Gastspiel im Gastspiel

Vom 12. Juli bis am 9. November 2014 fand «Gastspiel. Schweizer Gegenwartskunst im Museum Rietberg» statt. Zollfreilager erhält die Gelegenheit, mit eigenen Zugängen, Positionsnahmen und Beobachtungen auf die Ausstellung, das Museum und seine Sammlung zu reagieren. Mitwirkende der bis November abgeschlossenen Spezialausgabe sind neben der Zollfreilager-Redaktion auch Damian Christinger (Kurator der Ausstellung), Peter Weber und Lukas Bärfuss (beide vertreten in der Ausstellung).

Vom 12. Juli bis am 9. November 2014 fand «Gastspiel. Schweizer Gegenwartskunst im Museum Rietberg» statt. Zollfreilager erhält die Gelegenheit, mit eigenen Zugängen, Positionsnahmen und Beobachtungen auf die Ausstellung, das Museum und seine Sammlung zu reagieren. Mitwirkende der bis November abgeschlossenen Spezialausgabe sind neben der Zollfreilager-Redaktion auch Damian Christinger (Kurator der Ausstellung), Peter Weber und Lukas Bärfuss (beide vertreten in der Ausstellung).

Wir leben von Begegnung

von Der Balken in meinem Auge Die Gesprächsreihe "Der Balken in meinem Auge. Reflexivität als Ressource" wird von verschiedenen Mitgliedern der Zollfreilager-Redaktion bespielt. gepostet am 28. September 2014

1. Zeit und Emotionen

CEJANA DI GUIMARÃES: Die Zeit als Verwandlungsmechanismus von Leben, Realitäten, Kulturen, Emotionen ist ein Hauptthema in deiner Arbeit.

NIVES WIDAUER: Sehr richtig, auf den Punkt genau getroffen.

CEJANA DI GUIMARÃES: Zeigt sich in der Spannung zwischen Zeit und Emotionen unsere Suche nach dem Gleichgewicht? Nehmen wir als Beispiel deine Arbeit lot, in welcher ein Senklot über einer halben zerstörten Skulptur hängt.

NIVES WIDAUER: Das sind Begriffe, die wirklich eine grosse Relevanz für meine Arbeit haben. Gleichgewicht, Balance zu finden, ist eines meiner Lebensthemen. Der Begriff Zyklus gehört dazu. Wir sind als Menschen gewissen Zyklen unterworfen, die uns die Natur vorgibt. Die Verbindung von Zeit und Emotionen erkennen wir im eigenen Muster, aber das sehen wir erst im Nachhinein. Der absolute zentrale Lebenspunkt ist der Moment. Es gibt nichts anders als diesen Punkt, wo wir uns jetzt befinden, und das ist die Realität. Die Zeit strömt in alle Richtungen, nicht nur als etwas Lineares. Unser Denken hat Achsensysteme wie die Welt. Im grossen Zusammenhang ist Zeit etwas Expansives, Licht ist etwas Expansives. Aber wir verstehen es jeweils nicht. Das sind die grossen Fragen.

CEJANA DI GUIMARÃES: Sind deine Arbeiten eine Suche nach dem Gleichgewicht des Ungleichen?

NIVES WIDAUER: Da kommen wir zum Begriff des Musters. Gefühlsmässig werden die Emotionen über die Zeit in unseren Leben aufgeklärt. Da gibt es auch Verhaltensmuster, das sind Bausteine, die sich wiederholen. Das Mikro und das Makro sind extrem ähnlich. Es gibt gewisse Formen, die immer wieder auftauchen, in einer Ornamentik, in unserem Körper, in der Natur, die Ranke einer Pflanze wiederholt sich in der Architektur. Durch ein Mikroskop sieht ein Meteorit aus wie die Erde durch ein Bild von einem Satelliten. Es gibt so viele Verbindungen!

CEJANA DI GUIMARÃES: Erzeugen diese Verbindungen das Gleichgewicht?

