E wie Europa-Metaphern

von Daniela Bär Daniela Bär, *1989, ist Kulturpublizistik-Absolventin und Zollfreilager-Mitgründerin. gepostet am 03. Dezember 2014
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Die Konstruktion eines Einheitsgefühls ist Voraussetzung für jedes organisierte Gemeinwesen. So auch für Europa: Es braucht die Loyalität und die Solidarität der Bürgerinnen und Bürger, ein Zusammengehörigkeitsgefühl und eine zugehörige Symbolwelt. Zu diesem Zweck haben politische und künstlerische Akteure immer schon auf Metaphern zurückgegriffen: Bilder als veranschaulichende Denkhilfe zur Verbundenheit.

Eine ebenso alte wie beliebte Methaper ist diejenige von Europa als Körper: Vom europäischen Körper mit christlicher Seele spricht schon Novalis Ende des 18. Jahrhunderts in einer Rede, die später als Druckfassung mit dem Titel Die Christenheit oder Europa vorgelegt wurde. Der vom kalten Krieg geprägte Papst Johannes Paul II. ist Teil derselben Geschichte, wenn er bemerkt, dass Europa beide Flügel seiner Lunge – nämlich den „West“- und den „Ost“-Flügel – zum Atmen braucht. Katharina Leonhardt untersucht in ihrer Arbeit Körperkonzepte einer europäischen Identität weitere Körper(teil)metaphern, die als solche in der Selbstverständlichkeit des Sprachgebrauchs kaum noch erkennbar sind: das „Staatsoberhaupt“, die „staatlichen Organe“ oder der „Arm des Gesetzes“.

Über die Bilder von Körpergliedern und Mitgliedern gelangt man ins Metaphernfeld der Familie. „Wir gehören zur Familie“, liess sich Kürsat Eser, Vorsitzender der türkisch-europäischen Parlamentskommission, in einem Artikel der Zeit 1999 zitieren. Die Familie hält auch (oder: gerade) in schwierigen Zeiten zusammen – von der FAZ im Jahr 2011 zur Eurokrise befragt, beginnt Familientherapeut Michael Winterhoff mit einem Familienporträt: „Man kann die europäische Währungsgemeinschaft mit einer Familie vergleichen, die nach und nach immer mehr Pflege- und Adoptivkinder aufnimmt. Es gibt starke und schwache Kinder, und es gilt, alle zu integrieren.“

In einem der Friday Specials kamen Kulturschaffende aus verschiedenen EU-Ländern zusammen, um gemeinsam über Europas Zukunft nachzudenken. Die spanische Kunsthistorikerin Chus Martínez verwies direkt auf Bruno Latour, als sie feststellte, dass sich Europäer in einem Erklärungszwang befinden: Wenn wir Europa als unsere Identität verstehen, so brauchen wir dafür eine Erklärung – diese finden wir in der Beschreibung des Raums. Gemäss Latour gibt es kein Zentrum und keine Peripherie, die Sicherheit des Zusammengehörens manifestiert sich in der Konnektivität der einzelnen Mitgliedsstaaten. Die Metaphernvielfalt, die in den Diskussionsrunden entstand, sagt einiges über Europas Gegenwart aus: Die Eurokrise, die Adaptationsversuche der neuen Mitglieder, steigende Arbeitslosigkeit und Einwanderungsdiskurse – all diese Aspekte wollen mitgedacht werden.

Gegenwärtig werde, so Martínez mit Rückgriff auf die Körper-Metapher, Europa als Tier, „maybe a cow or a pitbull“, mit einem mächtigen, regierenden Kopf und eher kümmerlichen Beinchen wahrgenommen. Die im Kopf entstandenen Visionen müssten aber von jedem einzelnen Organ mitgefühlt werden können. Die Kunst befasse sich seit Mitte der 1990er-Jahren vermehrt mit der Frage: „How to deal with not being the head of Europe?“ Michael Hadjistyllis, Kurator des zypriotischen Biennale-Pavillons, glaubt vielmehr an eine mediterrane Allianz als an eine Assimiliation aller Mitglieder, da keine wirtschaftliche Grundlage für eine europäische Einheit bestehe. Europas gegenwärtigen Zustand – wir sind im Metaphernfeld der bildlichen Darstellung und seiner Formen – beschreibt er als Mosaik, das auseinanderfällt. In einer Gesprächsrunde, an der neben Martínez und Hadjistyllis auch Rem Koolhaas und Monditalia-Kurator Ippolito Pestellini teilnahmen, war man sich einig: Ohne neue Ideen, „without a new language“ (Koolhaas) und ohne das Zurücklassen momentan gelebter und gescheiterter Angleichungsversuche wird die Stagnation andauern. Um ein vitaleres Europa zu ermöglichen, muss das alte Europa zurückgelassen werden. Der Körper ist etwas, das sich im besseren Fall erneuert und ernährt: „Europe is anorexic – we think about food all the time instead of eating automatically.“ (Chus Martínez)

An diesen Beispielen wird deutlich, wieso Metaphern so beliebt sind: Sie reduzieren auf ein einleuchtendes Bild, was in der Realität kaum in Worte gefasst, geschweige denn in konkrete Massnahmen übersetzt werden kann. Das kollektive Suchen und Finden einer adäquaten Metapher wird vom Publikum so eifrig beklatscht, als wäre damit die grösste Hürde genommen, dabei gilt: Mit dem Finden einer passenden Metapher ist unter Umständen noch nicht einmal das Problem formuliert. Und dennoch kann in sich in Metaphern eine Fantasie- und Denkbewegung entwickeln: „We need to change the animal, we need to switch into an Octopus“, meint Chus Martínez, von Gesprächspartner Michael Schindhelm auf das Tier angesprochen, dessen Arme sich unabhängig vom Gehirn bewegen können und trotzdem seine Koordinationsarbeit anerkennen und befolgen. Die deutsche Bezeichnung („Krake“) ist jedoch etymologisch ungeklärt: Man vermutet bloss, dass sie, übernommen aus dem Dänisch-Norwegischen, „entwurzelter Baum“ bedeutet.

Quellen zum Text:

  • Die Zeit, "Wir gehören zur Familie", 9.12.1999.
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung, „Europa ist eine Familie mit vielen Adoptivkindern“. Der Therapeut Michael Winterhoff bezweifelt, dass die Völker Europas sich mit Sanktionen und autoritärer Disziplin erziehen lassen, 11.12.2011.
  • Katharina Leonhardt, Dem europäischen Körper eine europäische Seele. Körperkonzepte einer europäischen Identität, 2012.