Dada Afrika

Die Zollfreilager-Spezialausgabe Dada Afrika begleitet die gleichnamige Ausstellung im Museum Rietberg (18. März bis 17. Juli 2016), die den aussereuropäischen Einflüssen auf die KünstlerInnen der Dada-Bewegungen gewidmet ist. Der Fokus von Zollfreilager ist ein erweiterter. Er untersucht zum einen europäisch geprägte Avant-Garde-Strömungen und die darin auftretenden Spielformen des Primitivismus, zum anderen blickt er auf nicht-europäische Modernen und deren Verhältnis zu Dada bis heute. Durch Probebohrungen auch experimentell-poetischer Art wird herausgestellt, wie und wo sich die global gewordene «reflexive Moderne» zeigt. Dada Afrika ist Teil eines grösseren Recherche- und Lehrprojekts der Plattform Kulturpublizistik. Die zugehörige, von der Ausstellung im Museum Rietberg unabhängige, Publikation erscheint im Oktober im Verlag Diaphanes.

Die Zollfreilager-Spezialausgabe Dada Afrika begleitet die gleichnamige Ausstellung im Museum Rietberg (18. März bis 17. Juli 2016), die den aussereuropäischen Einflüssen auf die KünstlerInnen der Dada-Bewegungen gewidmet ist. Der Fokus von Zollfreilager ist ein erweiterter. Er untersucht zum einen europäisch geprägte Avant-Garde-Strömungen und die darin auftretenden Spielformen des Primitivismus, zum anderen blickt er auf nicht-europäische Modernen und deren Verhältnis zu Dada bis heute. Durch Probebohrungen auch experimentell-poetischer Art wird herausgestellt, wie und wo sich die global gewordene «reflexive Moderne» zeigt. Dada Afrika ist Teil eines grösseren Recherche- und Lehrprojekts der Plattform Kulturpublizistik. Die zugehörige, von der Ausstellung im Museum Rietberg unabhängige, Publikation erscheint im Oktober im Verlag Diaphanes.

Afrika Dada

Stefan Zweifels
Dada-Afrika-Rezeptionsgeschichte III: Blick in den Spiegel

von Stefan Zweifel Stefan Zweifel, *1969, ist Kurator, Übersetzer, Publizist. gepostet am 13. April 2016

