Gastspiel im Gastspiel

Vom 12. Juli bis am 9. November 2014 fand «Gastspiel. Schweizer Gegenwartskunst im Museum Rietberg» statt. Zollfreilager erhält die Gelegenheit, mit eigenen Zugängen, Positionsnahmen und Beobachtungen auf die Ausstellung, das Museum und seine Sammlung zu reagieren. Mitwirkende der bis November abgeschlossenen Spezialausgabe sind neben der Zollfreilager-Redaktion auch Damian Christinger (Kurator der Ausstellung), Peter Weber und Lukas Bärfuss (beide vertreten in der Ausstellung).

Vom 12. Juli bis am 9. November 2014 fand «Gastspiel. Schweizer Gegenwartskunst im Museum Rietberg» statt. Zollfreilager erhält die Gelegenheit, mit eigenen Zugängen, Positionsnahmen und Beobachtungen auf die Ausstellung, das Museum und seine Sammlung zu reagieren. Mitwirkende der bis November abgeschlossenen Spezialausgabe sind neben der Zollfreilager-Redaktion auch Damian Christinger (Kurator der Ausstellung), Peter Weber und Lukas Bärfuss (beide vertreten in der Ausstellung).

Schönheit ist nicht per se korrupt.

von Der Balken in meinem Auge Die Gesprächsreihe "Der Balken in meinem Auge. Reflexivität als Ressource" wird von verschiedenen Mitgliedern der Zollfreilager-Redaktion bespielt. gepostet am 23. September 2014

1. Männliche Zärtlichkeit & damenhafte Technik

DAMIAN CHRISTINGER: Zu Beginn die Frage, die mich sehr interessiert: Wer spielt dieses Banjo, das Deine Installation musikalisch begleitet?

PIPILOTTI RIST: Das Banjo ist gespielt von Heinz Rohrer, einem Musiker und Freund aus meiner Jugendzeit, der seit Jahren auf diesem Banjo herumklimpert, das aber eigentlich nie vorführt. Ganz Wenige aus dem Süden der USA, er nennt die „Folkskommunisten“, haben diese Tradition erhalten, und er ging zu ihnen in den Unterricht, hat das gelernt. Ich habe ihn gebeten, zu spielen, habe die Aufnahmen dann verschnellert oder verlangsamt und er hat den Soundtrack am Computer fertig arrangiert.

DAMIAN CHRISTINGER: Musik spielt ja seit jeher eine grosse Rolle in Deinen Werken. Wie wählst Du Musik aus? Ist das eine bewusste Entscheidung oder wählst Du instinktiv?

PIPILOTTI RIST: Ich habe gerade meine männliche Phase. Auch im Video kommen nur männliche Figuren vor, die Arbeit ist eigentlich eine Hommage an die Zärtlichkeit des Mannes. Inhaltlich, vom Bild her, interessiert mich die Arbeit mit den Fingern, mit der Berührung, das Sehen der Welt mit den Fingern. Das ist das Hauptthema der Kameraführung. Das Spielen des Banjos erzählt auch vom Wunsch an die Dinge, unseren Körper zu berühren, und wie wir die Welt ertasten, auf der Haut, hinter der Haut. Das war für mich eine wichtige Verbindung.

DAMIAN CHRISTINGER: Wem gehören diese Hände, die bei Deiner Aussenprojektion durch die Blumen streichen? Einer männlichen Muse?

PIPILOTTI RIST: Das ist ein junger Bauer aus Südengland, der mehrere Jahre als Sklave gehalten wurde. Das gibt es in England: Strassenkinder werden von Baufirmen gekidnappt und müssen von frühmorgens bis spätabends auf den Bauplätzen arbeiten. Die Polizei greift nicht ein, weil sie froh ist, wenn die Kinder von der Strasse weg sind. Er hat eine extreme Sensibilität und ein haptisches Wissen. Wie er seine Zärtlichkeit, seine ganze verschüttete Liebe in die Finger reinsteckt, das hab ich versucht darzustellen. Als er die Aufnahmen zum ersten Mal sah, dachte er natürlich, ich sei in ihn verliebt, und ich habe plötzlich verstanden, wie es den Malern geht, auch begriffen, was „Muse“ ist: Man versucht, das Objekt mit der grösstmöglichen Empathie darzustellen. 

DAMIAN CHRISTINGER: Vor eineinhalb Jahren habe ich Dir eine japanische No-Maske ausgeliehen, dazu einen Holzschnitt, auf dem man die entsprechenden Kostüme sieht. Wie ist daraus Dein Kunstwerk entstanden?

