Was Kunst kann. Interview mit Dagmar Reichert

von Der Balken in meinem Auge Die Gesprächsreihe "Der Balken in meinem Auge. Reflexivität als Ressource" wird von verschiedenen Mitgliedern der Zollfreilager-Redaktion bespielt. gepostet am 28. November 2015
  1. Territorien

Katharina Flieger: Jahre nach deinem Studium der Geografie und Philosophie hast du die Stiftung artasfoundation gegründet, die Kunstprojekte in Konfliktgebieten initiiert. Wie kommt eine Geografin zur Kunst?

Dagmar Reichert: Der Zugang der Wissenschaft zu Menschen und Gesellschaften schien mir deren Lebendigkeit nicht angemessen zu sein. Ich fragte mich, ob in der Kunst ein anderer Zugang zu Welt liegen könnte, der dort einsetzt, wo die wissenschaftliche Rationalität an ihre Grenzen stösst – eine Art ästhetische Rationalität.

KF: Woher rührt das Engagement, Kunst im Kontext gewaltvoller Konflikte zu fördern?

DR: Vor allem wurde ich durch meine Familiengeschichte motiviert. Mein Vater vergrub wie viele andere nach dem Zweiten Weltkrieg schlimme Erfahrungen in sich. Ich fragte mich, ob Kunst ein Weg sein könnte, um mit derartigen Erfahrungen umzugehen, wenn jemand eine Therapie ablehnt oder in der Religion keine Stütze findet.

KF: Werden damit nicht die Möglichkeiten von Kunst überschätzt?

DR: Bei der Stiftungsgründung postulierte ich, dass Opfer gewaltvoller Konflikte nicht bloss Nahrung und Obdach, sondern auch Zugang zu Kunst haben sollen. Heute differenziere ich: Kunst ist für all jene wichtig, die in ihrem Leben bereits Erfahrungen damit gemacht haben. Kunst kann eine Bühne darstellen, auf der Menschen mit ihren Fähigkeiten öffentlich in Erscheinung treten. Sie kann ein Raum für Dinge sein, die man in der Alltagsrealität noch nicht machen würde. So haben beispielsweise bei einem Theaterprojekt in Abchasien Jugendliche mit Genderrollen zu spielen begonnen. Burschen verkleideten sich als Mädchen und umgekehrt, gegenseitig spielten sie sich unter grossem Gelächter ihre Stereotypen vor. Ich glaube nicht, dass das direkt in den Alltag hineinwirken wird. Aber ich glaube, dass damit als selbstverständlich scheinende Genderrollen auf einmal greifbar werden, und dass das möglicherweise ein erster Schritt ist, wie sich etwas verschiebt.

 

  1. Ungleichgewichte

KF: Die Projekte decken eine grosse Bandbreite ab, vom Openair-Kino im Flüchtlingslager über Theaterworkshops bis zum Beschwerdechor. Worauf achtet ihr bei der Planung?

Zu Beginn haben wir versucht, Angehörige unterschiedlicher ethnischer Gemeinschaften zusammenzubringen und haben dies auch so kommuniziert. Rasch haben wir jedoch gemerkt, dass sich die Menschen solchen Ideen von fremden Organisationen anpassen, ohne gänzlich damit einverstanden zu sein. Dies wollen wir heute vermeiden. Zudem würden ethnische Unterschiede dadurch, dass wir speziell auf sie fokussieren, in ihrer Bedeutung nur noch festgeschrieben. Zwar achten wir heute auch darauf, dass beispielsweise in einem Workshop in Abchasien sowohl Jugendliche aus georgisch sprechenden wie auch aus abchasisch sprechenden Dörfern dabei sind. Doch wir machen dies nicht zum Aufhänger, es findet nebenbei statt. Wir bemühen uns vor allem, lokal anschlussfähig zu sein, suchen nach geeigneten Personen und Kontexten. Im Kaukasus sind Musik und Tanz wichtig, da versuchen wir anzuknüpfen. Doch manchmal machen wir auch die Erfahrung, dass die Menschen in Bereichen, in denen sie schon grosse Tradition und Kompetenz besitzen, nicht sehr offen für Neues sind.

KF: Die Stiftung kommt von aussen, vertritt Werte wie «Offenheit für Neues». Muss sie sich nicht in einem gewissen Grad den Vorwurf des Kulturimperialismus gefallen lassen?

DR: Viele der Schweizer Künstler und Künstlerinnen, die in unseren Projekten tätig sind, interessieren sich für eine andere Kultur und suchen den Austausch. Das gilt auch für die Menschen im Kaukasus, mit denen wir zusammenarbeiten. Nicht zuletzt interessieren sie sich auch für eine Teilhabe an einem mächtigen System. Indem sie sich Kompetenzen aneignen – von der Sprache über den PC bis zum Tanz – vergrössern sie ihre Chancen in einer Welt, die nun mal davon dominiert wird. Auch für Widerstand gegen westliche Werte ist es nützlich, sie ein bisschen zu kennen. Letztlich hängt es von Personen ab: Jemand kann auch aus ganz individuellen Gründen ein Territorium verteidigen, das Postulat der Offenheit muss kein neokoloniales sein.

KF: Du hast es angetönt: Es stellt sich die Frage, wer wovon profitiert. Ist in dieser interkulturellen Begegnung nicht immer schon ein Ungleichgewicht vorhanden?

DR: Doch. Das Ungleichgewicht zeigt sich schon bei etwas Einfachem wie Facebook-Freundschaften: Projektteilnehmende im Kaukasus möchten mit solchen aus der Schweiz befreundet sein. Für viele von ihnen ist es sehr wichtig, Freunde in der Schweiz, in Westeuropa zu haben.