Ethnologen als Trophäensammler

Michel LeirisMichel Leiris, 1901-1990, war ein Schriftsteller und Ethnologe aus Paris. Er war Mitglied der ethnographischen Expedition Dakar-Djibouti, die unter der Leitung des Ethnologen Marcel Griaule zwischen 1931 und 1933 von Senegal nach Äthiopien reiste. berichtet, wie er mit anderen Teilnehmern seiner Expedition bei den DogonDie ethnische Gruppe der Dogon aus Mali bildete den Forschungsschwerpunkt der ethnographischen Expedition Dakar-Djibouti, die unter der Leitung des Ethnologen Marcel Griaule zwischen 1931 und 1933 von Senegal nach Äthiopien reiste. Heute umfasst die Gruppe etwa 400'000 Menschen. in Höhlen und Heiligtümer eindrang und Objekte klaute. Er bemerkt auch, dass diese Gegenstände verschwunden wären, hätten sie sie nicht geklaut. Aber das Retten und Bewahren war selbstverständlich nicht das Hauptmotiv. Es war dasselbe Unterfangen wie der napoleonische Feldzug nach Ägypten, als Frankreich sich als Mittelpunkt der Aufklärung und der Vernunft verstand, in dem all diese Objekte quasi als Wunderkammer der Welt versammelt werden sollten. Das ist gewiss eine eurozentristische Vorstellung, aber auch eine naheliegende. Weshalb soll eine so avancierte Intelligenz wie das französische Kolonialreich sich nicht in dieser Weise manifestieren? Leute wie Michel LeirisMichel Leiris, 1901-1990, war ein Schriftsteller und Ethnologe aus Paris. Er war Mitglied der ethnographischen Expedition Dakar-Djibouti, die unter der Leitung des Ethnologen Marcel Griaule zwischen 1931 und 1933 von Senegal nach Äthiopien reiste. und die damaligen Sammler dachten nicht wie Napoleon, waren aber Teil des gleichen Systems. Zugunsten von Leiris kann man sagen, dass es immer noch besser ist, Artefakte als Frauen zu rauben. Das heisst nicht, dass er und seine Begleiter nicht Verheerendes angerichtet hätten. Paul ParinPaul Parin, 1916-2009, war ein Schweizer Psychoanalytiker, Ethnologe und Autor slowenischer Herkunft. Gemeinsam mit Fritz Morgenthaler erlangte er in den 60ern internationale Bekanntheit mit dem Versuch, Methoden der Psychoanalyse in die ethnologische Feldforschung zu integrieren. und Fritz Morgenthaler haben die Tätigkeit von Michel LeirisMichel Leiris, 1901-1990, war ein Schriftsteller und Ethnologe aus Paris. Er war Mitglied der ethnographischen Expedition Dakar-Djibouti, die unter der Leitung des Ethnologen Marcel Griaule zwischen 1931 und 1933 von Senegal nach Äthiopien reiste. und seinen Kollegen sehr stark in Frage gestellt. Diese hatten ein spärliches Bewusstsein für die psychologische Dimension dessen, was sie taten. Allein schon das ästhetische Interesse, welches sie für die fremden Artefakte hegten, stellte in den Augen des Eingeborenen natürlich eine Entwertung des Kultobjektes dar. Man stelle sich einmal vor, wenn in der Schweiz, zu einer Zeit, als alle noch gläubig waren, jemand gekommen wäre und alle Jesusfiguren mitgenommen hätte, aber nicht primär aufgrund ihrer religiösen Bedeutung, sondern aus letztlich ästhetischen Gründen. Leiris‘ Zugang war wiederum durch die Aufklärung legitimiert. Warum sollte ein atheistisches Subjekt, das in Frankreich aufgewachsen und damit einverstanden ist, dass man im Zuge der Revolution die Kirchen enteignete, nicht denken, dass auch alle anderen Religionsformen aufgehoben werden dürfen? Entweder du bist ein Atheist oder du bist keiner. Die Frage ist nun, ob die Enteignung mittels Gewalt geschieht oder nicht. Auch in Europa geschah es natürlich mit Gewalt. Wenn man etwa an die Überfälle auf Klöster und Kirchen zur Zeit der Revolution denkt oder an Russland, wo man christliche Symbole und Monumente im grossen Stil zerstörte. Gewiss waren das Vorgänge, die im Rahmen der eigenen Ethnie oder Gesellschaft stattfanden, aber sie waren genauso gewalttätig.

Moral als Maske

Heute, in Zeiten der Musealisierung, wäre es vielleicht auch gut, den Atheismus auf die Spitze zu treiben. Die westliche Vernunft ist eine technokratische, instrumentelle, brutale. Eine Vernunft, die sich die Aufklärung und den Humanismus immer nur als Maske gehalten hat, wie Nietzsche sagte. Und wenn man das zugibt, kann man sagen: Die koloniale Vergangenheit ist ethisch überhaupt nicht zu rechtfertigen, also versuchen wir es gar nicht, aber geben es wenigstens zu. Das heisst, wir zeigen das ganze Verbrechen und Unheil, das unsere Vorfahren angerichtet haben, gleichzeitig mit den schönen Artefakten, aber ohne moralischen Anspruch, sondern einfach als Fakt – sozusagen als Art Brut, die einfach all diese Sachen kombiniert und nicht schönredet. Das wäre radikal. Ich glaube, es wäre schwierig ein Museum zu finden, das es so ausstellen würde.

