Gastspiel im Gastspiel

Vom 12. Juli bis am 9. November 2014 fand «Gastspiel. Schweizer Gegenwartskunst im Museum Rietberg» statt. Zollfreilager erhält die Gelegenheit, mit eigenen Zugängen, Positionsnahmen und Beobachtungen auf die Ausstellung, das Museum und seine Sammlung zu reagieren. Mitwirkende der bis November abgeschlossenen Spezialausgabe sind neben der Zollfreilager-Redaktion auch Damian Christinger (Kurator der Ausstellung), Peter Weber und Lukas Bärfuss (beide vertreten in der Ausstellung).

Vom 12. Juli bis am 9. November 2014 fand «Gastspiel. Schweizer Gegenwartskunst im Museum Rietberg» statt. Zollfreilager erhält die Gelegenheit, mit eigenen Zugängen, Positionsnahmen und Beobachtungen auf die Ausstellung, das Museum und seine Sammlung zu reagieren. Mitwirkende der bis November abgeschlossenen Spezialausgabe sind neben der Zollfreilager-Redaktion auch Damian Christinger (Kurator der Ausstellung), Peter Weber und Lukas Bärfuss (beide vertreten in der Ausstellung).

Kultur und Nahbarkeit

von Der Balken in meinem Auge Die Gesprächsreihe "Der Balken in meinem Auge. Reflexivität als Ressource" wird von verschiedenen Mitgliedern der Zollfreilager-Redaktion bespielt. gepostet am 20. August 2014

1. Neue Bedürfnisse

DANIELA BÄR: Axel Langer, was denken Sie als Persien-Kurator des Museum Rietberg, wenn Sie durch Gastspiel. Schweizer Gegenwartskunst im Museum Rietberg gehen? 

AXEL LANGER: Ich finde es interessant, wie uns die zeitgenössischen Künstler mit ihren Werken aufzeigen, wo wir Potenzial haben, unsere Sammlung anders zu präsentieren.

DANIELA BÄR: Inwiefern?

AXEL LANGER: Man spürt, dass die Art, wie wir Objekte ausstellen, auf ironische Art hinterfragt wird. Shirana Shabazis Fotografien beispielsweise verleihen den Vitrinen, in denen sie hängen, mehr Spannung. Es wird schwierig sein, ihre Fotografien wieder wegzunehmen und die Vitrinen mit ihren kleinen Figürchen einfach so zu belassen. Ein anderes Beispiel ist der Einkaufswagen, der in der chinesischen Porzellan-Sammlung zu sehen ist: Das wirkt tatsächlich wie in einem Kaufhaus. Da stellen sich die Fragen: Was sollten wir als Museum über die schöne Präsentation hinaus anders machen? Was sind hier unsere Aufgaben?

DANIELA BÄR: Museumsdirektor Albert Lutz betont im Interview mit Zollfreilager das Bewahren und würdige Ausstellen der Objekte.

AXEL LANGER: Das ist die klassische Aufgabe des Museums. Und sie wird es in Zukunft auch bleiben. Allerdings steht dahinter eine Geschichte, und zwar diejenige der Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts und ihres Bildungsideals. Heute sind wir an einem anderen Punkt. Das Bürgertum gibt es immer noch, aber die heutige Gesellschaft stellt andere Forderungen. Wir müssen das, was sich gesellschaftlich abspielt, aufgreifen. Dabei stellen sich verschiedene Fragen. Welches Publikum soll angesprochen werden, für wen machen wir das Museum? Neue Arten, die Geschichten der Kunst und der dahinter stehenden Kulturen zu erzählen, sprechen vielleicht ein Publikum an, das bisher gar nichts vom Gang ins Museum wissen wollte.

DANIELA BÄR: Welche Museumsstrategien können hier als Beispiele genannt werden?

AXEL LANGER: Das Musée du Quai Branly in Paris beispielsweise führt Festivals in verschiedenen Vororten durch und holt so Leute ins Museum, die sozial am Rand stehen. Sie haben bislang einen Bogen um Museen gemacht und sich gefragt, was eine solch „ehrwürdige“ Institution überhaupt mit ihnen zu tun hat. Sie sind neugierig geworden und haben das Quai Branly später tatsächlich besucht. Manuel Valls, der französische Premierminister, hat in einer Fernsehdebatte gesagt: Das, was Frankreich ausmache, was französisch sei, müsse um das erweitert werden, was Migrantinnen und Migranten mitbringen. Das hat mit der Aufgabe eines Museums für aussereuropäische Kunst und Kulturen wie dem Quai Branly viel zu tun, weil dort ihre Geschichten erzählt werden.

DANIELA BÄR: Auch Albert Lutz findet, man müsse sich als Museum den Herausforderungen und Bedürfnissen der Gegenwart anpassen. Welche konkreten Möglichkeiten sehen Sie als Kurator des Museum Rietberg?

