Einheit der Unterschiede

von Olivier Christe Olivier Christe, *1986, ist Kulturbeobachter und Absolvent des Master Kulturpublizistik. gepostet am 24. Juli 2016

In Genf treffen sich nicht nur internationale Diplomaten, Händler und Aussteller, sondern seit rund 100 Jahren auch Sepharden und Aschkenasen. Das Aufeinandertreffen ist in dieser Grössenordnung für die Schweiz einzigartig und führt Lebenswelten zusammen, die sich über viele Jahrhunderte getrennt entwickelt haben. In der Debatte, die dieses Zusammenleben in Genf ausgelöst hat, ging es aber schon bald um weit mehr als unterschiedliche Herkunft und Geschichte. Sie hat hier die Diskussion um Reformen des Judentums mächtig angekurbelt, was schliesslich zu einer starken Diversifizierung der jüdischen Gemeinde ab den 1970er Jahren geführt hat, welche bis heute anhält.

Die Geschichte der Genfer Juden

Jean Plançon lebt ausserhalb von Genf im Dorf Veyrier. Es liegt an der französischen Grenze, und der jüdische Friedhof, dessen Wärter Plançon ist, genau auf der Grenze. Zusätzlich zur Wärterwohnung belegt er im Friedhofsbau ein Arbeitszimmer. Schreibtisch und Regale sind mit einem tropisch roten Kunststofffurnier überzogen. Die Bücher, oft prunkvolle Akademieausgaben mit Goldschrift und beidseitig von mächtigen Nachbarn bedrängt, stehen über viele Regalmeter. In diesem Zimmer unternimmt Plançon seine Ausflüge in die Vergangenheit, in die jüdische Geschichte von Genf. Drei Bände soll die «Histoire de la Communauté juive de Carouge et de Genève» umfassen. Zwei davon, zeitlich bis ins Jahr 1946, sind bisher erschienen. Es ist eine der umfangreichsten und präzisesten Arbeiten über eine jüdische Gemeinschaft in der Schweiz.

Genf ist insofern ein schweizerischer Sonderfall, als die Mehrheit der dortigen Juden sephardischer Herkunft sind. Doch das war nicht immer so. Der König von Sardinien träumte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts davon, in seiner kleinen Exklave am Westende des Genfersees eine bedeutende Stadt zu errichten. Das kleine Carouge sollte eine ähnliche Bedeutung wie das grosse Genf erreichen. Die nötigen Einwohner suchte er in allen Schichten und Regionen, so auch bei den Juden. Er erlaubte ihnen, sich anzusiedeln, was zu dieser Zeit eine europäische Ausnahme war. Vor allem elsässische Juden zogen in den heutigen Genfer Vorort Carouge und bildeten eine aktive aschkenasische Gemeinde.

Die zunehmende Emanzipierung bis zur Teilrevision der Bundesverfassung 1866, die den Juden in der Schweiz Niederlassungsfreiheit und die volle Ausübung der Bürgerrechte gewährte, führte zum Wachstum und zur Ausdehnung der kleinen jüdischen Gemeinde. Viele Mitglieder verliessen Carouge in Richtung Genf und bauten dort 1859 eine der ersten Synagogen der Schweiz. Das Gotteshaus mit dem Namen Beth Yaakov lag damals wie heute im Zentrum der Stadt.

Plançon geniesst es, über die Vergangenheit zu sprechen. Doch je mehr die Gegenwart in seine Erzählungen einfliesst, desto knapper werden diese. «Als Historiker bearbeite ich Vergangenheit. Gelegentlich Themen, die polarisieren. Aber viel Zeit ist seither verstrichen. Die Gegenwart ist heikler. Darüber sprechen schwieriger.» Plançon meint den zeitlichen Abstand zu Ereignissen, die über die Jahrzehnte an Sprengkraft verlieren. Doch er spricht gleichzeitig auch die Diversifizierung des Genfer Judentums an, die seit den 1970er Jahren stattfindet. Rote Köpfe und neue Synagogen waren die Folge.

Sinnbildlich für die Diversifizierung ist die Synagoge Beth Yaakov. «Heute», so Plançon, «steht diese vor allem leer.» Und in der Tat macht der gesamte Place de la Synagogue, auf dem die Synagoge steht, einen verwaisten Eindruck inmitten des umtriebigen Genfer Stadtzentrums. Eine Insel der Ruhe, könnte man sagen. «Aber die Ruhe», so Plançon, «ist vor allem Verlassenheit.» Betrieben wird Beth Yaakov von der Communauté israélite de Genève (CIG), einst einzige und heute grösste jüdische Gemeinde der Stadt, die eine traditionelle oder orthodoxe Glaubensauffassung vertritt. Zur Erklärung der Verlassenheit nimmt ihr Oberrabbiner, Izhak Dayan, das Bild der Insel auf. Er erzählt die Geschichte vom einsamen Juden auf ihr, der zwei Synagogen baut. Eine, in die er geht und eine, der er fern bleibt. Sieben neue Synagogen oder Betsäle haben Beth Yaakov weitestgehend ersetzt. Die meisten davon wurden in den letzten 50 Jahren errichtet, darunter Hekhal Haness mit 1200 Plätzen.