Dass die Dadaisten moralisch motiviert gewesen seien, ist Blödsinn. Ja, sie sind von Nietzsche her gekommen und haben die Verlogenheit der humanistischen Vernunft angeklagt. Sie taten das aber nicht im Namen eines neuen Humanismus. Das geschah erst im Nachhinein, als Hugo Ball zu Gott zurück flüchtete. Zuvor jedoch haben sie den Nihilismus auf die Spitze getrieben. Sie haben diese afrikanischen Masken und Gesänge genauso in ihre Programme eingebaut wie die Werke von Rimbaud oder Schönberg – einfach als Mittel zum Zweck, wobei sie das Mittel selber im Detail nicht interessierte. Ich glaube auch nicht, dass Hugo Ball oder Tristan Tzara wahnsinnig interessiert waren an der atonalen Struktur von Schönbergs Kompositionen. Sie haben diese einfach als wirksames Mittel für ihre Abende eingesetzt. Dasselbe mit den afrikanischen Objekten. Ich bezweifle, dass sie dabei weit um die Ecken oder an die kolonialistische Ausbeutung der eigenen Avantgarde-Vergangenheit dachten. Abgesehen davon, dass sie gegen den Krieg waren, sehe ich bei den Dadaisten keine besonders humanistische Haltung. Ich glaube auch nicht, dass sie ein sehr avanciertes Bewusstsein dafür hatten, dass man in irgendeiner Weise den Frauen gerecht werden muss – die haben getanzt und gestrickt. Erst im Nachhinein wird nun ihre Rolle stark aufgewertet. Wenn, dann vertraten die Dadaisten die Idee, dass man die Geschlechterrollen aufheben und einen Androgynismus kultivieren könnte, wie ein Marcel Duchamps, der sich selber ein weibliches Pseudonym gab. Aber meistens blieb es bei der abstrakten Idee. Denn wer sass an der Kasse der Galerie Dada im Sprüngli-Haus? Emmy Hennings sass dort – nicht Hugo Ball. Da waren sie nicht wahnsinnig weit. Oder wenn man an die Expressionisten denkt, wie sie in die damaligen Menschenschauen hineingingen und einzelne Akteure dieser Schauen in ihre Ateliers holten und dort nackt abfotografieen...

Ausstellung als Sichtbarmachung

Es ist richtig, dass die Dadaisten auf die aussereuropäische Kunst reagiert haben. In den Übersetzungen, den Aufführungen, den Zeichnungen wie auch musikalisch und tänzerisch versuchten sie, afrikanische Kunst in ihre Formensprache aufzunehmen und etwas darzustellen, das nicht das Gleiche, aber etwas Entsprechendes war, und das ästhetisch daneben bestehen konnte. Auf gleichermassen naive und sympathische Weise nutzten sie die afrikanische Kunst für ihre Zwecke. Diese erlitt also in der Behandlung durch die Dadaisten, oder auch durch die Avantgarden im weiteren Sinne, das gleiche Schicksal, das nachher auch sie selber in der Behandlung durch die Kunstwelt und die Mechanismen der Kanonisierung und des Konsumkapitalismus erlitten.

Es handelt sich um eine alte Frage, die sich schon die Situationisten gestellt hatten. Was passiert, wenn die Gesellschaft des Spektakels jede Form von künstlerischer Revolte sozusagen eingemeindet? Die radikale Haltung wäre zu sagen, dass dies grundsätzlich immer falsch ist. Die 80er-Bewegung hat gegen den Opernhaus-Kredit revoltiert und gegen den Ankauf der dadaistischen Werke durch das Kunsthaus Zürich, weil sie der Ansicht war, dass es falsch ist, diese Werke aufzukaufen und ins Museum zu stellen und dass man mit diesem Geld ein autonomes Jugendzentrum betreiben könnte für die Jugend der Gegenwart, die sich schliesslich dieselben Freiheiten wünschte wie sie die Dadaisten zu ihrer Zeit hatten.