PIPILOTTI RIST: Du hast uns Künstlern ja frei gelassen, welche geographische Gegend, welche Objekte wir auswählen wollen. Wir haben eine gemeinsame Leidenschaft für die japanische Kultur, die der schweizerischen ja sehr ähnlich ist. Die Aussenprojektion war quasi Deine Idee, Du wolltest nicht auf der offensichtlichen Seite projizieren, sondern auf der Eingangsseite, die ja wiederum selber ein Gesicht ist. Die Türe ist ein Mund, die Augen sind die Fenster, durch die sieht man hinein, man wirft aber durch sie auch Blicke in die Welt hinaus. Das ist dann gestaffelt mit der Maske hinten im Haus. Weiter ist der Körper unser Haus, das Hirn ist dahinter, und wir reden, personare, das Wort Person kommt vom Durch-tönen, man nimmt andere Menschen durch die Stimme und die persona wahr. Dann hat Dave Lang Projektionsabstandzeichnungen gemacht, Tamara Voser ein Budget, Metallteile wurden gezeichnet und geschweisst. 

DAMIAN CHRISTINGER: Ich wurde ein bisschen nervös, weil an der Technik bis zum Schluss gearbeitet werden musste.

 

Zollfreilager

Pipilotti Rist (rechts) und ihre Tochter beim Aufbau der Installation "Maske und Larve (Vater)", Museum Rietberg, 2. Juli 2014.

PIPILOTTI RIST: Das ist normal, und jedes Mal kommt ein neues Problem dazu. Es ist mir wichtig, in der Technik vorallem mit Frauen zu arbeiten, wie hier mit Antshi von Moos. Heutzutage gilt nicht mehr „nur ein bestimmter Mann kennt diese Maschine“, sondern alles ist nur noch Software, und jedes Mal brauchts ein Update, gibt’s ein neues Problem. Männer können es auch nicht besser. Trial and error.

DAMIAN CHRISTINGER: Wie ist die Inneninstallation entstanden?

PIPILOTTI RIST: Die Maske wurde im Internet ersteigert, weil wir durften ja nicht auf die Rietberg-Masken projizieren, da Holz und Papier das starke Licht nicht ertragen. Dann wurde im Atelier vorproduziert und vor Ort auf dem Laptop fertig gestellt. Da hat sich extrem viel verändert, alles wurde kleiner, billiger, damenhafter. Den Bäumen mussten wir mehrere Wochen Sauerstoff entziehen, damit keine Schädlinge mehr drin sind, die andere Kunstwerke befallen könnten. Mussten die grandiosen Lutz&Guggisberg das auch?

2. Exotik & Ästhetik

DAMIAN CHRISTINGER: Du bist eine von 21 Künstlerinnen und Künstlern, die in der Ausstellung Gastspiel die Rietberg-Sammlung befragen. Deren Objekte sind doppelt fremd: Sie sind historisch fremd und stammen aus sogenannt fremden Kulturen. Auch im Alltag oder in der Politik ist das Fremde hochaktuell – es fasziniert und erschreckt. Die Erfahrung des Fremdseins, etwa im bereits angesprochenen Japan, ist sehr intensiv – und doch ist Japan anders fremd als beispielsweise Afrika.

PIPILOTTI RIST: Der grosse Unterschied gegenüber all den anderen Ländern, die wir als fremd empfinden, ist, dass sie auch „erste Welt“ sind. Sie sind uns ähnlich in ihrem Abkapseln, sie sind sich selber genug. Aber wenn Du vom Fremden redest: Menschen auf der ganzen Welt sind so ähnlich – Inzest wird in allen Kulturen abgelehnt, alle Kulturen haben Hochzeitsriten, es gibt mehr als dreihundert Fakten, die wir mit allen Kulturen gemeinsam haben. Aber unser Hirn reagiert natürlich stärker auf Abweichungen: Alles was anders ist, fällt uns eher auf.

DAMIAN CHRISTINGER: Du sagst also, wenn wir uns hier im Museum mit anderen Kulturen auseinandersetzen, können wir viel mehr Gemeinsames finden, als wir erwarten würden.

PIPILOTTI RIST: Ja, sonst würden wir diese Kunstwerke aus vergangenen Zeiten, aus anderen Kulturkreisen gar nicht so betrachten können, dass sie uns Kraft geben, dass wir uns freuen. Das sind ganz tiefe Archetypen, die den Kulturen auf der Welt gemeinsam sind.

DAMIAN CHRISTINGER: Mit den Besuchern spreche ich oft über Exotik und Ästhetik. Es gibt Dinge, die schön sind, und Schönheit ist hier ein heikles Thema, weil die Geschichten hinter den Objekten eben nicht nur immer einfach schön sind. Dennoch fällt der Begriff „schön“ immer wieder – die Keramik ist schön, die Skulpturen sind schön... Wenn Besucher der Gastspiel-Ausstellung Dich kritisieren, dann immer dafür, dass Du „schöne“ Dinge machst. Hast Du zu diesem Thema eine Haltung entwickelt?

PIPILOTTI RIST: Das find ich okay, wenn das kritisiert wird. Kunstwerke, die explizit gegen die Schönheit oder gegen die Übereinkunft, was wir schön finden, arbeiten, sind extrem wichtig. Solche Kunstwerke haben mich auch geprägt. Aber Schönheit an sich ist jetzt gerade sehr gepachtet von der Werbung: Schönheit, um Zeugs zu verkaufen. Dabei ist Schönheit – wenn dieses Licht hier so durch dieses Glas fällt – nur ein Konzentrationsmoment, wir geben dem einen Wert, das Hirn will sich darauf ausruhen. Das brauchen wir, sonst drehen wir durch. Ich finde Schönheit nicht per se einfach korrupt.

