Wer atmet, kann Geschichten erzählen. Interview mit der Filmemacherin Hiwot Getaneh, zurzeit Artist in Residence in der Villa Sträuli.

von Franziska Meierhofer Franziska Meierhofer ist Absolventin des Master Kulturpublizistik. gepostet am 10. Oktober 2016
  1. Eins führt zum Anderen

 

Franziska Meierhofer: Hiwot, du bist Teil der «Filmmaker Academy» des Filmfestivals Locarno. Wie kam es dazu?

Hiwot Getaneh: Ich kam hierher durch die «Realness African Screenwriter's Residency» in Südafrika. Realness richtet sich an junge Filmschaffende, die an ihrem ersten oder zweiten Langfilm arbeiten. Gerade für mich war es eine ausserordentlich wertvolle Erfahrung, da ich in Äthiopien nie die Möglichkeit hatte, Feedback von Gleichgesinnten zu erhalten. Ausserdem verbanden uns diese Wochen sehr. Wir waren drei Frauen und zwei Männer aus Äthiopien, Kenia, Madagaskar und Südafrika.

 

FM: Wie hast du von Realness erfahren?

HG: Zunächst via Facebook. Cait Pansegrouw von Realness, die ich drei Jahre zuvor in Durban kennengelernt hatte, machte mich auf die Ausschreibung aufmerksam. Später begegnete ich Elias Ribeiro, einem der Realness-Initianten, in Berlin. Das Programm war damals schon in aller Munde. Eins führte zum Anderen: Berlin zu Südafrika, Südafrika zu Locarno und Locarno zu Winterthur, wo ich ab Oktober für zwei Monate «Artist in Residence» in der Villa Sträuli sein werde. Wer weiss, was danach kommt!

 

FM: Wie hat Realness euren Schreibprozess unterstützt?

HG: Auftakt des Programms bildete ein einwöchiges Mentorat mit Selina Ukwuoma aus Grossbritannien während des Durban Film Festivals. Dann arbeiteten wir im südafrikanischen Nirox mit Nadja Dumouchel aus Frankreich weiter. Die meisten Scripts drehen sich um sensible Themen wie Spiritualität und Tradition. Es ist nicht einfach, jemanden zu finden, der solche Inhalte nachvollziehen kann und nicht in die persönlichen Weltanschauungen der Filmschaffenden eingreift. Die Mentorinnen und Mentoren von Realness verstanden unsere Ideen.

 

FM: Es muss sehr wertvoll sein, überhaupt den Raum zum Schreiben zur Verfügung zu haben.

HG: Als junge, unabhängige Filmschaffende lebt man von wenig Geld. Der kreative Prozess leidet, wenn man ständig TV-Werbungen drehen oder Auftragsarbeiten ausführen muss. Es ist Gold wert, diese Art von Pause, Raum und Zeit zu haben. Realness wurde ins Leben gerufen, weil die Initiantinnen und Initianten gute Filme aus Afrika sehen wollen und nicht aus Wohltätigkeit. Plattformen wie diese sind selten in Afrika.

 

 

  1. Der Augen-Öffner

 

FM: Wenn wir die Zeit etwas weiter zurückdrehen – wie bist du zum Film gekommen?

HG: Ich wuchs in Addis Abeba auf. Ich war gut in Mathematik und Physik, hatte aber auch immer eine Affinität zur Kunst. Mal abgesehen von Gesang und Malerei probierte ich so ziemlich alles aus, von Theater über Poesie bis zu Journalismus. Weil es in Äthiopien aber keine richtige Filmschule gibt, studierte ich zuerst Computeringenieurswissenschaft. Nach dem Abschluss entdeckte ich die kleine «Blue Nile Film and Television Academy» in Addis, die von Abraham Haile Biru, einem niederländisch-äthiopischen Filmemacher gegründet worden war. Das Konzept ist simpel: Du gehst hin, schaust dir Filme an und lernst die Basics des Filmschaffens – weniger wie in einer Schule als wie in einem Labor. Am Ende des Programms lancierte Blue Nile das internationale «Colours of the Nile» Filmfestival. Am Festival, an dem ich als «Hospitality Coordinator» arbeitete, lernte ich einen Produzenten kennen. Nur einen Tag vor seinem Rückflug nach Paris setzten wir uns in die Hotellobby, tranken einen Kaffee und sprachen über Filme. Ich sagte ihm, dass ich Regisseurin werden wollte und erzählte ihm die Idee für eine Geschichte, in der ein junges Mädchen seine Sexualität entdeckt. Am nächsten Tag rief er mich an und sagte: «Mir gefällt deine Story. Wenn du das Script schreibst, produzieren wir es.» Ich machte mich an die Arbeit und finalisierte das Script im «Durban Talents»-Programm vor drei Jahren. «New Eyes» war mein allererstes Projekt und nicht sehr professionell, aber wir haben es geschafft, und jetzt ist der Film zum Glück erfolgreich.

 

FM: Worum geht es darin?

HG: Mir war aufgefallen, dass man Kinder für gewöhnlich für ihre Lebensschritte feiert: Wenn sie grösser werden, wenn sie ihre ersten Wörter sagen oder wenn sie ihre ersten Schritte gehen, freuen sich alle. Aber wenn ein Mädchen in die Pubertät kommt und sich länger im Spiegel zu betrachten beginnt, ist das nicht in Ordnung. Die Leute tun geradezu so, als wäre es ein Desaster, und scheinen zu vergessen, dass es etwas Normales und Schönes ist, die eigene Sexualität zu erfahren. Sie ist das Leben – das, was uns schafft. Das «Frau werden» ermöglicht erst die Schwangerschaft. All das ist eine sehr interessante und schöne Form des Erwachens. Und doch wird der Prozess von der Umgebung oft als problematisch wahrgenommen. Diesen Widerspruch habe ich in meinem Film thematisiert.

