Turmbau zu Babel

Grössenwahn und Sprachverwirrung, Künstler*innen und Welterklärungen: der Turmbau zu Babel und das Zürcher Theater Spektakel? Zum zweiten Mal begleitet Zollfreilager das Festival mit einer Spezialausgabe, die sich kritisch mit Fragen des Aufführens, Vorführens und der Bürgerschaft in einer globalen Welt auseinandersetzt. Studierende und Dozierende des Masterstudiengangs Kulturpublizistik, Stimmen aus der Theaterwissenschaft und der politischen und ästhetischen Theorie werden das Festival um einen Diskursraum aus Interviews, Reportagen, Frühkritiken und Essays erweitern. In tragenden Rollen bei der Konzeption, Reflexion und Realisierung beteiligt: Valérie Hug, Eva Mackensen, Annatina Nay, Joana Schertenleib, Eva Vögtli, Deborah von Wartburg und Ruedi Widmer.

Grössenwahn und Sprachverwirrung, Künstler*innen und Welterklärungen: der Turmbau zu Babel und das Zürcher Theater Spektakel? Zum zweiten Mal begleitet Zollfreilager das Festival mit einer Spezialausgabe, die sich kritisch mit Fragen des Aufführens, Vorführens und der Bürgerschaft in einer globalen Welt auseinandersetzt. Studierende und Dozierende des Masterstudiengangs Kulturpublizistik, Stimmen aus der Theaterwissenschaft und der politischen und ästhetischen Theorie werden das Festival um einen Diskursraum aus Interviews, Reportagen, Frühkritiken und Essays erweitern. In tragenden Rollen bei der Konzeption, Reflexion und Realisierung beteiligt: Valérie Hug, Eva Mackensen, Annatina Nay, Joana Schertenleib, Eva Vögtli, Deborah von Wartburg und Ruedi Widmer.

Turmbau

Katastrophe

Nichtverstehen

Turmbau Rückblick I

von Turmbau Redaktion gepostet am 26. Oktober 2019
  • Illustration/Collage: Annatina Nay, Valérie Hug

Was geschieht, wenn Menschen mit einer gemeinsamen Sprache auf ein gemeinsames Projekt, hier die Spezialausgabe «Turmbau zu Babel» zum Zürcher Theaterspektakel zurückblicken? Was kommt dabei raus? Kommt es zum Turmbau, zum Nichtverstehen oder endet alles in einer Katastrophe? Teil I von III.

