Dada Afrika

Die Zollfreilager-Spezialausgabe Dada Afrika begleitet die gleichnamige Ausstellung im Museum Rietberg (18. März bis 17. Juli 2016), die den aussereuropäischen Einflüssen auf die KünstlerInnen der Dada-Bewegungen gewidmet ist. Der Fokus von Zollfreilager ist ein erweiterter. Er untersucht zum einen europäisch geprägte Avant-Garde-Strömungen und die darin auftretenden Spielformen des Primitivismus, zum anderen blickt er auf nicht-europäische Modernen und deren Verhältnis zu Dada bis heute. Durch Probebohrungen auch experimentell-poetischer Art wird herausgestellt, wie und wo sich die global gewordene «reflexive Moderne» zeigt. Dada Afrika ist Teil eines grösseren Recherche- und Lehrprojekts der Plattform Kulturpublizistik. Die zugehörige, von der Ausstellung im Museum Rietberg unabhängige, Publikation erscheint im Oktober im Verlag Diaphanes.

Die Zollfreilager-Spezialausgabe Dada Afrika begleitet die gleichnamige Ausstellung im Museum Rietberg (18. März bis 17. Juli 2016), die den aussereuropäischen Einflüssen auf die KünstlerInnen der Dada-Bewegungen gewidmet ist. Der Fokus von Zollfreilager ist ein erweiterter. Er untersucht zum einen europäisch geprägte Avant-Garde-Strömungen und die darin auftretenden Spielformen des Primitivismus, zum anderen blickt er auf nicht-europäische Modernen und deren Verhältnis zu Dada bis heute. Durch Probebohrungen auch experimentell-poetischer Art wird herausgestellt, wie und wo sich die global gewordene «reflexive Moderne» zeigt. Dada Afrika ist Teil eines grösseren Recherche- und Lehrprojekts der Plattform Kulturpublizistik. Die zugehörige, von der Ausstellung im Museum Rietberg unabhängige, Publikation erscheint im Oktober im Verlag Diaphanes.

Afrika Dada

S wie La Sape

von Philipp Spillmann Philipp Spillmann, *1992, ist Journalist. Er studiert im Master Kulturpublizistik und ist Redaktionsmitglied bei Metareporter. gepostet am 18. April 2016

Kostüme und Kostümierung, ein Kern-Interesse der Dadaisten, findet man, wenn nicht in allen, in sehr vielen Kulturen. Ein Beispiel aus dem modernen Afrika ist La Sape, die «Gesellschaft für Unterhalter und elegante Personen».

Bei La Sape («Société des Ambianceurs et des Personnes Élégantes»), handelt es sich nicht um einen Verein, sondern um eine Interessensgemeinschaft oder soziale Bewegung, die sich durch eine Reihe gemeinsamer Werte, Vorlieben und Erscheinungsmerkmale definiert. Die Gesellschaft verfügt zwar durchaus über verschiedene formelle wie informelle Institutionen, etwa Wettbewerbe, Publikationen, Schulen oder Clubs, aber es gibt keine Dachorganisation, keinen Hauptsitz, keine Statuten, Mitgliedschaftsbeiträge, Mitgliederausweise oder dergleichen. Die Anhänger bezeichnen sich als «Les Sapeurs» bzw. «Le Sapeur, La Sapeuse» (das französische Wort heisst auch Feuerwehrmann). Die Mehrheit bilden erwachsene, schwarzafrikanische Männer, aber es gibt keine formellen Auflagen zu ethnischen Merkmalen, zum Geschlecht, zu Alter oder Herkunft. Ihren Kern, Ursprung und grösste Verbreitung findet die Bewegung in Brazzaville, der Hauptstadt der Republik Kongo, sowie im benachbarten Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. Die beiden Städte sind durch den Grenzfluss «Kongo» voneinander geschieden, welcher zugleich die Landesgrenze bildet.

Prinzipiell kann jeder Mensch ein Sapeur werden, wenn er dem gemeinsamen Geist, welcher oft ebenfalls als «La Sape» bezeichnet wird, nacheifert und ihn als Lebensweise verkörpert. Dies geschieht erstens durch einen auffallenden, ausdrücklich eleganten Kleidungsstil mit Hang zum Extravaganten, der sich optisch an das Stilbild eines «Gentlemans» der «Goldenen Zwanziger» anlehnt. Typische Stilelemente sind Lederschuhe, Jacketts, Krawatten, Westen, Jacken, Röcke oder Hüte, aber auch Schmuck und Accessoires, wie Sonnenbrillen, Ketten, Ringe, Uhren, Tücher, Uhren, Federn, Zigarren, Perlen, Schirme, Gehstöcke etc. Im Vergleich zu ihren historischen Vorbildern hebt sich die Mode der Sape optisch vor allem durch ihre virtuose Verwendung knallbunter Farben ab. Zweitens kommt eine Reihe typischer Posen, (Tanz-)Schritte, Mimiken und Gesten hinzu (sog. «Allures»), die sich ebenfalls an die «Goldenen Zwanziger» anlehnen. Mit Mode und Allüren performen die Sapeurs ihren jeweils eigenen, explizit individuellen Stil. Gewissermassen bilden Mode und Allüren die Kernkompetenzen der Sape.