 

FM: Haben deine Freunde und Familie dich bei diesem ersten Schritt als Filmemacherin unterstützt?

HG: Natürlich. Aber ein Problem, dem ich begegnete, war, dass man in Äthiopien Männern eher traut als Frauen. Das war herausfordernd. Ich war neu, ich musste zuerst das Vertrauen der Leute in der Branche gewinnen. Es ging dabei nicht um Autorität, eher um den Glauben an die Vision des Projekts. Nur wenn dein Team an deine Vision glaubt, kannst du einen tollen Film machen. Die Vision ist der Boss.

 

  1. Surfen wollen, ohne das Meer zu kennen

 

FM: Und worum geht es in dem Film, an dem du schreibst?

HG: Um ein elfjähriges Mädchen namens Massi aus Addis, das ein traditionelles Ritual zur Heilung seiner kranken Mutter durchführt. Als Massis Mutter stirbt, wird ihr von allen die Schuld dafür zugeschoben, insbesondere von der Grossmutter, da das Ritual von einem Mann vollzogen werden sollte. Massi fühlt sich schuldig, aber beginnt auch zu denken, dass Gott, wenn er Hände mit Genitalien verwechselt, ein Idiot sein muss. Also begibt sie sich auf eine Reise in dem Glauben, dass Gott und alle, die er erschaffen hat, ausser Massi selbst, Idioten sind. Schliesslich entdeckt sie eine eigene Version von Gott und lernt, sich selbst und allen anderen zu vergeben. Der Film heisst «A Fool God».

 

FM: Kennt man in Äthiopien Filme mit solchen Stoffen?

HG: Die lokale Filmproduktion Äthiopiens ist stark und schwach zugleich. Ähnlich wie in Bollywood werden viele romantische Komödien produziert. Unabhängiges Autorenkino ist aber sehr selten. Junge Menschen, die in die Regie wollen, möchten den Mainstream zwar nicht reproduzieren, aber es gibt auch keine Referenzpunkte oder Inspirationsquellen für Alternativen. Äthiopien ist ein Binnenland, also träumt niemand davon, Surfer zu werden. Man muss in Berührung mit einer Sache sein, um von ihr zu träumen. Man braucht Glück oder Entschlossenheit, um einen solchen Weg zu gehen.

 

FM: Und gibt es diese Entschlossenheit in deiner Generation?

HG: Ja, auch wegen des Internets. Ich nenne es die 5D-Revolution. Über das Netz kannst du experimentieren, lernen und auf viele Filme zugreifen. Heutzutage erleben wir eine Zunahme des Filmschaffens in Äthiopien und auch in der Diaspora. Die Szene verändert sich und erstarkt.

 

FM: Ist die Ausbildung dabei wichtig?

HG: Meiner Meinung nach gibt es überall gute Geschichtenerzähler – unabhängig von Standort und Ressourcen. Die Ressource für eine gute Story ist schliesslich das Leben. Wer atmet, kann Geschichten erzählen. Wie gut man darin ist, ist eine Frage des Talents. Um Filme zu machen, muss man aber auch die Technik beherrschen und ein tieferes Verständnis für den Film entwickeln. Die Leute mögen denken, sie lieben Filme, aber sie lieben immer nur das, was sie vor der Nase haben. Für mich war der Besuch der Blue Nile School sehr hilfreich. Schaute ich zuvor hauptsächlich amerikanische oder britische Filme, lernte ich bei Blue Nile unter anderem französisches, iranisches und afrikanisches Kino kennen und stellte fest, dass ich diese Art von Filmen bevorzuge.

 

FM: Was sind das für Filme?

HG: Ich möchte Geschichten erzählen, in denen Menschen etwas Neues über das Leben lernen. Nicht darüber, wie man leben soll, sondern eher darüber, wie man mit Existenz per se umgehen soll. Lange Dialoge beispielsweise sagen mir nicht viel, dafür liebe ich Stories, deren Charaktere neugierig auf das Leben sind und die sich deshalb weiterentwickeln.

 

Hiwot Getaneh ist von Anfang Oktober bis Ende November Artist in Residence in der Villa Sträuli. Am 15. November um 19.30 Uhr lädt die Villa Sträuli zum «Meet the Artist» mit der Filmemacherin ein. Ihr erster Film «New Eyes» lief 2015 an. Ihren ersten Langfilm «A Fool God» will sie 2017 realisieren.

 

Der Balken in meinem Auge ist eine geteilte Rubrik von Coucou und ZollfreilagerZollfreilager, ein Internetmagazin der Plattform Kulturpublizistik der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), ist seit dem 7. Juli 2014 öffentlich. Zollfreilager wirft in journalistischen, reflektierenden und künstlerisch-experimentellen Formaten Schlaglichter auf Phänomene rundum Kultur, Kunst und Migration. Zu den Beitragenden gehören Studierende und Dozierende des Master Kulturpublizistik der ZHdK sowie ein Netz von Korrespondentinnen, Mittätern und Komplizinnen aus allen Kontinenten und Disziplinen., dem Kulturmigrations-Observatorium der ZHdK. Die darin erscheinenden Interviews beleuchten die Kultur, ihre Praxen und Politiken als Frage der Multiperspektivität. Das Interview mit Hiwot Getaneh führte Franziska Meierhofer, Teilnehmerin der «Critics Academy 2016» des Filmfestivals Locarno und Studentin im Master Kulturpublizistik der ZHdK, am 9. August in Locarno.