KF: Aus Prestigegründen?

DR: Ja. Die Schweiz hat einen guten Namen. Indem man zeigen kann, dass man Freunde im Westen hat, vermittelt man eine Internationalität und Wichtigkeit. Für die Teilnehmenden aus der Schweiz hingegen besteht häufig kein starker Wunsch, den Kontakt weiter aufrechtzuerhalten. Und die Ungleichheit geht weiter: Diese Jugendlichen im Kaukasus wollen nicht nur besucht werden, sondern auch zu uns kommen. Vor allem in Abchasien führen sie ein sehr isoliertes Leben. Wir versuchen eine solche Gegenseitigkeit punktuell zu ermöglichen. Doch das Leben dort kostet sechs mal weniger als in der Schweiz, das Geld der Stiftung ist also dort besser eingesetzt als hier.

KF: In dieser Interview-Reihe geht es um den blinden Fleck, den Balken im eigenen Auge. Hast du diesen auch erlebt?

DR: Ein gutes Beispiel war unser mobiles Kino: Erst vor Kurzem wurde mir klar, warum die Leute glaubten, dass wir damit politische Propaganda machen wollen. Weil unser Auto blau war! In Georgien gibt es kaum blaue Autos, und die damals neue Partei hatte blau als ihre Farbe. Davon hatten wir keine Ahnung.

 

  1. Paradoxien

 

KF: In einem Interview auf Radio SRF 2 beschreibst du, wie der Vorsteher eines Flüchtlingslagers auf die Frage, ob er an einer Zusammenarbeit mit der Stiftung interessiert sei, antwortet: «Wir können es uns nicht leisten, nein zu sagen.» Wie gehst du mit derartigen Äusserungen um?

DR: Ich arbeite mit einem anderen Bewusstsein als vor fünf Jahren. Heute sehe ich die Arbeit der Stiftung als Arbeit mit und an Paradoxien. Paradoxien sind nichts Negatives und nichts Vermeidbares, vielmehr ein Ort um zu lernen. Für uns zum Beispiel: Wir sind es, die Kunstprojekte für kriegsbetroffene Menschen initiieren; gleichzeitig wollen wir die Eigeninitiative dieser Menschen stärken. Wir sprechen von Angehörigen bestimmter Konfliktparteien, bestimmter ethnischer Gruppen oder von Flüchtlingen; gleichzeitig wollen wir, dass solche Kategorisierungen von Menschen an Bedeutung verlieren. Wir kritisieren das Wirken der Kriegsindustrie; gleichzeitig sind wir Teil einer Friedensindustrie, die es ohne die Kriegsindustrie nicht gäbe. Wir schätzen die Kunst dafür, dass sie keinem anderen Zweck dient als sich selbst und sehen gerade darin ihr grosses Potential; gleichzeitig laden wir Künstler und Künstlerinnen ein, an Projekten mitzuwirken, die Friedensarbeit bezwecken. Wir hinterfragen den Gültigkeitsanspruch unserer Werte; gleichzeitig wollen wir diese unseren ausländischen Partnern gegenüber oft durchsetzen, zum Beispiel Schweizer Vorstellungen von Pünktlichkeit, Verbindlichkeit, Ordnung. Wir wünschen uns mit unseren lokalen Partnerorganisationen einen Dialog auf Augenhöhe; gleichzeitig nutzen wir unsere Privilegien wie Geld oder Mobilität, um diesen zu bestimmen. Wir sind uns bewusst, dass viele Konflikte und Leid der Länder des Südens ihren Ursprung in unserer Lebensweise im reichen Norden haben. Wenn es also um gesellschaftliche Transformation geht, so müsste diese bei uns beginnen. Wir wissen das. Und gleichzeitig reden wir hauptsächlich von Transformation im Weltsüden. Es geht darum, für diese Paradoxien eine vertiefte Sensibilität zu entwickeln.

KF: Trotz dieser Widersprüche scheinst du motiviert, weiter in dem Bereich zu arbeiten. Wodurch nährt sich dieser Optimismus?

DR: Durch die Freude und das Engagement der Menschen. In einigen Punkten bin ich nüchterner geworden: Die Übergabe von Projekten an lokale Institutionen erweist sich schwieriger als gedacht, da es dort von staatlicher Seite kaum Förderstrukturen für Kultur gibt. Instabilitäten auf politischer Ebene erschweren dies zudem. Man sagt uns Unterstützung zu, ein halbes Jahr später wird die Führungsriege in einem Ministerium abgesetzt und wir beginnen von neuem zu verhandeln. Manchmal merken wir später, dass wir ein Projekt mit einer gewissen Naivität begonnen haben. Aber auf der anderen Seite gelingen uns vielleicht gerade deswegen Dinge, die Einheimische nie versucht hätten. So arbeiten wir z. B. manchmal mit Menschen zusammen, von denen Einheimische im vornherein sagen würden, sie seien zu ungebildet, eine Zusammenarbeit habe keinen Sinn. In manchen Fällen misslingt sie tatsächlich, oft ergibt sich jedoch ein Weg für jemanden, der sonst nie eine Chance bekommen hätte. Neben dem gewachsenen Bewusstsein für viele Schwierigkeiten bin ich deshalb weiterhin optimistisch und glaube, dass wir mit unserer Arbeit einen kleinen Unterschied machen können – nicht auf der strukturellen, aber auf einer menschlichen Ebene.