NIVES WIDAUER: Jetzt wird es kompliziert, kommen wir zum nächsten Punkt, gravity. Die Schwerkraft leitet dieses Senklot zur Erdmitte. Unsere Erdmitte ist einer von vielen Mittelpunkten im Universum. Nur für uns ist dieser Mittelpunkt relevant, weil wir auf diesem Planeten leben. Aber die Schwerkraft ist eine Kraft, die nicht erforscht wurde. Die Übertragung der Schwerkraft ist eines der grossen Rätsel der Physik. Man weiss heute, dass die Schwerkraft ein Netz im ganzen Universum bildet und dass sie wirklich einen Einfluss auf alles hat.

CEJANA DI GUIMARÃES: Existiert also eine Parallele zwischen der Aussenwelt –Schwerkraft, Senklot, Gravitation – und unserer Innenwelt?

NIVES WIDAUER: Sicher. Bhudda geht den Mittleren Weg, im Buddhismus geht es darum, die Mitte zu finden, die Ruhe eines Lots. Ich gehöre zu keiner Religionsgemeinschaft, habe aber viel gelesen. In anderen Religionen geht es theoretisch auch darum, nur anders verpackt. Immer wenn sich etwas zum Erdmittelpunkt richtet, werden wir auch ganz ruhig. Wenn wir etwas in der Natur beobachten, einen Baum, der gerade wächst, eine Sternschuppe, die vom Himmel fällt, auch nur für einen kurzen Moment, das macht uns still.

CEJANA DI GUIMARÃES: Wenn das Lot für das Gleichgewicht steht, was bedeutet dann der Meteorit in deiner Arbeit dreaming the sky?

NIVES WIDAUER: Der Meteorit ist das Fremde, das wirklich Fremde, extrem Fremde. Aber was interessant ist, wenn der Meteorit irgendwo am Boden liegt, würdest du ihn nicht erkennen. Das Fremde ist eben ganz nah, ganz integriert, ganz banal. Obwohl der Meteorit eine lange Reise gemacht hat und seine Materialität extrem exotisch ist, liegt er einfach da. Im Hausstaub hat es auch immer etwas von Sternenstaub dabei.

 

2. Realität und Erinnerung

CEJANA DI GUIMARÃES: In deinem VHS-Bronzeguss timecast steht - „Nothing is like what the memory of it will become“. Welche Distanz existiert zwischen dem, was erlebt wird, und unserer Erinnerung davon?

NIVES WIDAUER: Bei der Bronze-Serie habe ich beschlossen, die wichtigsten Momente meiner Videoarbeit der ersten Jahre zu behalten und den Rest zu löschen. Ich hatte sehr viele Videos und die Archivierung wurde immer schwieriger. Ich habe dann die Kassetten gegossen und in die Datenbank settle verwandelt, auf welcher wir wirklich sitzen können. Meine Kameras wurden in home for my bird gegossen. Ich nenne es Aufraum, ein Raum, auf den wir schauen können und den wir gleichzeitig aufräumen. Ich wollte mein Leben nicht mit Katalogisieren meiner Arbeit verbringen, das wäre wie ein sinnloser Versuch, Ordnung zu schaffen. Es ist sehr schön, dass meine Arbeit in eine Bank gegossen ist, auf welche ich mich setzen kann und wo ich ausruhe. Es hat eine physische Präsenz in meinem Leben.

CEJANA DI GUIMARÃES: Ist es nicht auch ein Versuch, in Bronze festzuhalten, was nicht festzuhalten ist?

NIVES WIDAUER: Es geht nicht darum die Zeit festzuhalten, sondern darum, die Sachen zurücklassen zu können, damit ich wieder frei bin. Ich wollte mich nicht immer mit einem Archiv beschäftigen, ich wollte es hinter mir lassen mit ein bisschen Humor. Das letzte, was mich interessiert, ist mein eigenes Archiv zu betreuen.

