Heimatland. Interview mit Michael Krummenacher

von Der Balken in meinem Auge Die Gesprächsreihe "Der Balken in meinem Auge. Reflexivität als Ressource" wird von verschiedenen Mitgliedern der Zollfreilager-Redaktion bespielt. gepostet am 30. September 2015

1. Eine Wetterlage

RUEDI WIDMER: «Heimatland», iniziiert von Dir und von Jan Gassmann, ist eine aus acht Filmen zusammengewobene Parabel über die Schweiz, mit der eine junge Generation von Filmern und Filmerinnen gegen den politischen Diskurs, wie er von rechtsbürgerlicher Seite und namentlich der SVP geführt wird, ein Zeichen setzen will. Korrekt?

MICHAEL KRUMMENACHER: Ja und nein. Wir verstehen Heimatland nicht als «Anti-SVP-Film», das wäre zu einfach. Vielmehr soll Heimatland ein kritischer – auch selbstkritischer – Beitrag zur Lage der Schweiz sein. Dazu gehören natürlich auch politische Tendenzen, die sich in den letzten Jahren in der Schweiz, aber auch in ganz Europa, ausgebreitet haben. Dabei geht es um eine kollektive Angst vor Veränderungen, dem «Fremden» und schliesslich um eine politische Einigelung – Themen, die sich rechtskonservative Politiker geschickt zu Nutzen machen. Trotzdem ist Heimatland kein Themenfilm, sondern immer ein Film über die Menschen, die in der Schweiz leben und die Entscheidung, wohin es mit unserem Land geht, im Kleinen wie im Grossen mitbeeinflussen.

PIERRE HAGMANN: In dieser Parabel wird das Schweizervolk von einer riesigen Wolke bedeckt, die in den Alpen aufkommt, das Land in Aufruhr versetzt, aber an der Grenze halt macht. Die Botschaft ist eine ähnliche wie in Geschichten des Alten Testaments: Dieses Land hat eine Strafe verdient. An der Pressekonferenz in Locarno wurde von Leuten aus dem Heimatland-Team gesagt, man stehe nicht über den Dingen, man sehe sich auch als Teil des Problems. Welches Problem denn?

MK: Die Isolation. Unser Inseldenken, unser Glaube an den Sonderstatus. Dieser Sonderstatus wird im Film ins Gegenteil verkehrt: Wir möchten raus und man lässt uns nicht. Die Wohlstandsinsel Schweiz muss nicht Bestand haben. Wir wollen diese Frage stellen: Was ist, wenn es nicht immer so weitergeht? Wie positioniert sich die Schweiz, wenn der Inselgedanke plötzlich nicht mehr funktioniert? Als wir vor vier Jahren angefangen haben, an «Heimatland» zu arbeiten, konnten wir noch nicht wissen, wie aktuell der Film bei seinem Erscheinen sein würde. Dass jetzt in diesen Tagen europäische Länder ihre Grenzen wieder schliessen und neue Grenzzäune bauen, um sich vor Flüchtlingsströmen zu «schützen», zeigt leider, dass dieser Aspekt von «Heimatland» über die Schweizer Landesgrenzen hinaus relevant ist und uns wohl auch in den nächsten Jahren noch beschäftigen wird.

PH: Wer den Film schaut, hat das Gefühl, dass die Schweizer am liebsten übers Wetter reden. Ein zynischer Kommentar zu einem Land, mit dem man sich nicht identifizieren kann?

MK: Der Film ist nicht zynisch gemeint. Die Wolke eignete sich gut als Metapher, weil das Wetter auf eine sonderbare Weise tatsächlich viel Platz einnimmt in der Schweiz. Abends um fünf vor acht sitzt ja das halbe Land vor dem Fernseher und schaut Meteo. Dieser Wetterwahn rührt vielleicht daher, dass Natur und Landwirtschaft in der Schweiz historisch betrachtet von grosser Bedeutung sind. Das Wetter hat Gewicht für uns, tief drin hat das viel mit uns zu tun.

PH: Also treibt euch die Sorge um das Heimatland an?

MK: Ja, es gibt eine Liebe zur Schweiz. «Heimatland» war nie als Film geplant, der sich aus distanzierter Warte über das Land lustig macht. Wir leben in einem Rechtsstaat, das ist etwas Tolles, und wir geniessen einen hohen Lebensstandard. Ich mag auch die Schweizer Mentalität. Als wir mit diesem Projekt begonnen haben, noch vor der Minarett- und der Zuwanderungsinitiative, haben wir aber realisiert: Es existiert gleichzeitig ein Unbehagen diesem Land gegenüber. Ich würde die Schweiz gern richtig gern haben, aber ich traue ihr nicht ganz über den Weg.

