Gastspiel im Gastspiel

Vom 12. Juli bis am 9. November 2014 fand «Gastspiel. Schweizer Gegenwartskunst im Museum Rietberg» statt. Zollfreilager erhält die Gelegenheit, mit eigenen Zugängen, Positionsnahmen und Beobachtungen auf die Ausstellung, das Museum und seine Sammlung zu reagieren. Mitwirkende der bis November abgeschlossenen Spezialausgabe sind neben der Zollfreilager-Redaktion auch Damian Christinger (Kurator der Ausstellung), Peter Weber und Lukas Bärfuss (beide vertreten in der Ausstellung).

Vom 12. Juli bis am 9. November 2014 fand «Gastspiel. Schweizer Gegenwartskunst im Museum Rietberg» statt. Zollfreilager erhält die Gelegenheit, mit eigenen Zugängen, Positionsnahmen und Beobachtungen auf die Ausstellung, das Museum und seine Sammlung zu reagieren. Mitwirkende der bis November abgeschlossenen Spezialausgabe sind neben der Zollfreilager-Redaktion auch Damian Christinger (Kurator der Ausstellung), Peter Weber und Lukas Bärfuss (beide vertreten in der Ausstellung).

AUSZUG AUS ÄGYPTEN

von Zollfreilager Publikumsforschung Die Zollfreilager-Publikumsforschungsabteilung besteht aus dem Redaktionsteam von Zollfreilager sowie aus ZHdK-Studierenden, die im Modul „Rezeption Interaktion Partizipation“ des Master Art Education studieren. gepostet am 18. Februar 2015
Zollfreilager

1. Illegaler Reichtum

Noura, Theorie-Studentin an der ZHdK, Jahrgang 1992:

Dieser schöne Pferdekopf neben den pharaonischen Gegenständen erinnert mich an eine sehr reiche, neureiche, Familie aus Ägypten. Ein Mädchen aus der Familie war in meiner Abiturklasse. Ihre Familie stammt ursprünglich aus einem Ort in der Nähe der Pyramiden von Gizeh, wo Einheimische ihre Pferde an Touristen vermieten.

Eine Legende besagt, dass diese Familie so reich geworden ist, weil sie überall dort, wo ihre Pferdeställe liegen, Ausgrabungen machte. Dabei machten sie viele archäologische Funde. Eigentlich steht der Boden um die Pyramiden unter Denkmalschutz der UNESCO. Sogar ein Strassenprojekt, das den überfüllten Verkehr hätte lindern sollen, ist dadurch gescheitert.

Die Familie hat ihre Funde verkauft und dadurch ungemeinen Reichtum erlangt. Das ist alles ein bisschen illegal. Ich weiss nicht, ob sie nur in Ägypten oder auch ins Ausland verkauft haben. Die Familie, wie viele andere Neureiche, hat von der korrupten Mubarak-Diktatur profitiert. Niemand fragte sie, woher das viele Geld kam. Plötzlich hatten sie statt einem Pferdestall tausende Hotels.

Als die Revolution anfing, war ich in der elften Klasse. Wir diskutierten stundenlang über die Revolution, darüber, ob wir dafür oder dagegen waren. Meine Mitschülerin, die Tochter ebendieser Familie, sagte immer: «Ihr sollt aufhören, auf die Strassen zu gehen. Mubarak soll nicht gestürzt werden. Was hat er euch angetan? Er ist ein guter Mann. Er ist ein guter Präsident». Das ist natürlich alles Brainwash von zu Hause. Ihre Familie von der Diktatur profitiert. Sie ist bis zum Ende gegen die Revolution gewesen und hat an den «Pro-Mubarak-Demonstrationen» teilgenommen.

thematisiertes Werk/Objekt:
Schaudepot: keine Bezeichnung. Pferdekopf aus Holz. Vitrine 18b Ägypten. Koptisches Relief, koptische Brotstempel, koptischer Dekor, altägyptische Mumienportraits. Stein, Knochen, Holz/2. Jt. v. Chr – 6. Jt. n. Chr.

