Hochsitz

Zurich meets Zurich in Schwamendingen

von Eva Mackensen Eva Mackensen studierte Philosophie und Kulturkritik in München. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Master Kulturpublizistik der Zürcher Hochschule der Künste. gepostet am 23. August 2020
  • Illustration: Annatina Nay

«City of Abstracts», eine bereits im Jahr 2015 geschaffene Arbeit des Choreographen William Forsythe, zählt zu seinen sogenannten choreographischen Objekten. Es besteht, von Objektseite aus betrachtet, aus einer Leinwand, die seitlich an die Ladefläche eines Lastwagens montiert ist. Eine darüber installierte Kamera fängt die Choreographie der Umgebung ein – die Trambahnen, Töffs und Autos, die im Hintergrund vorbeieilen, die Passanten, die neugierig stehenbleiben – und spielt den Film mit leichter Zeitverzögerung auf die Leinwand.

Kann dieses choreographische Objekt mehr sein als eine effektvoll inszenierte Selbstbespiegelung, die durch den «Zurich meets Zurich»-Kontext aus Marketinggründen mit der Metapher von Begegnung bekitscht wird? [1] In Zeiten von Zoom und Social Distancing hängt an dieser Frage viel. Das isolierte, vereinzelte Selbst der fragmentierten Individualgesellschaft hat sich bekanntlich über Monate hinweg bei der eigenen Arbeitsperformance in einer Videosoftware betrachtet. Ist es da wirklich verlockend, neu und originell, mit dem eigenen Spiegelbild konfrontiert zu werden, das auf einer Leinwand aufscheint?

Aber erstens findet gleich die Zürcher «Première», der erste Halt der Installation, in einem Quartier statt, in dem bestimmt nicht alle Einwohner*innen in den ersten Pandemiemonaten komfortabel aus dem Homeoffice arbeiten konnten. Schwamendingen – leicht erhöhter Ausländeranteil, vergleichsweise niedrige Mieten – liegt in Randlage, weit weg von den hippen Cafés der Wissensarbeiter*innen und den Lunchlocations der Manager*innen. Zweitens funktioniert die Installation nicht einfach als starrer Spiegel, sondern setzt etwas in Bewegung. So nuanciert und spielerisch, dass sie wie eine sich im Moment ereignende, schwebende Verwirbelung des Alltags anmutet.

Mitten auf dem Schwamendingerplatz stehend, bewirkt der simple Versuchsaufbau nämlich lauter kleine Ereignisse. Da ist die Freude, das Staunen darüber, sich selbst auf der Leinwand zu finden, wie in einem Kinofilm. Der leichte Zerreffekt im Bild, der selbst kleine Bewegungen – das Strecken der Hand, ein Heben des Fusses – irgendwie anmutig aussehen lässt, leicht und beinahe schwebend. Da sind die Männer mit Bierdose, die von den Hartplastikbänken aufstehen und sich mit ins Bild trauen. Das Tram, das hinten ganz schief durchs Bild ruckelt, sehr zur Freude der Kinder. Da sind, vor allem, zaghafte Blicke und ein Lächeln zwischen Fremden.

Das alles dauert gar nicht lang, bald geht jede und jeder wieder seiner Wege. Aber für einige Minuten lang entsteht ein gemeinsam genutzter, gemeinsam erfahrener öffentlicher Raum, eine Andeutung von Gemeinschaft. In diesen Zeiten vielleicht eines der wichtigsten Erlebnisse, die man teilen kann.

 

Quellen zum Text:

[1] Die Stadt Zürich führt jährlich ein Festival in einer anderen Stadt durch, um den Kulturstandort Zürich bekannt zu machen. Das passiert im Rahmen des sogenannten «integrierten Standort- und Destinationsmarketings», wie es in schönster bürokratischer Umständlichkeit heisst. Coronabedingt bleibt das Festival aber in diesem Sommer hier, und heisst deshalb folgerichtig «Zurich meets Zurich». Mit der Installation «City of Abstracts» des Choreographen William Forsythe wurde ein gemeinsamer Programmpunkt zwischen dem Festival und dem Theater Spektakel geschaffen.

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