Z wie Zahlenmagie

von Tom Stäubli Tom Stäubli, *1976, ist Designer, macht Musik und wundert sich leidenschaftlich über Gesellschaft, Dinge und Kunst. gepostet am 15. Juli 2014

Zahlensinn: Anthropologische und kulturelle Konstanten

Bei Zahlenmagie, Zahlensymbolik, Numerologie, Zahlenmystik handelt es sich gemäss Definition um einen Zauber, der den Zahlen innewohnt. Die Biologie des Menschen schafft die   Voraussetzungen: Mengen höher als vier werden nicht ganzheitlich erfasst und müssen gezählt werden. Der neurologisch gesonderte Zahlensinn bildet die Anlage für die keineswegs selbstverständliche Kulturpraxis des Zählens. Bei entsprechendem Training sind bis zu einem gewissen Grad auch einige Tiere fähig zu zählen; andererseits zeigt bei den Menschen der zähl-resistente Stamm der Pirahãs, wie hoch die Eintrittsschwelle sein muss.

Entwicklungsgeschichtlich verlangten soziale Konstellationen sowie das Beherrschen von Mengen und Grössen (Bestand, Handel, Jagd) nach der Zahl als rationalem Werkzeug. Für ihre Systematisierung und Transzendierung nehmen von der Frühzeit bis heute Himmelsphänomene wie Taktung, Lauf und Wirkung von Sonne, Mond und Sternen eine zentrale Rolle ein.

Eine Konstante in der Entwicklung der Mathematik ist der kulturenüberschreitende Austausch. Von den Grundrechenarten im alten Ägypten 3000 v. Chr. über die bekannten Griechen bis zu den indischen Astronomen und Mathematikern, die im 7. Jahrhundert das Konzept der Null und der negativen Zahlen integrierten. Auf den indischen Erkenntissen basiert unser dezimales Stellenwertsystem und die Schreibweise seiner Zahlzeichen, inklusive des Ausdrucks Ziffer. Über den Nahen Osten ist das indische System im 12. Jahrhundert nach Europa gelangt – daher die landläufige Bezeichnung als „arabische Zahlen“. Es bildet die Grundlage, ohne welche das heute gültige Verständnis von Mathematik nicht möglich wäre.

Untrennbar mit dem Entstehen der Mathematik verschränkt ist immer auch die Zahlensymbolik. Ob im altorientalischen Mesopotamien, der südeuropäischen Antike, im ostasiatischen Raum – die den Zahlen zugeschriebenen Inhalte und Bedeutungen überschneiden sich weitgehend, insbesondere bis zur biologisch-magischen 4. Die Kulturen des Nahen Ostens und Europas sind geprägt durch die Bibel, die, so die kabbalistische Sichtweise, nur durch Zahlenmystik entschlüsselt werden kann. Weil die Buchstaben des hebräischen Alphabets gleichzeitig Zahlzeichen sind, ist jedes Wort auch Zahl. Durch Vervielfachungen und Quersummen steht die Zahlenzauberei kabbalistisch gesehen auf unerschütterlichem Fundament: Die Rückführbarkeit jeglicher Zahlen auf symbolische Grundbausteine schafft selbsterfüllende Prophezeiungen und ist jeweils mathematisch belegbar.

 

Magie in der numerischen Ära

Die mystische Aura der Zahl wird in der Kultur- und Warenproduktion ausgiebig genutzt. Im Journalismus exemplarisch sind Einschübe von kurzen Faktenblöcken in Schicksalsreportagen – Zahlenintermezzi mit Mengen, Daten, Grössen, die neben ihrem Informationsgehalt den Text rhythmisieren, aber wichtiger noch als Beschwörungspsalme des Rationalen dienen. Die emotionsfreie Quantifizierung bildet das Kontrastmittel, welches das zentrale menschliche Element im übrigen Text umso stärker hervortreten lässt.

Als Gestaltungselemente auf Dingen aller Art verheissen Zahlen Bedeutung, Orientierung und Einbettung. Die prominent gesetzte Ziffernfolge weist immer schon über ihre Mengenangabe hinaus: auf ein System dahinter und darüber auf einen möglicherweise noch grösseren inhaltlichen Überbau für Eingeweihte. Namen mit Zahlanteil (Studio 54, Gruppe 47), grossflächige Nummerngrafik auf Fassaden, Ziffern auf Fahrzeugen oder Zahlenreihen auf Textilien oszillieren zwischen der Austauschbarkeit der darin enthaltenen Nummer und einem Herausragenwollen aus der Masse durch das schiere Selbstbewusstsein, dass genau diese eine Ziffernfolge herausgestellt wird. Der Rückkopplungseffekt steigert die Wirkung ins Magische. Eine schlichte Hausnummer kann durch ihre Setzung als soziogeografisches Insider-Orakel verortet werden. Im gleichen Zug bietet die Zahl den sicheren Rückhalt der Rationalität. Bei der Zurschaustellung von Zahlen ausserhalb ihrer quantifizierend mathematischen Funktion geben wir uns als Entromantisierungs-RomantikerInnnen zu erkennen.

Die gesellschaftlich relevanten Entwicklungen der letzten 200 Jahre wurzeln in der Zahlenbeherrschung: die wissenschaftlich-quantifizierte Aufklärung , die industrialisierte Massenproduktion, deren Wert- und Ordnungssysteme sowie die numerische Datenverarbeitung als Basis der Digitalisierung. In diesem Kontext versichert uns das Aneignen und Beherrschen der Zahlenwelt der Einordnung und Teilhabe am Universum – das gilt für die gestirnelesenden Naturvölker und frühen Hochzivilisationen genauso wie für die hochtechnologisierten Kinder der Aufklärung.

Quellen zum Text:

  • Zettel, Christa (1988): Geheimnis der Zahl. Wien: hpt-Verlagsgesellschaft.
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