 

3. Wirklichkeit und Wahrnehmung

CEJANA DI GUIMARÃES: Bildet die Kunst eine Brücke zwischen den verschiedenen Wahrnehmungsmöglichkeiten der Realität?

NIVES WIDAUER: So viele Menschen wie es gibt, so viele Ansätze, Kunst zu machen. Die Kunst im weitesten Sinn versucht, die Befruchtung nachzuahmen. Wir sind Wesen, die durch die Sinne sammeln, wir sammeln Eindrücke, die wir im ganzen Körper speichern. Die Muster bleiben erhalten, in Augen, Ohren, Nase. Als Kind brachte meine Mutter mich zu einer Ausstellung mit. Es war ein besetztes Haus und ich dachte, das ist es! Ich war ganz klein aber ich dachte, das ist es einfach, das ist selbstverständlich. Es ist für mich so notwendig wie der Kaffee, den wir trinken oder ein gutes Essen. Zu meiner persönlichen Balance brauche ich die Kunst.

CEJANA DI GUIMARÃES: Wie zeigt sich das in past pattern II tentations, deinem Zelt aus Fotonegativhüllen von Hans Himmelheber?

NIVES WIDAUER: Ich bin wie eine Camera Obscura, du hast ein grosses Bild draussen und ein grosses Bild drinnen und du musst abgleichen. Es passiert über Träume, Gespräche, Kunst. Es brauch eine gewisse Form von Konzentration, eine Art von Achse, wie mit dem Lot. Wenn ich ein altes Muster aus der Vergangenheit von jemandem nehme, die Negativhülle, eine Skulptur oder die Entwürfe von Schönheitsidealen, und meine Muster darüber lege, ergibt sich eine Diskussion zwischen den beiden Mustern.

CEJANA DI GUIMARÃES: Durch die Transmutation von Objekten, von ihrer Funktion und Form, ergibt sich auch eine neue Wirklichkeit?

NIVES WIDAUER: Es existiert eine Tradition der Verwendung oder Entfremdung von Objekten, es gibt den Surrealismus, den Hyperrealismus und verschiedene Arten von Realismus. Ich glaube, ich mache TRANSREALISMUS. Achtung! Da kreiere ich einen neuen Begriff. Ich habe das jetzt im Gespräch gedacht, weil es eine Transmutation von Sinn und Emotionen gibt. Diese Objekte bleiben, was sie sind aber ich lade sie mit neuen Emotionen, ich schicke etwas hindurch. Sie kommen zusammen in eine neue Situation.

CEJANA DI GUIMARÃES: Deine Arbeiten nutzen oft verschiedene Projektionsflächen, wie die Maske im Zelt. Sind die Möglichkeiten der Wahrnehmung unendlich? Ist Wahrnehmung kulturell oder individuell?

NIVES WIDAUER: Es gibt Wahrnehmungsmuster, die durch Erziehung getrieben sind. Vieles ist kulturell geprägt, stark durch die Familien und die Umgebung beeinflusst. Es gibt im Zelt drei Projektionsflächen, die Maske, die Zeltwand und eine Vitrine hinten im Raum. Die Vitrine war ein Zufall. Zufall oder Fügung? Ich glaube immer, dass jeder Zufall zu einer Fügung führt.

CEJANA DI GUIMARÃES: Nehmen Menschen aus verschiedenen Kulturen ein Kunstwerk gleich wahr?

NIVES WIDAUER: Kunst, wenn sie gut funktioniert, kann von sehr vielen Leuten intuitiv verstanden werden, aber jeder kann etwas anders darin sehen. Himmelheber, der Fotograf, hat die Theorie gehabt, dass Menschen, die unter ganz verschiedenen Umständen leben, ähnliche Lebensformen entwickeln. Er war in Afrika und oberhalb von Kanada bei den Inuits. Für die einen ist der Schnee das Fremde, für die anderen ist es das, was sie jeden Tag sehen.

