F wie Fremdsprachen

von Manfred Papst Manfred Papst, *1956, ist Ressortverantwortlicher Kultur bei der NZZ am Sonntag, Dozent im Master Kulturpublizistik und Mitglied des Zollfreilager-Kuratoriums. gepostet am 07. September 2014

Als «Haus des Seins» hat Martin Heidegger die Sprache bezeichnet. Sie ist ein seltsames Paradox. Wir tragen sie in uns, aber wir wohnen auch in ihr. Sie macht uns erst zu Menschen; ohne sie gibt es kein höheres Denken. Sie ist immer schon da, wir aber sind erst unterwegs zu ihr. Wir teilen sie. Niemals gehört sie jemandem allein – und doch muss jeder Einzelne ihr Sorge tragen, damit sie nicht verkommt.

In Ludwig Wittgensteins «Tractatus logico-philosophicus» lesen wir den Satz «Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt». Wir können ihn auf die Sprache an sich beziehen: Was sich sagen lässt, das lässt sich klar sagen. Der Rest ist Schweigen. Das Diktum lässt sich aber auch auf die Vielfalt der Sprachen anwenden: Jede hat ihre eigenen Farben, Klänge, Schattierungen. Jede eröffnet uns neue Perspektiven auf die Welt. Wer sich in mehreren Sprachen auskennt, dessen «Haus des Seins» hat viele Wohnungen.

Es sind uns indes auch Grenzen gesetzt. Wir können nicht beliebig viele Sprachen lernen (und «beherrschen», wie wir so unbedacht sagen, schon gleich gar nicht).Das gilt selbst für ein Sprachgenie wie Wilhelm von Humboldt. Dem preussischen Gelehrten und Staatsmann waren neben seiner Muttersprache nicht nur Griechisch und Latein, Französisch und Englisch vertraut, sondern auch Italienisch, Spanisch, Baskisch, Ungarisch, Tschechisch, Litauisch. Darüber hinaus befasste er sich als vergleichender Philologe mit dem Altägyptischen, dem Chinesischen, dem Japanischen, dem Sanskrit und vielen weiteren Sprachen. Seine Korrespondenz mit dem französischen Sinologen Jean-Pierre Abel-Rémusat zählt bis heute zum Erhellendsten, was man über die chinesische Sprache lesen kann. Rund dreissig der 6500 bis 7000 Sprachen, die es gemäss dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig weltweit gibt, soll er gekannt haben. Es grenzt an ein Wunder, dass es im Kopf dieses sonderbaren Menschen nicht zu einer babylonischen Sprachverwirrung kam.

Eine solche müssen wir Normalsterbliche schon bei weit geringerem Verkehrsaufkommen fürchten. Wir müssen mit unseren geistigen Kräften haushalten. Deshalb beschäftigt uns die Frage, was wir wann am besten lernen. Sie geht uns als Lernende und Lehrende an, vor allem aber als Eltern. Denn schliesslich wollen wir das Beste für unsere Kinder. Sprachen eröffnen ihnen nicht nur neue Blicke auf die Welt, sondern sind auch ihrem beruflichen Fortkommen nützlich, in der demografisch wie in ihrem Selbstverständnis mehrsprachigen Schweiz ganz besonders.

Dabei hat sich in den letzten Jahren der Grundsatz «Je früher, desto besser» durchgesetzt – mit der Folge, dass heute in 20 von 26 Schweizer Kantonen die erste Fremdsprache spätestens ab dem dritten, die zweite spätestens ab dem fünften Schuljahr unterrichtet wird. 14 Kantone beginnen mit Frühenglisch, die übrigen mit einer zweiten Landessprache. Ziel ist es, dass bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit in beiden Fremdsprachen eine vergleichbare Kompetenz erreicht wird.

Das Modell ist umstritten. Sowohl von politischen Parteien wie von Lehrern und Eltern wird es kritisiert. Oft wird dabei geltend gemacht, dass ein Teil der Kinder überfordert werde und ein anderer sich langweile. Das Problem liegt jedoch anderswo. Die Prämisse «Je früher, desto besser» ist nicht grundsätzlich falsch. Tatsächlich lernen Kinder manches leichter als Halbwüchsige oder Erwachsene. Man sieht das an Kindern, die zweisprachig aufwachsen und keinerlei Mühe bekunden, sich in der Sprache der Mutter wie jener des Vaters zu bewegen. Sie sind jedoch in einer ganz anderen Situation als Kinder, die im Klassenverband bloss zwei Wochenstunden Frühenglisch oder Frühfranzösisch verabreicht bekommen. Sie tauchen in ihrem Alltag in die Sprache ein. Immersion heisst das Zauberwort. Sie schwimmen in einem Wasser, in das gewöhnliche Schulkinder nur ihre Zehe tauchen. Aber auch zweisprachig aufwachsende Kinder lernen die Sprache nicht einfach so. Wer sich eine fremde Sprache wirklich aneignen und nicht nur ein bisschen in ihr parlieren will, der muss sie von ihrer Struktur her verstehen. Dazu braucht er ein analytisches Instrumentarium. Eine exakte Kenntnis der Muttersprache ist unabdingbar. Auch das Lateinische mit seiner kristallinen Morphologie kann hilfreich sein.

Der Fremdsprachenunterricht an den Schweizer Primarschulen wurde in den ersten Kantonen in den 1970er Jahren, in den letzten in den 1990er Jahren eingeführt. Inzwischen ist die anfängliche Euphorie verflogen, und etliche Studien stellen den Nutzen der Übung in Frage. Sie machen geltend, dass ältere Lernende effizienter lernen – eben weil sie schon eine «innere Grammatik» mitbringen.

Wer will, dass seine Kinder früh und gründlich mehrere Sprachen lernen, der muss sie entweder selbst mehrsprachig erziehen oder sie an eine mehrsprachige Schule mit den entsprechenden «Native Speakers» schicken. Und auch da bekommt der Nachwuchs nichts einfach so geschenkt. Sprachen zu lernen, kann ein Vergnügen und ein Abenteuer sein, es bedeutet aber immer auch Arbeit, und zwar einsame. Lesen verlangt Abgeschiedenheit. Über vieles kann man sich im geselligen Kreis, in der Lerngruppe, im Klassenverband verständigen. Aber nicht über alles. Es sollte uns zu denken geben, was ausgerechnet das Sprachgenie Humboldt als Grundpfeiler jeder humanistischen Bildung bezeichnet hat: Freiheit und Einsamkeit.

Quellen zum Text:

Der vorliegende Text erschien erstmals unter dem Titel "Zur Sprache kommen" in der NZZ am Sonntag vom am 24. August 2014.