RW: Wir haben den Eindruck, dass die Menschen, die ihr zeigt, teilweise aus der Mottenkiste kommen. Der Schweizer Film ist voll von verschrobenen Figuren, die einen mehr irritieren als faszinieren.

MK: Der Schweizer Film steht uns tatsächlich ein bisschen im Weg. Ab einem gewissen Grad von Radikalität glaube ich das den Schweizern nicht mehr im Film. Uns fehlt diese Tradition. Wir sind nicht in den USA, wo das Extreme auch rein filmisch verankert ist.

RW: Was genau ist es, das uns fehlt?

MK: Man könnte sagen: die Fiktion. Das Schweizer Filmschaffen ist extrem stark im Dokumentarischen. Es gibt auch starke Spielfilme, doch die versuchen dann zumeist, möglichst naturalistisch zu sein, möglichst logisch eine kleine, feine Geschichte zu erzählen.

 

 

2. Ein Film aus vielen Perspektiven

PH: Verstehen wir das richtig: Der Film versucht, die Schweiz in einer Parabel zu fassen, und er stösst dabei an Grenzen, die mit der Filmgeschichte des Landes zu tun haben?

MK: Das ist ein Wechselspiel zwischen Filmgeschichte und Mentalität – wir Schweizer sind nicht bekannt dafür, Dinge explizit zu benennen, sehr laut oder euphorisch zu werden. Es gibt Figuren, die schon recht weit gehen im Film, aber dann gibt es doch auch wieder Grenzen. Grenzen, die in einem amerikanischen Film so nicht existieren, denn dieser kann beispielsweise einfach behaupten, dass diese oder jene Figur abgrundtief böse sei, und dann gelingt es ihm, dies in einer Art zu tun, dass wir ihm folgen.

RW: Das Kollektiv hinter «Heimatland» ist demnach auch ästhetisch Teil des Problems?

MK: Bestimmt. Ich glaube, dass sich das Schweizer Kino ein Stück weit neu erfinden muss. Oder eine neue Tradition schaffen sollte. Es würde mich freuen, wenn unser Film als ein Schritt in diese Richtung aufgefasst würde. Wir haben jetzt einfach mal behauptet, dass es diese Wolke gibt. Vielleicht mag das andere Filmschaffende bei künftige Projekten animieren, etwas zu wagen, wenn sie sehen, dass unser Film trotz oder gerade wegen dieser Wolke funktioniert hat. Es ist wichtig, solche Räume aufzustossen.

RW: Bei «Heimatland» haben Westschweizer und Deutschschweizer Filmer und Filmerinnen mitgewirkt. Wie sind die beiden Mentalitäten miteinander zurechtgekommen?

MK: Es gab schon auch Glaubenskämpfe. Zum Beispiel darüber, wie viel Fiktion es sein darf. Auch bei der Frage: Wie publikumswirksam machen wir das, oder wie künstlerisch wertvoll? Die Romands waren eher der Meinung, dass auch eine Länge von dreieinhalb Stunden in Ordnung wäre. Die Deutschschweizer dagegen wollten, dass der Film auch für das breite Kinopublikum funktioniert, weil er dann mehr Menschen zu erreichen vermag.

PH: Das klingt nach freundschaftlichem Ringen um die gute Lösung? Ist es nicht auch der Brei, in dem zu viele Köche rühren?

MK: Wir mussten uns als Kollektiv zwangsläufig an eine Gesprächskultur gewöhnen, wo man auch mit unfertigen oder auch schlechten Ideen auf andere zugeht. Wir haben den Dialog geführt und nicht vermieden. Diese Arbeit im grossen Kollektiv ist alleine deshalb ein grosser Gewinn – hoffentlich auch in Bezug auf weitere Projekte.

RW: Erzähl uns ein bisschen vom Schnittprozess. Da kamen ja die Resultate der zehn Drehs zusammen und mussten erst noch ein Film werden. Was war in diesem Prozess das Spannendste?

MK: Alles! Im Drehbuch waren die Episoden zwar schon miteinander verflochten, aber die Arbeit begann erst, als wir von allen Regisseuren und Regisseurinnen einen Rohschnitt hatten. Der ganze Schnitt dauerte fünfeinhalb Monate. Es war ein harter Weg, auf dem vieles zuerst überhaupt nicht klar war: Wie beginnt dieser Film überhaupt zu funktionieren? Wie erreicht man über den Schnitt, dass sich die Geschichten gegenseitig einen Resonanzboden geben? Oder sich widersprechen? Wie stark führt man die Episoden in einem Sog zusammen oder eben nicht? Bleibt man beispielsweise drei Minuten zu lang in einer Episode drin, kommt man gar nicht mehr raus, weil das Publikum sonst enttäuscht ist, wenn plötzlich ein Blickwechsel stattfindet. Vieles wurde weggelassen. Der erste Rohschnitt des Gesamtfilms war dreieinhalb Stunden lang.

