F wie Fetisch

von Tom Stäubli Tom Stäubli, *1976, ist Designer, macht Musik und wundert sich leidenschaftlich über Gesellschaft, Dinge und Kunst. gepostet am 30. Juni 2014

Fetischismus bezeichnet die Verehrung von Dingen und den Glauben an ihnen innewohnende übernatürliche Wirkungsmächte. Fetisch (frz. fétiche, port. feitiço) wurzelt im lateinischen „facticius“ (nachgemacht, künstlich) und ist der etymologische Bruder des Artefakts, steht in Unterschied zu letzterem jedoch immer bereits unter Verdacht.

Der Begriff betritt die Bühne in der frühen Kolonialzeit. In Afrika begegnen die Europäer rituellen Praktiken, die gegen Anstand und Glauben verstossen. Objekte werden als Träger spiritueller/magischer Energien verehrt und beschworen. Solche ding-verehrende Praxis, die auch das europäische Mittelalter tief geprägt hatte, verlangt im Übergang zur Moderne eine Benennung: „Fetischismus“ bannt und beschwört gleichsam das Irrationale.

Im Europa des aufklärerisch und industriell geprägten 19. Jahrhunderts erweitert sich die Bedeutung allgemein auf korrupte, obsessive Ding-Beziehungen. Das zunächst ethnologisch-religiös konnotierte Themenfeld wird durch die Philosophie und die im 19. Jahrhundert entstehende Soziologie und Psychologie pionierartig erschlossen, ausgebaut und gesellschaftlich verankert. Rational nicht erklärbare Vorlieben und Praktiken im Umgang mit Nicht-Subjekten (nicht nur gemachten Sachen, sondern auch natürlichen Dingen, Körperteilen, Eigenschaften, Systemen) werden in der Folge durch den Terminus grossflächig pathologisiert oder zumindest als tragendes Element einer Zivilisations- (später: Kapitalismus- bzw. Konsumismus-) Kritik eingesetzt. Marx beklagt in „das Kapital“ von 1867 mit dem Begriff Warenfetisch, dass bei arbeitsteilig entstandenen Waren der Wert der Dinge nicht über ihren „natürlichen“ Nutzen, sondern durch eine Art von Waren-Glauben definiert wird. In der psychologischen Deutung ist sexueller Fetischismus Anfang des 20. Jahrhunderts bereits ein stehender Begriff (interessanterweise wird der sexuelle Fetisch von den Betroffenen sehr selten mit Leidensdruck verbunden – was die Voraussetzung für eine behandlungsbedürftige psychische Störung darstellen würde). Freud ist nicht der Erste und nicht der Letzte, der nach der Ursache sucht. In seiner Theorie, die im Poststrukturalismus mannigfaltig aufgenommen und variiert wurde, ist der Fetisch eine Kompensation für den in der narzisstischen Kastrationsangst erlebten Verlust:

 

„Sie ergab sich so ungezwungen und erschien mir so zwingend, daß ich bereit bin, dieselbe Lösung allgemein für alle Fälle von Fetischismus zu erwarten. Wenn ich nun mitteile, der Fetisch ist ein Penisersatz, so werde ich gewiß Enttäuschung hervorrufen. […] Um es klarer zu sagen, der Fetisch ist der Ersatz für den Phallus des Weibes (der Mutter), an den das Knäblein geglaubt hat und auf den es — wir wissen warum — nicht verzichten will.“

 

Heute bezeichnet Fetischismus gängigerweise deviante Formen von Ding-Verehrung. Damit wird aber lediglich eine graduelle Übersteigerung einer ansonsten als normal empfundenen Dingkultur diagnostiziert, die, bei leicht veränderter Betrachtungsweise, im ursprünglichen Wortsinn als durchgehend fetischistisch eingestuft werden könnte. Im ästhetischen Kapitalismus haben wir eine Ordnung geschaffen, in der unsere Identität durch Produkte und Systeme und die ihnen eingeschriebenen Bedeutungen mitgeprägt ist (Flusser). Die Dinge sind Agenten – und damit nicht nur passive Objekte – denen Wirkungsmächte innewohnen, die unsere Leben auf unterschiedlichsten Ebenen beeinflussen.

Schreibende, KünstlerInnen, DesignerInnen, Ingenieure/innen, WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen – fast alle im heutigen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem sind befasst mit der Herstellung von Fetischen, deren Menge und Wirkungen die funktionalen Bedürfnisse weit übersteigen und unsere Welt formen. In unserer Konsumseele sind wir geneigt – wie Angehörige primitiver Völker – Dinge anzubeten und zu verehren. Wobei die Verehrung nicht nur das Ding betrifft: Hinter der Ware, dem verkappten Fetisch, stehen seine Macher und seine „Schöpferinnen“: verkappte Priester und Schamaninnen.

Quellen zum Text:

  • Hartmut Böhme: Fetischismus und Kultur. Rowohlt,2006
  • Karl Marx: Das Kapital – Kritik der politischen Oekonomie. Bd 1, Abs.1: Ware und Geld, Kap.1: Die Ware, 4. Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis. Otto Meissner, 1867
  • Sigmung Freud: Gesammelte Werke, Bd. 14. Fischer, 1999

  • Vilèm Flusser: Dinge und Undinge – Phänomenologische Skizzen. Hanser, 1993

  • WikipediaQuasi ein Online Lexikon.:
    de.wikipedia.org/wiki/Fetischismus_(Religion)
    de.wikipedia.org/wiki/Sexueller_Fetischismus
    de.wikipedia.org/wiki/Warenfetisch