A wie Atlas

von Daniela Bär Daniela Bär, *1989, ist Kulturpublizistik-Absolventin und Zollfreilager-Mitgründerin. gepostet am 15. Dezember 2014

Atlas war ein Titane. Doch die Vermessung der Welt hätte für ihn – zu besuchen beispielsweise auf der alten Zollstation Dogana da Mar in Venedig, wo der Canale Grande auf den Canale della Giudecca trifft – schwerwiegende Folgen gehabt. Er, der das Himmelszelt der damals bekannten Welt stützte, hätte heute mehr zu stemmen denn je, und vermutlich den einen oder anderen schweren Wirbelsäulenschaden zu beklagen. Allerdings ist Atlas, wenn nicht als Patient, so doch als Organbezeichnung bei den modernen Wirbelsäulespezialisten längst angekommen: der erste Halswirbel heisst in deren Fachsprache so. Eine stützende Funktion hat er auch in der Architektur: Als Atlant ist er hier eine männliche, muskulöse Figur, die anstelle einer Säule die über ihr liegenden Bauglieder trägt.

In der Kartographie meint Atlas die Sammlung von verschiedenen, aufgrund diverser inhaltlicher Kriterien zusammengehörenden Landkarten. Der Begriff taucht so verwendet erstmals in Gerhard Mercators 1595 (posthum) erschienenen Werk Atlas, sive Cosmographicae Meditationes de Fabrica Mundi et Fabricati Figura auf (zu Deutsch: Atlas, oder kosmographische Betrachtungen über die Baukunst der Welt und die Gestalt ebendieser). Bis ins 15. Jahrhundert sind Atlanten Sammlungen beliebig zusammengebundener Landkarten, wobei jedes Land seine eigene Atlanten-Tradition pflegt. Der Beginn der grossen Entdeckerreisen läutet eine neue Ära im Zusammenstellen von Atlanten ein: Spezifisch ausgewählte Karten, die in ihrer Anordnung einem bestimmten Interesse folgen, werden neu in bewusst einheitlichem Format und in definierter Auflage publiziert. Der erste so in Buchform erschienene Atlas ist das 70 Folianten umfassende Theatrum Orbis Terrarum (übersetzt: Weltbühne) von Abraham Ortelius (1527–1598) aus dem Jahre 1570. Die Tradition, dass jedes Land seinen eigenen Atlas zusammenstellt und verlegt, besteht bis heute: Der Lehrmittelverlag des Kantons Zürich beispielsweise publiziert seit einem Beschluss der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren im Jahre 1898 den Schweizer Schulatlas und schneidet darin die Landkarten der Welt alters- und vermittlungsgerecht zu.

Mit dem im Februar 2005 gestarteten Dienst Google Maps unterwandert Google Inc. die Idee des Atlas’ als Landkartensammlung, indem es die Oberfläche der Welt als eine Karte präsentiert, auf die sich der Benutzer/Betrachter beliebig ein- und auszoomen kann. Wie flexibel Google Maps dabei im Markieren von Ländergrenzen ist, haben Netzaktivisten in einem von der Knight-Stiftung und dem Browserbetreiber Mozilla mitfinanzierten Hackathon aufgezeigt: Je nachdem, ob die Karte der Krim von einem russischen oder einem ukrainischen Server aus aufgerufen wird, gehört die Halbinsel bereits zu Russland oder noch immer zur Ukraine. Wenn eine kuratierte Sammlung von Karten im Dienste der Information nicht länger nötig ist, da erweiterte technische Möglichkeiten alte Informationsbedürfnisse in neuer Form befriedigen, wozu dann noch in Atlanten blättern?

Folgt man dem amerikanischen Autor und ehemaligen Professor für Design an der North Carolina State University, Denis Wood, so liegt in jedem Atlas ein narratives Potential: Die grafische Kraft der Karten entwickelt zusammen mit der moralischen und intellektuellen Integrität ihrer Auswahl und Anordnung ein polydimensionales Erzählpotential, das Prosa und Fernsehen übertrifft. In Atlanten steckt, so Wood, nicht weniger als kartografische Energie: Eine Haltung, die nicht auf passives Nachschlagen warten muss, sondern als aktives, relevantes Informationskonglomerat gelesen werden kann.

Quellen zum Text:

  • Denis Wood, Pleasure In the Idea: The Atlas As a Narrative Form, 1987. (www.deniswood.net/papers.htm)
  • Neue Zürcher Zeitung, Google zeichnet die Weltkarte neu, 25.06.2014.