 

3. Ein Land ohne Helden

RW: «Heimatland» versucht, auch die Perspektiven von Einwanderinnen oder Secondos einzunehmen. Etwa diejenige des Taxifahrers mit Migrationshintergrund aus dem Balkan. Wie lange muss man in der Familie des Taxifahrers gelebt haben, um diese Episode schreiben zu können?

MK: Das ist sehr unterschiedlich, hier gibt es kein Dogma und das ist auch gut so. Ich habe mal von einer Diskussion zwischen Frisch und Dürrenmatt gelesen: Frisch war ständig unterwegs und schrieb über Dinge, die er erlebte, Dürrenmatt sass zuhause hoch über dem Neuenburgersee und schrieb im stillen Kämmerchen. Irgendwann überzeugte Frisch Dürrenmatt, nach New York mitzukommen. Dürrenmatt sagte danach, es sei die schlimmste Erfahrung seines Lebens gewesen. Er hätte zwei Monate lang kein Wort geschrieben. Man kann sich vorstellen, dass es in einem Kollektiv von zehn Filmemacherinnen und -machern beide Herangehensweisen gibt.

RW: Um diesen Faden aufzunehmen: Max Frisch schrieb noch einen «Wilhelm Tell für die Schule». Ihr überlässt Identifikationsfiguren wie Wilhelm Tell dem politischen Gegner.

MK: Es ist richtig: Die Schweizer Helden und Mythen wurden von der Rechten vereinnahmt. Ich glaube nicht, dass jemand von uns mit gutem Gewissen einen modernen Wilhelm Tell hätte schreiben können.

PH: Also müsst ihr Anti-Helden bringen?

MK: Den Helden können wir sowieso vergessen. Das sehen wir auch im Kino: Es gibt kaum noch einen Superhelden-Film, in dem der Protagonist nicht total gebrochen ist und damit hadert, ein Held zu sein. Das Konzept Held ist offensichtlich nicht mehr zeitgemäss. Gleichzeitig sehnen wir uns nach etwas, woran man sich halten kann.

PH: Wie meinst du das?

Wir haben während der Produktion von «Heimatland» viel darüber diskutiert: Was ist mit Utopien geworden, auch politischen Utopien? Unserer Generation stehen keine Utopien mehr zur Verfügung. Kommunismus? Vielleicht eine gute Idee, hat aber offensichtlich schlecht funktioniert. Nehmen wir das Beispiel EU: Es hat angefangen als Wirtschaftskonstrukt, was heute fehlt, ist eine Ideologie im positiven Sinn des Wortes. Das Sich-Identifizieren-Können mit einem Kontinent könnte eine sehr positive Kraft haben. Dann weiss man, wofür man streitet. Bei der EU hingegen hat man den Eindruck, dass der Streit nicht weiterführt.

RW: Haben Tsipras und Varoufakis nicht das Zeug zum Helden?

MK: Jedenfalls sind sie keine Identifikationsfiguren, die geeignet sind, um die EU zu einen. Sie sind höchstens Helden für ein einzelnes Volk, indem sie Gegensteuer geben gegen etwas, womit sich die Menschen eben nicht identifizieren können. Generell aber ist es ein Problem der Linken, in Europa wie in der Schweiz, dass sie oft so wirken, als existiere gar keine Gegenidee zum Status quo.

RW: Welche Gegenidee genau meint «Heimatland»: Jene, die versucht, die Rechte zu minorisieren und die Offenheit des Landes propagiert? Oder jene, die sagt: In meiner Schweiz ist man verschieden, man erträgt die Gegensätze und man hört einander zu?

MK: Ich glaube nicht, dass man die beiden Ideen trennen kann oder muss. Am Schluss des Filmes sehen wir diese riesige Staumauer inmitten der Felsenwelt, da schwingt für mich eine Form von Utopie oder Hoffnung mit. Die Mauer ist offensichtlich menschengemacht – sie muss da nicht stehen. Alles, was nicht da stehen muss, kann man wegmachen.

Quellen zum Text:

Michael Krummenacher ist Filmemacher. Zusammen mit Jan Gassmann war er die treibende Kraft hinter «Heimatland», einer aus zehn Episoden von zehn Autorinnen und Autoren verwobenen filmischen Parabel, die im August am Filmfestival Locarno ihre Welturaufführung erlebte und die im November in die Schweizer Kinos kommt.

Der Balken in meinem Auge ist seit Juli 2015 eine mit Coucou geteilte Rubrik.. Die darin erscheinenden Interviews beleuchten die Kultur, ihre Praxen und Politiken als Frage der Multiperspektivität. Das Interview mit Michael Krummenacher wurde von Pierre Hagmann und Ruedi Widmer am 6. August 2015 in Locarno geführt. Es erschien in der Coucou-Oktobernummer 2015.