CEJANA DI GUIMARÃES: Die Wirklichkeit wird kulturell anders wahrgenommen. Aber appelliert die Kunst an etwas Universelles in Menschen?

NIVES WIDAUER: Oft verstehen wir dort, wo wir mittendrin sitzen, nicht alle Zusammenhänge, wir müssen einen Schritt nach draussen machen, um zu merken, was als „exotisch“ wahrgenommen wird. Ich würde sehr gerne in einem ähnlichen Museum im Afrika oder Asien ausstellen, vielleicht eine Installation mit den Schweizer Fasnachtsmasken machen. Ich würde gern mit unseren Fremden irgendwohin gehen, diesen Transfer machen. Und dann versuchen, auf unser Eigenes zu reagieren, als ob es fremd wäre.

CEJANA DI GUIMARÃES: Wäre der Kontrast zwischen zwei zeitgenössischen Künstlern aus Europa und Asien so gross wie in der Ausstellung Gastspiel? Ist die Zeit eine wichtigere Achse als die Kultur?

NIVES WIDAUER: Das ist heute ein wichtiges Thema, weil sehr viele Künstler überallhin reisen und ähnliche Arbeiten, Installationen sehen. Es gibt Kulturen, die vielleicht anders mit ihren Reliquien umgehen, sie sind im Alltag integriert, in Ritualen, aber wir setzen sie auf Podeste.

CEJANA DI GUIMARÃES: Wir haben auch die Heiligenfiguren der Katholischen Kirche.

NIVES WIDAUER: Es existiert eine Sehnsucht nach diesen Wurzeln der Kulturen, den eigenen Spuren. In vielen Ländern wurden sie durch den Kolonialismus in alle Winde zerstreut und heute müssen sie die eigenen Spuren mühsam in der ganzen Welt wieder zusammen suchen. Es ist wichtig, sich zu vernetzen und den Dialog in alle Richtungen wieder zu führen. Das Rietberg Museum ist sehr aktiv in diesem Sinn. Meine Idee wäre es, mit dem Archiv von Himmelheber dorthin zurück zu gehen, wo er fotografiert hat und diese Personen oder ihre Verwandten zu suchen, ist ein Beispiel. Es braucht oft nicht viel, es braucht nur eine kleine Brücke.

CEJANA DI GUIMARÃES: Was erzeugt Nähe oder Distanz zwischen den Menschen?

NIVES WIDAUER: Ich kann mich als Mensch über eine Achse verbinden, zum Beispiel über die Fotos von Himmelheber. Ich bin ein Vermittler, der Transformator, und aufgrund dieser Ausstellung kann ich einen aktiven Schritt machen, dieses Dorf suchen und ich kann mit wenig Aufwand dort einen Besuch machen und den Leuten diese Fotos zeigen. Es muss nicht etwas Riesiges sein. Im Leben geht es darum, uns zu verbinden. Es geht nicht um Geld oder Ruhm. Schlussendlich leben wir von Begegnung.

Quellen zum Text:

Das Interview mit Nives Widauer wurde von Cejana di Guimarães am 30. August 2014 im Museum Rietberg geführt. Die ZollfreilagerZollfreilager, ein Internetmagazin der Plattform Kulturpublizistik der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), ist seit dem 7. Juli 2014 öffentlich. Zollfreilager wirft in journalistischen, reflektierenden und künstlerisch-experimentellen Formaten Schlaglichter auf Phänomene rundum Kultur, Kunst und Migration. Zu den Beitragenden gehören Studierende und Dozierende des Master Kulturpublizistik der ZHdK sowie ein Netz von Korrespondentinnen, Mittätern und Komplizinnen aus allen Kontinenten und Disziplinen.-Reihe Der Balken in meinem Auge. Reflexivität als Ressource versammelt Gespräche mit AkteurInnen der Kunst- und Kulturvermittlung.

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