Manchmal meinten wir, eine gemeinsame Sprache verloren zu haben. Wir sahen uns an, und hatten uns gern, und konnten es einfach nicht fassen. Manchmal, in guten Momenten, ein Augenblick des Verstehens, fühlend, ohne Worte. Aber diese Momente wurden seltener, und dann, irgendwann, verschwanden sie ganz.
Was sollten wir tun, jetzt, nachdem unsere Welt eingestürzt war? Irgendwie musste es ja weitergehen. Die Trümmer boten Platz für Fantasie, für neue Pläne. Doch diese umzusetzen kostete Kraft und immer wieder stürzte Erbautes ein. Brücken sind wohl am häufigsten der Schwere der Gesellschaft erlegen. Denn auf ihnen lastete am meisten Gewicht. Und am meisten Verantwortung. Sie sollten das ausgleichen, was wir zwischenmenschlich nicht mehr konnten. Und doch entstand durch ihren Bau immer auch eine nicht fassbare Verbindung zwischen den sonst so sprachlosen Körpern. Trotzdem hielt keine auf Dauer. Also sannen wir nach einer Idee, etwas Dauerhaftes zu schaffen, etwas, das so gross war, dass man es von weither sehen würde. Und so stabil, dass es alle Differenzen aushalten würde. Warum was? Gemeinsame Sprache, gemeinsames Bauen, gemeinsame Sprache verlieren, trotzdem weiterbauen, kann man ohne gemeinsame Sprache überhaupt weiterbauen? Kann man ohne gemeinsame Sprache einen gemeinsamen Text schreiben? Wahrscheinlich braucht es viel Zeit, sich in die Gedanken anderer hineinzudenken, und bloss schriftlich und unter Zeitdruck verstehe ich nicht, was gesagt werden will. Gemeinsame Sprache aber unterschiedliche Gedanken, oder ähnliche Gedanken aber verschieden ausgedrückt. Das schafft ja auch neue Facetten von ein und demselben Thema, demselben Turm oder Projekt. So kann das Verständnis durch verschiedene Sprachen oder verschiedene Ansichten oder Ausdrücke erhöht werden. Oder verwirrt werden? Verwirrung stiften und Verwirrung lösen durch Sprache. Sprache ist das Wesen, das alles durcheinander bringt (scheinbar ordnet), das Wesen, das in der Naturgeschichte dafür sorgt, dass Türme gebaut werden können, sprich Katastrophen überhaupt möglich sind (Menschheit als Katastrophe in der Geschichte des Planeten). Sprache, die sich in die Brust wirft, Sprachhüterinnen und Hüter die sich in die Brust werfen, weil das Kultur ist, Fortschritt usw. Tiere haben keine, primitive Völker nicht wirklich eine, aber sie ist doch ein Wesen, das niemand geschaffen hat, auch Gott nicht, sicher kein Mensch, sicher keine Kultur, auch wenn sie sich einbildet, Kultur könne das. Sprachlos werden nach Katastrophen war eine Reaktion, das ging nicht, Sprache heilen war eine Reaktion, das ging nicht. Ein sprachloses Volk also. Was kam dann nach der Sprachlosigkeit? Nach dem Verstummen, Vermummen, Kapitulieren? Die Sprachlosigkeit dient vielleicht als Fundament für neue Sprachen. Und so sind wir wieder bei Babel, beim Turm, wo alle Sprachen nach der Zerstörung in alle Welt zerstreut wurden. Wo man sich nicht mehr verstand, weil man nicht die gleiche Sprache sprach. Sozusagen ist Babel an allem Schuld. Aber ist das nicht zu einfach? Wir können doch nicht immer wieder und ausschliesslich Babel heranziehen, wenn sich die Frage nach der Schuld stellt. Babel ist überall, weil überall in die Höhe gebaut wird. Und die Motivation dahinter zeigt sich auch überall, liegt in der menschlichen Natur, nicht in jeder individuellen, aber in der Gattung. Und auch der Turm muss nicht immer ein Turm sein, kann auch als Brücke auftauchen oder als Tunnel oder als Schwimmbad. Eintauchen in die Bauphase, eintauchen ins Scheitern, eintauchen in die Schuldfrage und eintauchen in die Frage, wie wir darüber sprechen wollen und können. Und zu diesem Scheitern stehen, sich dazu bekennen, um so auch weiter kommen zu können. Sich mit der Frage auseinander setzen, warum es so gekommen ist, wie es ist, warum statt einem Gebilde stattdessen ein Scherbenhaufen, Bauschutt, eine Ruine vorzufinden ist. Wurde bereits schon in der Bauphase der erste Baustein für das Scheitern gelegt? Und wenn ein Projekt zu seinem Schluss kommt, abgeschlossen wird, darauf zurück geblickt wird, sieht man dann Bauland, den Prozess des Bauens, den Turm, das Schwimmbad, den Tunnel oder das brache Land, das davon zeugt, was einst war oder gewesen sein könnte? Oder Fundament für etwas Neues?

 

Dieser Text ist einer von dreien, welche das Projekt «Turmbau zu Babel» abschliessen. Vor dem Hintergrund der biblischen Erzählung um den Turmbau zu Babel (Gen 11, 1-9) setzte es sich kritisch mit den Themen des Theaterfestivals auseinander und führte den Diskurs zu Fragen des Aufführens, Vorführens und der Bürgerschaft in einer globalen Welt weiter. Rückblickend lässt sich auch die ZollfreilagerZollfreilager, ein Internetmagazin der Plattform Kulturpublizistik der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), ist seit dem 7. Juli 2014 öffentlich. Zollfreilager wirft in journalistischen, reflektierenden und künstlerisch-experimentellen Formaten Schlaglichter auf Phänomene rundum Kultur, Kunst und Migration. Zu den Beitragenden gehören Studierende und Dozierende des Master Kulturpublizistik der ZHdK sowie ein Netz von Korrespondentinnen, Mittätern und Komplizinnen aus allen Kontinenten und Disziplinen.-Spezialausgabe selber als eine Art von Turmbau verstehen. Die Idee zum Projekt war ein Fundament, die Konzeption ein Bauplan, in der Realisierung wuchs die Publikation Ziegel um Ziegel, Stockwerk um Stockwerk, Beitrag um Beitrag wie ein Turm in die Höhe. Oder in die Breite? Ist es überhaupt ein Turm? Wird er Bestand haben oder zerfallen? Haben wir eine Sprache gefunden, um über das Nichtverstehen zu reden? An der Stelle eines Rückblicks steht ein Experiment kollektiven Schreibens, das am 12. September 2019 im Alpenhof in Oberegg AI von der erweiterten Turmbau-Redaktion (Valérie Hug, Eva Mackensen, Annatina Nay, Patrick Tschirky, Eva Vögtli, Deborah von Wartburg, Ruedi Widmer) durchgeführt wurde und das nun in den letzten drei Beiträgen dokumentiert ist.

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