Holy Shit

Holy Shit – Katalog einer verschollenen Ausstellung erschien im Oktober 2016 im diaphanes-Verlag. Erzählt wird die semifiktionale Geschichte einer Ausstellung, die zweimal scheiterte: 1929 als das gemeinsame Ausstellungsprojekt der Zeitschrift Documents und der Bibliothek Warburg, 2016 als der Versuch einer Rekonstruktion durch die Kuratorin Svenia Steinbeck. Erzählt wird auch, in Essays und vielen ‚Exponaten‘, eine Geschichte des Primitivismus in der Kultur- und Diskursgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. Editorisch verantwortet wird die Publikation von Basil Rogger, Stefan Zweifel, Michel Mettler, Peter Weber, Ruedi Widmer; gestalterisch von Mihaly Varga und Corinne Gisel; erarbeitet wurde sie von und mit Martina Felber, Sophie Grossmann, Angela Meier, Nina Laky, Lora Sommer, Dominique Raemy, Philipp Spillmann, Kate Whitebread und einer Anzahl weiterer Studierenden des Master Kulturpublizistik der ZHdK.

Holy Shit – Katalog einer verschollenen Ausstellung erschien im Oktober 2016 im diaphanes-Verlag. Erzählt wird die semifiktionale Geschichte einer Ausstellung, die zweimal scheiterte: 1929 als das gemeinsame Ausstellungsprojekt der Zeitschrift Documents und der Bibliothek Warburg, 2016 als der Versuch einer Rekonstruktion durch die Kuratorin Svenia Steinbeck. Erzählt wird auch, in Essays und vielen ‚Exponaten‘, eine Geschichte des Primitivismus in der Kultur- und Diskursgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. Editorisch verantwortet wird die Publikation von Basil Rogger, Stefan Zweifel, Michel Mettler, Peter Weber, Ruedi Widmer; gestalterisch von Mihaly Varga und Corinne Gisel; erarbeitet wurde sie von und mit Martina Felber, Sophie Grossmann, Angela Meier, Nina Laky, Lora Sommer, Dominique Raemy, Philipp Spillmann, Kate Whitebread und einer Anzahl weiterer Studierenden des Master Kulturpublizistik der ZHdK.

Holy Exhibits

Sequoyah

von Michel Mettler Michel Mettler, *1966 ist Schriftsteller und Musiker. Bei Zollfreilager ist er Mentor, Inhaltsspender und Kuratoriums-Mitglied. gepostet am 02. Oktober 2017

Am 17. Dezember 1999 herrscht unter Umweltaktivisten an der Humboldt Bay grosse Auf­regung.  Der Bestand von Küstenmammutbäumen, um deren Erhaltung man vier Jahre rang, ist gerettet. Die Küsten-Sequoie ist ein immergrüner Nadelbaum aus der Familie der Zypres­sen, der die grössten bekannten Bäume hervorbringt. Die Gattung wurde von ihrem Erstbe­schreiber S. Ladislaus Endlicher 1847 vermutlich nach Sequoyah benannt, dem Erfinder des Cherokee-Alphabets.

Nun hat die US-Regierung Landbesitzern und Investoren ein Kompensationsgeschäft an­geboten. Sie wird das Areal von den Holzkonzernen übernehmen und unter Schutz stellen. Amy Hill kauert auf den vier Quadratmetern ihrer Plattform und fühlt nichts ausser einer grossen Leere. 738 Tage lebt sie nun auf diesem Baum, und jetzt soll alles vorbei sein. Der historische Erfolg ihres Teams könnte bewirken, was weder Stürme, Flutlicht noch die Tran­sporthubschrauber des Konsortiums mit ihrem Lärm und Abwind erreicht haben: dass Amy von ihrem Hochsitz auf 60 Metern heruntersteigt. Sie betrachtet ihre Siebensachen: Lektüre, das Meditationskissen, der Gaskocher, Vorräte, das solarbetriebene Funktelefon. Sie weiss, wenn sie das Gerät nicht ausschaltet, ist hier bald der Teufel los. Denn es wird nicht lange dauern, bis die Presse Wind von der Einigung bekommt.

Bei den Unterstützern am Fuss des Baums tanzt der Bär. Doch statt Erleichterung fühlt Amy nur diese Leere. Was sie mit aller Macht erreichen wollte, ist geschafft, aber die Ausge­lassenheit, mit der unter ihr gefeiert wird, erreicht sie nicht. Gute zwei Jahre lebt sie nun auf diesen 2 mal 2 Metern. Und jetzt? Sie fühlt nur Ratlosigkeit, wenn sie daran denkt: Eine Woh­nung, ein Wagen. Einkäufe… Ein Job, ein Chef, Kollegen… Freizeit... Den anderen beizubrin­gen, dass sie bleiben will, wird so schwierig sein wie die ersten Wochen hier oben. Auch der Ground staff hat die letzten Wochen nur dank der Hoffnung auf ein gutes Ende überstanden. Doch jetzt, da es vollbracht ist, fürchtet Amy das Heruntersteigen mehr als das Bleiben. Seit Gary sich nicht mehr hat blicken lassen – bald ein Jahr – steht es eigentlich fest, aber sie hat es vor sich geheimgehalten. Nun ist es nicht mehr zu leugnen, nun wird sie es ihnen erkläre.

Die Verhandlungen ziehen sich den ganzen Nachmitag hin, aber irgendwann begreift das Team, dass es endgültig ist. Und Amy sieht ein, dass jemand an ihrer Stelle vom Baum run­termuss, um dem Affen Zucker zu geben. Noch in derselben Nacht wird eine Schauspielerin zu ihr hochgebracht. Sie haben fünf Stunden, um sich zu unterhalten. Eine nette Person. Und tatsächlich, Mary-Ann gleicht dem alten Foto, das von Amy kursiert. Obwohl auch sie sich in der Organisation engagiert, kann sie nicht verstehen, weshalb Amy nur noch so lange leben will, als es Menschen gibt, die sie mit Wasser und etwas Reisflocken versorgen. Wieder und wieder mustert die junge Frau im Licht der Taschenlampe die kleine Plattform und schüttelt den Kopf. Am Morgen, die Medien sind vollzählig aufmarschiert, seilt sie sich an Amys Stelle ab. Als ihre Füsse die Erde berühren, fällt sie auf die Knie und sinkt dann schluchzend in sich zusammen. Nach längerer Zeit richtet sie sich auf, streckt ihre Arme dem Baum entgegen und ruft laut: »Wir haben es geschafft!« Dieser Augenblick geht ihr so nahe, dass sie wenige Wo­chen später unter Amys Namen eine Schutzorganisation gründet. Sie ist bis heute aktiv.

#daa6dd