern Schiffen, die aus sinkenden Booten gerettete Flüchtlinge mitführen, die Einfahrt in den Hafen (bekannte Beispiele der letzten Jahre sind der Tanker M/T Salamis und die Cap Anamur).

Das Spannungsverhältnis zwischen Ablehnen und Aufnehmen, zwischen Gesetz und Schicksal, zwischen Verteidigung und Anteilnahme materialisiert sich besonders prominent auf dem 20 Quadratkilometer grossen Lampedusa. In den letzten zwanzig Jahren sind fast 20'000 Flüchtlinge vor der italienischen Küste gestorben – Schicksal Lampedusas ist es, ein rettender Flecken Festland im „Burggraben Europas“ (Richter) zu sein. Wie sich dies auf die Einwohner der Insel auswirkt, zeigt beispielsweise die an der Architektur-Biennale 2014 in Venedig gezeigte Installation Intermundia. Einem Raum, in dem die Besucher einer collagierten Geräuschkulisse zu den grausamen Lampedusa-Assoziationen ausgesetzt werden, wird ein Buch mit Fotografien und Interviews gegenübergestellt. Die zentrale Frage an die Insel-Bewohner ist hierbei diejenige nach der Identität: Do you feel like an Italian or a European citizen? Der Duktus der Antworten ist durchwegs inseltypisch: Weder-noch. Gaspare, als Lampedusan citizen bezeichnet, meint, er sei Afrikaner und damit „the true illegal alien“. Bürgermeister Giulio Nicolini führt aus: „You’re asking this question to a Lampedusan. It is a difficult question. As those who are born and live here in the center of the Mediterranean, I feel as a citizen of the world. Und Luciano, als älterer Herr beschrieben, fügt hinzu: „I am the citizen of the world, my dear. I don’t know what Europe is. Rubbish, that’s what it is.“

Quellen zum Text:

  • Dieter Richter, Das Meer. Geschichte der ältesten Landschaft, 2014.
  • Elias Bierdel & Maximilian Lakitsch, Flucht und Migration. Von Grenzen, Ängsten und Zukunftschancen, Dialog, volume 65, 2014.