Allerdings wäre es falsch, die Sapeurs einzig anhand ihres Stils verstehen zu wollen. Entscheidend ist, wie ein Sapeur sich als solcher inszeniert. Diese Inszenierungen finden meistens in einem ritualisierten Rahmen statt und erhalten je nachdem einen kompetitiven Charakter. Sapeur zu sein, ist im weiteren Sinne die Performance eines kollektiven Alter Egos auf eine möglichst originelle Art und Weise. Für einen gerade performenden Sapeur wird die gesamte Umwelt zur Bühne und sein Leben zum Schauspiel. Ein klassischer Sapeur soll möglichst viele, explizit teure Kleidungstücke besitzen. Mit diesem Anspruch gehen ausgeprägte konsumistische Neigungen einher, etwa die «Fetischisierung» bestimmter Kleidungsmarken wie «Veston» oder «Giorgio Armani» (sog. «Griffes»). Da die Sapeurs besonders in den beiden Kongoländern ein Phänomen in armen Bevölkerungsschichten sind, tendieren die Sapeurs auch dazu, mit ihrem Auftreten zu provozieren.

Die Sapeurs werden gelegentlich auch als «The Kongo Dandies» bezeichnet. Ob es sich dabei um eine Eigen- oder eine Fremdzuschreibung handelt, ist unklar. Jedenfalls unterscheidet sich die Sape in mindestens zwei Punkten vom historischen Dandytum: Einerseits bezüglich der Mode, andererseits aber, weil es sich beim Dandytum des europäischen 19.Jh. vorwiegend um ein Oberschichtsphänomen handelt, während es bei den Sapeurs tendenziell umgekehrt ist: Menschen aus der sozialen Unterschicht kleiden sich bourgeois und zielen auf Lob, Anerkennung und Ruhm. Auch gehen manche Sapeurs mit ihrer Lebensweise über die Grenzen eines Lebensstils im engeren Sinne hinaus, indem sie der Bewegung und ihren Idealen (christlich- bzw. christlich-synkretistisch-) sakrale oder quasi-sakrale Bedeutung beimessen.

Ein Nebeneffekt des Lebens als Sapeur ist die Unterwanderung tribalistischer Gesellschaftsstrukturen. Einerseits ideologisch, durch das Feiern und Herausheben des Individuums. Andererseits sozial, da manche Sapeurs ihre extravagante Lebensweise vor Familienangehörigen verbergen oder durch diese bewusst in Konflikt mit ihren Familien geraten.

Der Ursprung der Sape ist historisch nicht eindeutig geklärt, manche Quellen sprechen von bestimmten Gründervätern (zB. André Matsoua), andere nicht. Auch gibt es kein eindeutig klares Gründungsdatum. Als Anfangszeit einer breiteren Bewegung werden weitgehend die 1930er Jahre genannt, als koloniale Arbeiter, die längere Zeit in Frankreich gelebt und gearbeitet hatten, den Pariser Stil der «Goldenen Zwanziger» in die damalige Kolonie Französisch-Kongo (1910-1958) brachten. Allerdings handelte es sich dabei zunächst um eine reine Oberschichtskultur, die im weiteren Rahmen auch mit anti-kolonialistischen Intellektuellenkreisen verbunden war. In Verbindung mit anti-kolonialen Bewegungen (insb. der sog. «Société Amicale des Originaires de l’A.E.F») der ersten Jahrzehnte verbeitete sich der Lebensstil vor allem in der Ethnie der Bakongo, eine der grössten Ethnien der Kongo-Länder, welche auch in anderen umliegenden Staaten (etwa Angola) beheimatet ist und sich neben gemeinsamen kulturellen Merkmalen (etwa der Sprachfamilie Kikongo) auch durch eine gemeinsame historische Herkunft (etwa durch das Königreich Kongo) kollektive Identität zuschreibt. In den 1980ern trat die Bewegung im Kontext der kongolesischen Rumba-Szene auf, hier ausgehend von Kinshasa. Insbesondere der Musiker «Papa Wemba» («Le Pape de la Sape») ist bekannt für seine musikalische Widmung der Sape, mit der er sich gegen reaktionäre kulturpolitische Massnahmen (etwa Verbote westlicher Kleidungsstücke) des damaligen Staatspräsidenten der Demokratischen Republik Kongo wandte.

Heute gibt es Ableger der Sape in verschiedenen Gebieten der beiden Kongo-Staaten und weiteren Ländern des Kontinents, etwa in Südafrika oder Marokko, aber auch in anderen Erdteilen, insbesonders in Europa, beispielsweise in Paris, London oder Brüssel. Eine exakte Zahl der Anhänger ist nicht bekannt, Schätzungen rechnen mit einigen tausend Sapeurs weltweit. Die Bewegung erhält internationale Aufmerksamkeit, was sich durch zahlreiche Reportagen und Fotostrecken, aber auch durch die Appropriation für kommerzielle Zwecke (etwa ein Guiness-Werbespot von 2015) zeigt. Inzwischen gibt es einen «Dictionnaire de la Sape» und zahlreiche Wettbewerbe wie z.B. «Le meilleur Sapeur du Congo». Ausserdem gibt es Splitterbewegungen wie die 2010 gegründete NGO «Sapeurs en danger», welche mit den Ansprüchen nach möglichst teuren Kleidungsstücken bricht, um Sapeurs vor den sozialen Konsequenzen des extravaganten Lebensstils zu bewahren.

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