AXEL LANGER: Wenn Sie ein Kunstwerk im Museum haben, haben Sie bereits eine kritische Masse vor sich. Die Möglichkeiten, im Museum damit umzugehen, sind vielfältiger als das, was man gewöhnlich in der Praxis macht.

2. Falsche Distanz

DANIELA BÄR: Wieso nutzt man diese Möglichkeiten nicht?

AXEL LANGER: Das Problem ist vielleicht, dass uns Emotionalität schon im Kunstgeschichtsstudium an der Universität ausgetrieben wurde. Wir wollen ja Wissenschaft machen, da muss man Distanz bewahren. Die Emotionalität wohnt einem Kunstwerk inne und kann auf mich wirken, aber der Wissenschaftler ist aufgerufen, nichts tun, was es noch emotionaler macht. Es ist, als führte ich eine Oper auf, aber konzertant.

SOPHIA COSBY: Diese Emotionalität ist verwandt mit Walter Benjamins Aura-Begriff. Gemäss Benjamin geht der auratische Wert eines Werks bei seiner Ausstellung verloren.

AXEL LANGER: Ich habe den Text während des Studiums auch lesen müssen, und ich habe mich immer schwer getan damit, bis ich ein Kunstwerk in den Händen hielt, das ich zuvor nur als Fotografie gesehen hatte. Da wusste ich, was Aura bedeutet. Nichts hätte dieses Werk, diese Miniatur von der Grösse meiner Hand, diese Vielfalt wiedergeben können. Das war so emotional, dass ich sogar Herzrasen hatte.

DANIELA BÄR: Ist ein so emotionaler Zugang für den Besucher im Museum überhaupt möglich?

AXEL LANGER: Was wir im Museum machen, ist eigentlich sehr künstlich. Wir stellen ein Objekt hinter Glas und beleuchten es.

DANIELA BÄR: Dies betrifft die Bewahrung. Wie aber erzeugen Sie die angesprochene Emotionalität?

AXEL LANGER: Ausstellen allein reicht nicht. Sammler erzählen einem zu jedem Objekt etwas. Es gibt eine wunderbare Geschichte von Stefan Zweig (Die unsichtbare Sammlung, 1927), in der ein Blinder seine Sammlung von Stichen erzählend einem Fremden zeigt. Doch dieser sieht keine einzige Grafik, denn die Familie des Blinden hat sie längst aus finanziellen Gründen verkauft. Dieses Erzählen ist die eigentliche Auratisierung. In einem Museum mit existierenden Kunstwerken funktioniert dies noch um vieles besser: Ich „mache“ ein Kunstwerk zu einem Erlebnis, weil ich Ihnen etwas dazu erzähle, es ergibt sich eine Auseinandersetzung. Sie haben das gleiche Werk vor sich, aber andere, neue Bilder entstehen dazu in Ihrem Kopf. 

DANIELA BÄR: Die Rolle des Kurators ist also die eines Geschichtenerzählers.

AXEL LANGER: Ja. Man kann durch die einzelnen Stationen innerhalb einer Ausstellung den Betrachter dazu bringen, Dinge zu entdecken, sich Fragen zu stellen. Das kann man mit klassischen Mitteln wie Texttafeln, aber auch mit Audioguides machen; die neuen Medien bieten dafür ebenfalls tolle Möglichkeiten. Am besten ist es freilich immer noch, wenn jemand aus Fleisch und Blut die Geschichten gut erzählt. Wie auch immer man vorgeht: Wichtig ist, dass man den Besucher nicht alleine lässt, dass man ihn begeistert, seine kindliche Neugierde weckt.

DANIELA BÄR: Gastspiel ist als Ausstellung ein Wiederbelebungs- oder Animationsversuch. Auch die einzelnen Werke haben teilweise einen solchen Ansatz. Eine interessante Frage wäre, wer oder was hier wiederbelebt wird.

AXEL LANGER: Was mich im Gegenzug interessieren würde: Sehen die Leute neben dem zeitgenössischen Werk auch das Umfeld, also die historischen Artefakte, auf die die eingeladenen Künstler reagieren? Gehen sie bei Yves Netzhammer einfach jeder kleinen Installation nach oder sehen sie den Bezug, den er herstellt?

3. Innere Barrieren

DANIELA BÄR: Es gibt eine Diskrepanz zwischen der Faszination für Objekte in einem Völkerkunde-Museum und dem Verständnis für fremde Kulturen im Alltag. Was kann Ihr Museum zur Überwindung dieser Diskrepanz beitragen?

