A wie Apokalypse

von Lars Willumeit Lars Willumeit, *1974, ist Sozialanthropologe, Bildredakteur und Kurator. Er studiert im Master ausstellen & vermitteln der ZHdK. gepostet am 09. Juli 2014

Apokalypse beschreibt je nach Weltanschauung unterschiedliche endzeitliche, dystopische Szenarien, in denen die Gattung Mensch und/oder die Erde zu einem bestimmten Zeitpunkt und auf bestimmte Art und Weise aufhören werden zu existieren. Diese Vorstellungen basieren auf religiösem, politisch-religiösem, wissenschaftlichem, mythischem (und teilweise schlicht paranoidem) Gedankengut. Es gab in der ganzen Menschheitsgeschichte stets zahlreiche Vorhersagen über das Ende der Welt und je mehr man sich der Gegenwart nähert, desto häufiger tauchen sie auf. Nach aktuellem Stand der Wissenschaft wird die Kernfusion der Sonne in ungefähr 5,4 Milliarden Jahren das Helium im Sonnenzentrum verbraucht haben und die Sonne wird in einen «Roten Riesen» zerfallen. Dabei wird sie sehr wahrscheinlich die inneren Planeten des Sonnensystems, unter anderen die Erde, verschlingen. Wie in der Offenbarung des Johannes beschrieben, wird gemäss der christlichen Eschatologie des Abendlandes dem Leben auf der Erde mit der letzten Entscheidungsschlacht zwischen Gut und Böse, dem Armageddon, ein Ende gesetzt. Ebenso relevant sind in diesem Zusammenhang Vorstellungen des Weltuntergangs, der Begriff des Schicksals und des Jüngsten Gerichts. In islamischen Schriften finden sich ähnliche Beschreibungen dieser letzten Schlacht. Diese dystopischen Visionen sind das eine, religiöse Kosmologien bergen aber auch Potenzial für Utopien, zum Beispiel die Vorstellung vom Himmel oder der Erlösung. Einen besonderen Fall stellen millenarische Kulte bzw. Bewegungen dar, deren Doktrin eine radikale Veränderung der bestehenden Ordnung verlangt, um ein irdisches Paradies zu schaffen. Vor diesem Hintergrund lassen sich Projekte wie Frozen Ark und das Svalbard Global SeedVault (Spitzname «doomsday vault», d.h. «Weltuntergangs-Tresorraum») als fest verankerte Arche Noah interpretieren, um innerhalb der christlichen Weltanschauung zu bleiben. Rational betrachtet soll die Saatgutbank im Fall von Krieg, Naturkatastrophen oder atomarer Verseuchung das Fortbestehen von Nahrungspflanzen sichern. Auch die Szenarien für die bestmögliche bzw. unglücklichste Entwicklung, die sich aus wissenschaftlichen Zukunftsmodellen ableiten lassen, sind mit formelhaften, krypto-christlichen Glaubensvorstellungen von Apokalypse und Erlösung kodiert. Auf ihnen fussen alle Hoffnungen, die an diese Biobanken geknüpft werden, genauso wie der Glaube an ihre Notwendigkeit.

Quellen zum Text:

Erstmals erschienen in:

Daniela Janser, Thomas Seelig, Florian Ebner (Hg.) (2014): Deposit – Yann Mingard

Für einen humorvollen Überblick zum Thema:
vgl. Kerstin Schimandl, Les fins du monde / Weltuntergänge ... Und sie dreht sich doch (Noch!), Mainz 2012