 

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2. Die Ägypter und das Judentum

Noura, Theorie-Studentin an der ZHdK, Jahrgang 1992:

Heutzutage würden sich die Ägypter nicht mehr so freuen, wenn etwas „ägyptisches“ mit dem Judentum in Verbindung gebracht wird. Sie wollen so gut wie möglich ignorieren, dass die Juden einst in Ägypten lebten. Ich erinnere mich an eine alte Frau, die ich immer wieder bei Ausstellungen sah, ich wurde als Kind oft in irgendwelche Ausstellungen mitgeschleppt. Egal, wo die Ausstellung stattfand, sie war immer dort. Wenn jemand fragte, was mit dieser Frau sei, dann lautete die Antwort: „Ah, das ist die letzte Jüdin von Ägypten“. Sie hatte keinen Namen. Sie hatte sicher einen Namen, aber niemand kannte ihn. Sie war einfach diese jüdische Frau, die bei allen Ausstellungen auftauchte.

Die Frau redete mit niemandem, trotzdem war sie eine interessante Persönlichkeit. Sie besass eine riesige Bibliothek. Mein Vater durfte einmal zu ihr nach Hause und die ganzen Bücher bestaunen. Er war begeistert, aber seitdem hat sie ihn nicht mehr erkannt und redete nie mehr mit ihm.

Das Becken erinnert mich auch an eine Recherche, die ich zum ägyptisches Nationalgericht Koshari gemacht habe. Zunächst erfuhr ich, dass es aus Indien kommt. Dort heisst es „Khichṛī“. Es ist ein vegetarisches Reis- und Linsengericht, das auch von Christen vor Ostern gegessen wird. Das Gericht wird in verschiedenen Pfannen gekocht. Das kennt man wiederum von „koscher“, also von den Juden. Ist es reiner Zufall, dass Koshari, Khichṛī und koscher so ähnlich klingen?

Ich bin in einen Laden in Kairo gegangen, der für dieses Gericht berühmt ist und habe den Besitzer gefragt, ob es möglich ist, dass die Juden dieses Gericht nach Ägypten gebracht haben.

Er meinte nur: „Nein, das ist ägyptisch“. Worauf ich entgegnete: „Aber die Juden waren doch auch in Ägypten.“ - „Nein, das ist ägyptisch.“ - «Ja, sie waren jüdisch, aber sie waren Ägypter.“ - „Nein. Wir Ägypter haben es erfunden.“ - „Okay, dann haben wir Ägypter das erfunden.“

thematisiertes Werk/Objekt:
Schaudepot – Neo-Mamlukisches Becken mit hebräischer Inschrift. Ägypten um 1920/Messing, getrieben, ziseliert/Geschenk Herbert Ginsberg und Marianne Gilbert I RVA 355.

 

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3. Das Bayram-Schaf

Noura, Theorie-Studentin an der ZHdK, Jahrgang 1992:

Nach dem Ramadan beginnt das Opferfest Bayram. Dazu werden in Ägypten überall auf den Strassen Schafe verkauft, die geschlachtet werden sollen. Als ich klein war, hielten wir jedes Jahr bei meinem Onkel auf dem Dach ein Schaf. Es stand immer majestätisch herum. Nur an dem Tag, an dem es geopfert werden sollte, verhielt es sich anders – als würde es ahnen, dass es bald sterben müsse.

Als Kind freute ich mich immer: „Ja, wir bekommen neue Kleidung, ein Schaf wird geschlachtet und es gibt ein Fest!“ Heute kann ich mir nicht mehr erklären, wie ich damals beim Schlachten zuschauen konnte. Ich bin froh, dass ich jetzt in der Schweiz bin und so nicht mehr zusehen muss, wenn Tiere geopfert werden.

Meine Cousins und Cousinen waren noch extremer. Sie waren jeweils auch dabei, als Stück für Stück die Innereien herausgenommen wurden. Nach islamischem Brauch gehört ein Drittel des Schafes Dir, ein Drittel verschenkt man an Familie und Freunde, und ein Drittel für geht an die Armen. Alles wird genau abgewogen. Ich bin eigentlich eine Fleischesserin, aber während des Bayrams esse ich kein Fleisch, weil ich weiss, dass es bei uns geschlachtet wurde.

thematisiertes Werk/Objekt:
#1: Liegender Widder/China, Sul-Dynastie, spätes 6./frühes 7. Jahrhundert/Kalkstein/Geschenk Eduard von der Hyde I RCH 139.

 

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