STIMME AUS DEM PUBLIKUM: Für mich ist Kunst etwas, was mich berührt, egal, ob dies durch Schönheit geschieht oder durch etwas Anderes. Heute hat man den Eindruck, Kunst habe mit einem rationalen Statement zu tun. Was denkt Ihr darüber?

DAMIAN CHRISTINGER: In manchen der ausgestellten Werke spielt Humor eine grosse Rolle. Auch das wird oft kritisiert. Viele der hier gezeigten Werke sind sehr zugänglich, die von Lutz&Guggisberg beispielsweise. Mein Eindruck ist, dass dieser Diskurs, den Du ansprichst, vorwiegend von Leuten geführt wird, die in den 1980er-Jahren sozialisiert wurden und schon etwas vorbei ist. Oder zumindest interessiert er mich nicht mehr besonders.

PIPILOTTI RIST: Es gibt heute eine Gleichzeitigkeit von so vielen verschiedenen künstlerischen Zugängen. Statt einer Avantgarde, einer Strömung, wie sie einst nötig war, um Schönheitsideale zu hinterfragen oder ad absurdum zu führen, hat heute jeder verschiedene Agenden. Ich möchte gerne Sinne schärfen oder Klischees zerstören und mich trotzdem getrauen, Dinge zu tun, die nicht erlaubt sind. Schöne Kunst zu machen ist beispielsweise eben ein Tabu.

3. Vermeintliches Wissen & sicheres Unwissen

DAMIAN CHRISTINGER: Wenn man als Schweizer in Japan ist, hilft es, wenn man eine traditionelle, schweizerische Kinderstube mitbringt. Vieles, was die Umgangsformen betrifft, ist sehr nahe an unserem Verständnis von Höflichkeit, und alles ist bestens organisiert. Nach vier, fünf Tagen aber zerfällt dieser Eindruck: Ich merke, wie ich zum Analphabet werde. Ich kann nichts lesen, stehe völlig im Schilf, verstehe nichts. Du hast mir erzählt, dass Dir gerade dieses Fremdsein so gefällt an Japan, dieses auf sich selbst Zurückgeworfen-Sein.

PIPILOTTI RIST: Die Schrift ist sicher eine grosse Erholung. Ich kann durch die Strassen gehen und muss nichts lesen, man liest nichts unterbewusst. Für 750 Franken kann man mit Turkish Airlines nach Tokio und retour fliegen. Ich empfehle das, weil da ist irgendeine Barriere, und seit dem Fukushima-Desaster ist es ganz wichtig, dass möglichst viele Reisende dahin fliegen. Übrigens ist mir ja hier auch nicht alles so vertraut, wie man glaubt: Ich weiss ja nicht, was ihr denkt, was ihr fühlt. Wir sind nur vermeintlich wissend in der Schweiz, aber in Japan weiss ich immer: Ich kann die Gesichter nicht lesen. Wenn ich hier in eine fremde Gruppe komme, gibt es auch Momente, in denen man sich falsch verhält und denkt: Keine Ahnung, wie ich mich hier zu verhalten habe. Das passiert hier auch. Dort hingegen muss man nichts wissen, man macht sowieso alles falsch.

DAMIAN CHRISTINGER: Jetzt hast Du ja das hier für dich annektiert, Du hast das Japanische interpretiert. Denkst Du, dass ein Japaner dieses Werk interessant findet? Dass er es verstehen, ihm folgen kann? 

PIPILOTTI RIST: Wie gesagt: Ich glaube nicht so stark, dass wir so verschieden sind. Das No-Theater vermittelt den Eindruck, dass es so wahnsinnig alt ist, wie hier bei uns das Alphorn, das auch nicht älter ist als 170 Jahre. Aber wir vergessen schnell, über drei Generationen hinweg glauben wir, dass Moses schon in Bern... Die kulturellen Veränderungen sind sehr schnell. Es ist eine Machtfrage, wer sagt, was eine alte Kultur ist. 

DAMIAN CHRISTINGER: Um die Frage zu beantworten: Die japanischen Besucher verstehen das sehr gut. Sie verstehen diese Übersetzung, dass da eine Schweizer Künstlerin auf etwas vermeintlich Japanisches zurückgreift, um etwas darzustellen, um eine Stimmung zu erschaffen. Das Entscheidende ist, dass all diese Traditionen ja immer auch verzerrt werden, und das wird sofort verstanden. Dieses Banjo, das kein japanisches Instrument ist, das fasziniert unglaublich.

PIPILOTTI RIST: Wie gesagt, das stammt aus dem Süden von Nordamerika, klingt aber extrem chinesisch. Die Mischung aus Amerika und China ergibt Japan.

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