AXEL LANGER: Ich verstehe mich als Anwalt einer Kultur. Wie ein Anwalt glaube ich erst einmal an deren „Unschuld“, ich werte sie nicht und urteile nicht über sie. In der Wissenschaft ist so ein Ansatz schwieriger, aber im Museum kann ich das. Ich möchte auf eine Art vermitteln, die Verständnis weckt, ohne gleich ein Urteil zu liefern. Das ist umso wichtiger, wenn unsere Sicht auf eine Kultur, wie beispielsweise die persische, von Vorurteilen dominiert ist.

DANIELA BÄR: Welche Rolle spielt dabei Ihre eigene Herkunft?

AXEL LANGER: Diese Vermittlung geschieht – in meinem Fall – über jemanden, der aus einem anderen Kulturkreis kommt. Ich bin Mitteleuropäer. Ich kann mich aber in die andere Kultur hineindenken, und sagen: So und so viel verstehe ich und das will ich erklären. Das habe ich in der Ausstellung Sehnsucht Persien auch gemacht.

DANIELA BÄR: Was war besonders an Ihrer Darstellung von Persien?

AXEL LANGER: Wir haben unter anderem zeitgenössische Positionen gezeigt, die wir einfach mitten in die persischen Werke hineingestellt haben. Die Idee war, ähnlich wie bei Gastspiel, durcheinanderzumischen statt additiv zu zeigen. So gab es verschiedene Verbindungen. Mal rein formell, hinsichtlich des Ornaments beispielweise, mal auf einer ganz anderen Ebene wie dem persischen Humor, der schwierig zu vermitteln ist. Die Gegenwartskunst, so die Idee, sollte helfen, die Tür zur Geschichte zu öffnen. Noch wichtiger war mir aber zu zeigen, dass im 17. Jahrhundert zwischen Persien und Europa eine freundschaftliche Beziehung bestand und dass sich beide Seiten davon inspirieren liessen. Viele Iraner haben sich dafür bedankt, dass wir ihre Heimat anders, wertfrei, gezeigt und auf eine grossartige, hierzulande wenig bekannte Epoche aufmerksam gemacht haben.

SOPHIA COSBY: Gab es auch gegensätzliche Reaktionen?

AXEL LANGER: Klar, aber die waren sehr selten.

DANIELA BÄR: Um erneut auf die Aufgabe, aber auch das Potenzial des Museums zurückzukommen: Die Darstellung einer Kultur im Museum kann den Umgang mit dieser Kultur im Alltag prägen.

AXEL LANGER: Verständnis, besser vielleicht Verstehen, hilft mir im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen. Als in den 1980er-Jahren die ersten Tamilen in die Schweiz kamen, wussten wir nichts von ihnen; sie waren einfach da. Wissen über andere Kulturen hilft jedoch, die Menschen dieser Kultur zu verstehen. Und dieses Wissen ist das, was wir im Museum vermitteln können.

DANIELA BÄR: Martin Heller spricht von Multiperspektivität und meint damit nicht nur die kulturelle Vielfalt, sondern auch die Geschichte des Umgangs mit dieser Vielfalt.

AXEL LANGER: Ein Begriff, den ich sehr gut finde. Dass kulturelle Unterschiede da sind, wissen wir. Was wir lernen müssen, ist damit umzugehen. Ist meine Art, etwas zu tun, wirklich die bessere, nur weil ich es immer so getan habe?

DANIELA BÄR: Der 9. Februar 2014 hat gezeigt, dass sich eine Mehrheit der Schweiz nicht allzu viel fremde Kultur wünscht. 

AXEL LANGER: Leider. Das hat sicherlich mit der Angst vor dem Fremden zu tun. Die Angst, dass Andere kommen und mir etwas wegnehmen. Meine Erfahrung ist eine andere: Je mehr ich über den anderen weiss, desto mehr lerne ich auch über mich selbst. Ich werde nicht wie der andere, ich verliere mich nicht, im Gegenteil, ich gewinne etwas dazu.

Quellen zum Text:

Das Interview mit Axel Langer (Persien-Kurator des Museum Rietberg) wurde von Daniela Bär und Sophia Cosby am 5. August 2014 im Museum Rietberg geführt. Die ZollfreilagerZollfreilager, ein Internetmagazin der Plattform Kulturpublizistik der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), ist seit dem 7. Juli 2014 öffentlich. Zollfreilager wirft in journalistischen, reflektierenden und künstlerisch-experimentellen Formaten Schlaglichter auf Phänomene rundum Kultur, Kunst und Migration. Zu den Beitragenden gehören Studierende und Dozierende des Master Kulturpublizistik der ZHdK sowie ein Netz von Korrespondentinnen, Mittätern und Komplizinnen aus allen Kontinenten und Disziplinen.-Reihe Der Balken in meinem Auge. Reflexivität als Ressource versammelt Gespräche mit AkteurInnen der Kunst- und Kulturvermittlung.

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