In Genf leben rund 4500 Juden. Nach Zürich zwar am zweitmeisten in der Schweiz, doch die Zahl bleibt bescheiden. Was geschieht, wenn die gemeinsame Identität im Zuge dieser Diversifizierung in Frage gestellt wird?

Erste sephardische Migration

Die Gemeindemitglieder der kleinen aschkenasischen Gemeinde haben ihre Synagoge Beth Yaakov kaum fertiggestellt, als Ereignisse im fernen Andrinopel, dem heutigen Edirne an der türkisch-griechischen Grenze, bald zu vielen neuen Gesichtern im Gotteshaus führten. Eines davon gehörte Henri de Tolédo. Er emigrierte gemeinsam mit seinen drei Brüdern Anfang des letzten Jahrhunderts nach Genf, wo sie erste Apotheken gründeten. Seine Enkelin Anne-Audard de Tolédo, ebenfalls Pharmazeutin im heute bedeutenden Familienunternehmen Pharmacie Principale, beginnt ihre Erzählung, wie Plançon, weit in der Vergangenheit. Genauer am Ursprung ihres Namens im spanischen Toledo. Es ist das Jahr 1492, die katholischen Spanier haben mit Granada das letzte muslimische Emirat zurückerobert und damit Spanien unter dem Kreuz vereint. Religiöse Minderheiten sind gezwungen, das Land zu verlassen, und so reisen Anne-Audard de Tolédos Vorfahren auf Einladung des osmanischen Sultans Bajazet II. nach Andrinopel. 400 Jahre später will der kranke Mann am Bosporus jedoch nichts mehr von seiner jugendlichen Toleranz wissen. Antisemitismus macht sich breit, und die de Tolédos, damals noch ohne aigu auf dem e, wandern aus. Durch das Engagement der Académie israélite universelle, 1860 in Paris mit dem Ziel der Förderung mediterraner Juden gegründet, waren Frankreich und der frankophone Sprachraum bedeutendstes Auswanderungsziel. Es war die erste Einwanderungswelle sephardischer Juden in Genf, wo diese auf eine aschkenasische Gemeinde trafen. «Trotz seiner sephardischen Herkunft ging mein Grossvater in dieser aschkenasischen Welt auf», erzählt Anne-Audard. Er heiratete eine elsässische Aschkenasin, und so hörte Anne-Audard in ihrer Genfer Kindheit nicht Ladino, sondern Jiddisch. «Ich fühlte mich zu 100 Prozent als Aschkenasin und wurde oft darauf hingewiesen, dass das mit meinem Namen doch nicht möglich sei.»

Die Wiederbelebung der Sepharden und der liberale Gedanke in Genf
Dies änderte sich erst ab den 1960er Jahren mit «der Wiederbelebung der Sepharden in Genf», wie de Tolédo sagt. Die osmanischen Ereignisse schienen sich zu wiederholen. Erneut gingen die Unabhängigkeitsbewegungen im Maghreb mit religiöser Intoleranz einher, was die Emigration von vielen hundertausend Juden verursachte. Und erneut war Frankreich und damit auch Genf ein beliebtes Auswanderungsziel.

Diese Einwanderung verdoppelte die jüdische Bevölkerung von Genf in kürzester Zeit und stellte Anne-Audard de Tolédo vor viele Fragen. Einerseits löste es ein Hinterfragen ihrer jüdischen Herkunft, sephardisch oder aschkenasisch, aus. Diese Frage wurde aber bald mit dem überlagert, was sie, bis dahin Mitglied der CIG, beim Besuch einer liberalen Bar Mizwa in den USA erlebte: «Ich habe sofort gespürt, dass das meiner Vision des Judentums entsprach. Etwas, das ich in meiner ursprünglichen Gemeinde nur selten fand.»

Die sephardischen Juden aus Nordafrika, auch wenn sie aus unterschiedlichen Gegenden und Kulturen kamen, pflegten eine insgesamt traditionellere Auslegung des jüdischen Glaubens als die meisten Genfer Juden bis dahin. Dies führte zu Spannungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft und zu zwei wegweisenden Ereignissen in den frühen 1970er Jahren, die direkt oder indirekt damit verbunden waren: Einerseits gründeten 1970 eine Handvoll Genfer Juden, mehrheitlich angelsächsische Aschkenasen, die Communauté Juive Libérale de Genève (GIL) mit François Garaï als Rabbiner. Andererseits baute die CIG 1972 mit Hekhal Haness eine neue Synagoge, die 1200 Leuten Platz bot und grösstenteils mit Geldern des einflussreichen Financiers Nessim Gaon finanziert wurde. Dieser ist, wie die Mehrheit der Gemeindemitglieder, Sepharde nordafrikanischer Herkunft. Es waren zwei klare Bekenntnisse zu religiöser Eigenständigkeit und damit der Startschuss zur Diversifizierung des Genfer Judentums.