Die Künstler der Avantgarde im Nachhinein als Fahnenträger einer politisch korrekter Positionierung zu sehen, finde ich absurd. Sie waren ja auch Antisemiten. Kirchner war ein Antisemit. Picasso war ein Schwein. Aber es ist doch kein Kriterium, ob er seine Frauen ausnützte. Es geht doch nur um Kunst. Es geht doch auch bei den Artefakten nur um den Kunstwert. Oder nicht? Wenn nicht, dann muss man diese Museen schliessen. Und sonst muss man die Objekte ästhetisch inszenieren. Dazu würde auch die Inszenierung der Grausamkeit gehören, die jedoch nicht in einem humanistischen, politisch korrekten Bett liegen darf. Wenn sie wirken sollen, müsste man diese Kontraste aufeinander knallen lassen – eben Art Brut-mässig.

 

Unter der Prämisse, dass der Vorgang der Eingemeindung unvermeidlich ist, weil die Gesellschaft grosses Interesse daran hat, sich repressiv-tolerant zu gebärden, muss man auch den Mut haben zu einem etwas überinszenierten Ausstellungsprinzip. Geht man ins heutige ethnographische Museum von Paris das Musée du quai Branly, stellt man fest, dass es komplett vollgestellt ist mit den allerschönsten Objekten, und dass zu jedem dieser Objekte ein kleines Informationsfilmchen läuft. Die Kinder schauen sich dort ohnehin nur noch die Informationsfilmchen an und auch wir schauen uns dann die Informationsfilmchen an. Die Kuratoren sind der Ansicht, dass man die Objekte nicht als rein ästhetische Werke ausstellen darf, da sie ja eine andere Funktion haben. Ich persönlich würde die Artefakte aber lieber in einem magischen, dunklen Raum mit einem effektvollen Lichtschatten, untermalt mit rituellen Klängen und aufflackernden Bildern von Metzeleien präsentieren – das Heilige dieser Objekte also auf ganz naive und genussvolle Weise inszenieren.

Unsere Herangehensweise für Dada UniversalDie Ausstellung Dada Universal, kuratiert von Juri Steiner und Stefan Zweifel, wurde im Rahmen des Dada-Jubiläums dada100zürich2016 von Februar bis März 2016 im Landesmuseum Zürich gezeigt. war, dass wir eine völlig antididaktische Ausstellung gemacht haben, indem wir verschiedenste Kunstwerke aus verschiedensten Epochen aufeinanderprallen liessen, indem wir die Erklärungen auf kurze, eher poetische 6-Zeiler verkürzten und indem wir die Kunstwerke nicht anschrieben an den Vitrinen, sondern mit einem Ipad, der hoffentlich meistens nicht funktioniert, damit man nicht lesen kann, was man sieht – all dies in der Hoffnung, dass eine ästhetisch verstörende oder bewusstseinserweiternde Kraft in diesen Kunstwerken immer noch vorhanden ist. Dass sie nicht mehr das Gleiche auslöst, was sie damals auslöste, aber dass sie etwas auslöst.

Es könnte auch um die Fülle der Objekte in den Lagern und Archiven gehen, die den Hintergrund ihres Zustandekommens quasi selber kommentiert. Ich verstehe nicht, weshalb Museen ihre riesigen Lager an Beständen nicht als solche zugänglich machen. So könnte ein Raum ein Objekt überinszenieren, ein zweiter könnte mehrere Objekte nach Ländern und Zeiten geordnet präsentieren und ein dritter würde das absolute Puff der Sammlungstätigkeit eines Jahres auf völlig unästhetische Weise darstellen und so die Gewalt des Eingriffes zum Ausdruck bringen. Wenn der Zuschauer Letzteres von allein nicht merkt, nützt es auch nicht viel, wenn du es ihm erklärst.

 

Quellen zum Text:

Der Text ist das verdichtete Protokoll eines Gesprächs, das Franziska Meierhofer und Ruedi Widmer am 18. März 2016 mit Stefan Zweifel führten.

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