Gestrandet — 3013 Bern

von Ava Slappnig Ava Slappnig, *1995, studiert Germanistik und Geschlechterforschung und grübelt dann und wann Worte aus ihren Gedanken gepostet am 27. Januar 2019

DOGZ RUM 031 SPACE BLACKY FLIP THE SCRIPT DOGS 404 schleudert die Fassade unseres Blocks den Passanten entgegen. Schwarz auf Beige, in Grünrot und seit neustem auch in Silber, ab und zu in 3D, wenn sich ein Sprayer die Zeit genommen und die Mühe gemacht hat. Zwischen den blauen Abfallsäcken liegt ein schwarzer, Elio hat’s immer noch nicht begriffen. Die Anzeiger legt man konsequent auf den Gemeinschaftsbriefkasten drauf, eine Art von Protest oder so. Der Blumenweg ist die Hinterseite der Brass, der Parkplatz des Carbonara, der direkteste Weg von der Bushaltestelle zum Denner, so gewöhnlich, dass man hier sein Fahrrad nicht abzuschliessen braucht. Ich wohne in der Nummer 5, einem 70er Jahre Bau: zentral, bezahlbar und unspektakulär.

Aus meinem WG- Zimmer blicke ich über den Blumenweg auf ein Mehrfamilienhaus, einige Jahre moderner als die Nummer 5 und weiss, mit Balkonen, Vorgärten, Holzzäunen. In einem der Gärten steht eine Rutschbahn aus billigem Plastik, ein Kind sah ich da noch nie, in einem anderen ein Biogas-Container. Obwohl die Aare in den letzten Tagen kühler wurde, hängen Badetücher über dem Balkongeländer der rechten Wohnung im ersten Stock. Ich kippe mein Fenster. Die Luft riecht schwach nach den trockenen Blättern auf dem Boden und der Seife aus einem der Badezimmerfenster. Es wird dunkel. Dann beginnen die Rituale.

Die Frau, die sich ihre Katze mit der Nachbarin teilt, beginnt zu pfeifen. Zwei Töne, sie will ins Bett, Trixi soll heimkommen. Es folgen vertraute Geräusche, die Haustür wird aufgeschlossen. Die Klingel läutet in einer anderen Wohnung, jemand rennt im Takt die Treppe runter. Das leise Klicken der Räder, wenn ein Fahrrad unter meinem Fenster vorbeigeschoben wird. Trixi ist anscheinend noch immer nicht da.

Unser Haus ist hellhörig; eine Tonleiter über mir, der Musikstudent ist letztens neu eingezogen. Irgendwo Klirren, Fluchen. Ein Staubsauger. Die Nachtruhe wird nicht respektiert, der Filter in der Waschmaschine nicht geputzt, das Kellerabteil nicht abgeschlossen: wir sind jung, wir sehen das alles nicht so eng, wir sind locker. Gesucht haben wir das hier nicht. Wir sind alle geblieben wegen der billigen Miete und der Nähe zur Stadt, wurden angeschwemmt und haben uns arrangiert. Wir wählen links und gehen an Demos, finden die Polizei scheisse und teilen das Bier auf dem Vorplatz. Die Montagabend-Konzerte im Garten der Brasserie wurden dann kürzlich aber doch gestrichen, man hat sich über den Lärm beklagt. Ein Anruf hat gereicht.

Trixi soll sich mal beeilen.

Am linken Ende des Blumenwegs ist die Hintertür und der Parkplatz des italienischen Restaurants. Die Tür steht offen und ich sehe von meinem Fenster aus in die hell erleuchtete Küche, ein Mitarbeiter hievt den Abfall von heute in den Container draussen neben der Tür. Der Deckel knallt zu. Er bleibt stehen, die Zigi glimmt. Die Tür von nebenan öffnet sich. Die Nachbarin stolpert heraus, gross, mager, etwas wirr. Ihre grauen Haare kämmt sie nicht, die reichen ihr bis über den Hintern. Der Lippenstift ist verschmiert, ihre exzentrischen Kleider laut ihr ein Statement, wofür auch immer. Sie bleibt stehen, fixiert einen Punkt auf dem Boden und zischt ihn an, verwirft ihre Arme und stampft. „Irgendetwas mit Drogen“, erklärte mir vor einiger Zeit Trixis Besitzerin. Deshalb solle Trixi auch bei ihr schlafen und nicht bei der Nachbarin. „Die sperrt die Katze tagelang ein“.

Mein Smartphone leuchtet auf, Luca schreibt in den Haus-Chat: „hei het villech öper ä tubä zahnpastä zviu (zwei Emojis)? Chasä de morn zrüg gäh ... (Emoji)“. Mila tippt. Ich grinse, lege das Handy weg und schaue wieder aus dem Fenster. Die dürre Nachbarin ist verschwunden, die Zigarette wohl schon länger fertiggeraucht. Irgendwo beginnt ein Bett rhythmisch zu ruckeln.

Eine Wohnungstür öffnet sich in einem oberen Stock, Schritte im Treppenhaus. Langsam und leise. Kurz danach öffnet sich die Haustüre und schlägt nicht zu, wird abgebremst und behutsam geschlossen. Die Person überquert die Strasse, die Kapuze hochgeschlagen, ich erkenne sie nicht, sie trägt etwas. Beim Holzzaun stoppt sie, klettert umständlich hinüber. Ich lehne mich etwas vor. Die Gestalt öffnet den Biogas-Container und schüttet etwas hinein, klettert zurück, den leeren Komposteimer am Arm baumelnd. Die Haustüre wird aufgeschlossen, jemand rennt die Treppe hoch, mehrere Stufen auf einmal. Ich höre eine Wohnungstür zuschlagen.

Trixi scheint entweder verloren gegangen oder Zuhause, das Pfeifen hat gestoppt, für den Moment ist alles ruhig.

Vermutlich wird um 3.00 Uhr dieser Mann unten vorbeischlurfen, lautstark seinen Schleim hervorwürgen und vor die Tür spucken, eventuell wird der Typ aus dem dritten Stock bei sämtlichen Wohnungen sturmklingeln, weil sein Mitbewohner ihn nicht mehr reinlässt, und mit Sicherheit werden mich die Hühner im Gehege neben dem Garten der Brasserie mit ihrem Gegacker wecken.

Aber für den Moment ist alles ruhig.

Der Text entstand 2018 im Workshop Nr. 6 mit Reportagen.