Nach ihrer Rückkehr aus den USA trat Anne-Audard de Tolédo der GIL bei und wurde später ihre Präsidentin. «Die GIL gab mir die Möglichkeit, mein Judentum vollauf zu leben.» Die Gemeinde wuchs stark und zählt heute rund 1500 Mitglieder. Diese starke Zunahme führte schliesslich 2010 zum Bau eines neuen Gemeindezentrums mit einer eigenen Synagoge. Garaï, noch immer Rabbiner der GIL, öffnet diese mit den Worten: «Jeder kann sich hinsetzen, wo er will. Oben oder unten.» Er meint damit die Gleichstellung von Frau und Mann und betont, dass solche Ansichten heute viel entscheidender sind als die Kategorien der Sepharden oder Aschkenasen. Diese spielen in seiner Gemeinde kaum noch eine Rolle.

Dies bestätigt auch Izhak Dayan, Oberrabbiner der CIG, in seinem Büro im neu erbauten Gemeindezentrum: «Warum von Aschkenasen und Sepharden sprechen?», fragt er versöhnlich, wechselt jedoch sogleich in einen dezidierten Tonfall, als er kurz darauf zu möglichen Kompromissen mit der GIL spricht. «In einigen Punkten können wir zusammenarbeiten, so etwa in der Sicherheit. Wenn es um den Glauben geht, sind aber keine Kompromisse möglich.»

Das Aufeinandertreffen von Sepharden und Aschkenasen hat in Genf also nicht dazu geführt, dass diese unterschiedlichen Prägungen des Judentums gegeneinander abgewogen worden wären. Wie Plançon sagt, spielt diese Zugehörigkeit heute etwa bei jüdischen Hochzeiten in Genf kaum eine Rolle und auch der Gebrauch des Arabischen, der vor allem unter der Einwanderergeneration aus Nordafrika noch häufig ist, dient in keiner Weise einer Abgrenzung. «Dies beweist die Tatsache, dass das Arabische kaum an die zweite und dritte Generationen weitergegeben wird. Heute wird unter jungen Juden in Genf fast ausschliesslich Englisch, Französisch oder Hebräisch gesprochen.» Trotz dieser Annäherung wird die parallele Existenz, so zum Beispiel in Form unterschiedlicher Gottesdienste, nicht in Frage gestellt.

Es geht bei der Diversifizierung, wie Dayan mit seiner Aussage zur Unmöglichkeit von Kompromissen bei Glaubensfragen zum Ausdruck bringt, vielmehr um die Reformdebatte im Judentum. Um die Zeitlosigkeit von Moses’ Worten oder deren progressive Anpassung. Um traditionell oder liberal. Eine Entwicklung, die Plançon als bedeutendste Reformation des jüdischen Glaubens seit der Abspaltung der Christen bezeichnet und die ein globaler Prozess ist. Dieser wurde in Genf durch das Aufeinandertreffen von meist streng traditionellen Sepharden aus Nordafrika und einer gemässigten Genfer Gemeinde, mehrheitlich Aschkenasen, ab den 1950 Jahren aber derart angekurbelt, dass die Situation mit keiner anderen Schweizer Gemeinde vergleichbar ist.

Eine Gemeinschaft der Unterschiede

Es entstanden immer mehr Synagogen, Gemeindezentren und Schulen. Heute gibt es in Genf alles in mehrfacher Ausführung und Zusammenarbeit findet kaum statt. «Nicht möglich», sagt Dayan, «Geldverschwendung» hingegen Isaac Benguigui, Mitglied der CIG und Universitätsprofessor. «Es ist wichtig, dass die Juden hier endlich wieder vereint sind. Diesbezüglich befinden wir uns an einem entscheidenden Punkt. Unterschiedliche Glaubensauffassungen dürfen da nicht im Weg stehen.» Die Einheit als Ziel hat auch Eric Ackermann, Rabbiner der CIG. Doch paradoxerweise spricht er sich dennoch für eine Diversifizierung aus: «Damit vor allem unsere Jungen im Denken autonom sein können, ist eine Vielzahl an Bildungsinstitutionen unerlässlich.» Er ist davon überzeugt, dass nicht das Verhindern von Pluralität zu einer Einheit führen kann, sondern diese, gerade weil alle unterschiedlich sind, in der Begegnung entsteht: «Es geht um eine Gemeinschaft der Unterschiede.»

Er beschreibt damit den Unterschied zwischen Assimilation und Integration. Während bei Ersterem Traditionen und Überzeugungen zugunsten anderer aufgegeben werden, existieren sie bei Zweiterem in enger Nachbarschaft parallel weiter. Eine Beschreibung, die auf die zweite sephardische Einwanderungswelle nordafrikanischer Juden in Genf zutrifft. Dass die Diversifizierung trotz dieser erfolgreichen Integration aber weitergeht, beweist, dass das Aufeinandertreffen von Sepharden und Aschkenasen nur Katalysator, nie aber Ursache der Diversifizierung der Genfer Juden war. Diese ist der Reformdebatte zuzuschreiben.

Quellen zum Text:

Erstveröffentlichung in der Zeitschrift "tachles" (22. Juli 2016)