Die Welt im Dorf. Interview mit Peter Villwock, Kustos des Nietzsche-Hauses in Sils Maria

von Der Balken in meinem Auge Die Gesprächsreihe "Der Balken in meinem Auge. Reflexivität als Ressource" wird von verschiedenen Mitgliedern der Zollfreilager-Redaktion bespielt. gepostet am 28. August 2017
  1. Ein Ort der Inspiration

Damian Christinger: Peter Villwock, wir sitzen hier im Nietzsche-Haus in Sils Maria, dessen Kustos du bist. Wie kommt man zu so einem Job?

Peter Villwock: Zum ersten Mal war ich von 1989 bis 1991 hier als Student. Ich wollte meine Magisterarbeit schreiben, die war aber viel zu gross angelegt. Da meinte mein Doktorvater, dass ich das zu einer Dissertation ausbauen solle. Ich habe dem entgegnet, dass ich das nicht finanzieren könne – worauf er meinte, ich soll mich am nächsten Tag nochmals melden, er hätte da vielleicht eine Möglichkeit. Am nächsten Tag wurde mir dann die Stelle hier, ein 50-Prozent-Pensum mit Kost und Logis, angeboten. Das Nietzsche-Haus war ein Ort der Ruhe und Konzentration, an dem Doktoranden ein, zwei Jahre arbeiten konnten. Nach diesen zwei Jahren ging ich fort, reiste einmal um die halbe Welt. Allerdings liess mich das Nietzsche-Haus nie mehr so richtig los. Ich kam immer wieder hierher zurück. Später habe ich begonnen, in Berlin an einer wissenschaftlichen Edition der Notizbücher Brechts zu arbeiten. Der erste Band war fertig, die Weiterfinanzierung war allerdings nicht gesichert. Ich hab deshalb ein Jahr lang auf eigene Kosten weitergearbeitet, bis ich pleite war. Per Zufall wurde da diese Stelle des Kustos wieder frei. Eine Saison zuerst, dann eine zweite und als sich in Berlin immer noch nichts bewegte, schloss ich dann einen unbefristeten Vertrag mit dem Nietzsche-Haus ab. Ein halbes Jahr später kam dann doch noch die Zusage für Fördergelder und jetzt ist bereits der fünfte Band der Brecht-Edition erschienen, an der ich auch weiter arbeite.

DC: Im Nietzsche-Haus ist ja unglaublich viel Literatur entstanden...

PV: Gerhard Meier und Jürg Amann haben hier gearbeitet, Hugo Ramnek, Otto Jägersberg, Gertrud Leutenegger und viele andere, auch Musikerinnen und bildende Künstler waren im Haus in Sils, meistens sind sie jedoch, während sie hier arbeiten, noch nicht so bekannt. Diejenigen, die es weit gebracht haben, wohnen dann doch lieber im Waldhaus. Das Haus ist ja teilweise hellhörig, hat seinen eigenen Rhythmus und für kreative Menschen, die ihre individuelle Tagesstruktur haben, kann das schwierig sein. Viele, die hier arbeiten, sagen mir allerdings, dass sie sehr inspiriert sind, und ich kann das auch an mir selbst beobachten; ich arbeite hier auch besser als in Berlin.

DC: Der Ort Sils Maria, mit seinen Seen, den Bergen und den Himmeln, ist ja geradezu ein Wallfahrtsort für Künstlerinnen und Künstler. Gestern Morgen sass ich vor dem Nietzsche-Haus auf der Bank, rauchte eine Zigarette und beobachtete einen alten Mann mit einem in Packpapier eingeschlagenen Bild unter dem Arm, der an der Türe rüttelte. Als ich mich ihm näherte, um ihn zu fragen, ob ich irgendwie helfen könne, und mir schon eine Ausrede überlegte, warum ich ihn nicht reinlassen kann, erkannte ich Gerhard Richter...

PV: Die frühen Besucherinnen und Besucher kamen oft auf den Spuren Nietzsches, der Sils für Europa entdeckt hat. Später kamen dann viele, weil es sich herumsprach, dass dies ein inspirierender Ort ist.

DC: Kam Nietzsche nach Sils, weil ihm St. Moritz zu menschenreich wurde?

PV: Ja, zuerst war er einen Sommer in St. Moritz, dann suchte er aber die Einsamkeit, die er in Sils fand. Es wusste ja auch niemand, wo er war, die Post wurde in Silvaplana gesammelt, wo er sie abholte. Er wohnte in diesem Haus, etwas abseits des Dorfzentrums, in einem Zimmer, das nach hinten gelegen war. Viel weiter weg von allem und doch in einem geistigen und symbolischen Zentrum der Welt zu sein, geht eigentlich nicht.

 

  1. Die Berge als Doppelgänger

DC: Inwiefern war er in einem Zentrum?

PV: Nietzsche hat die Orte, die er mochte, mit Sinn geladen. Die Hafenstadt Genua zum Beispiel bedeutete für ihn Aufbruch, er sah sich dort als neuen Kolumbus und Entdecker, allerdings nicht von neuen Kontinenten oder Erdteilen, sondern von neuen Meeren und Ideen. Sils Maria und die Passlandschaft hier auf dem Dach Europas waren für ihn der Ort, an dem das Germanische und das Romanische zusammentreffen, gleichzeitig gehen die drei Flüsse der Gegend in Richtung Nordsee, Schwarzes Meer und Mittelmeer. Es ist ein sehr europäischer Ort – das hat Nietzsche gewusst und geschätzt.

DC: Er ist hier, wie man weiss, viel spazieren gegangen; war er auch auf den Bergen?

PV: Das glaube ich nicht. Nietzsche war tatsächlich ein ambulanter Denker, das heisst, er hat während des Gehens das, was er schreiben wollte, konzipiert und in Notizbüchern skizziert. Beim See von Silvaplana kam ihm ja auch jene Idee, die für die Entstehung von «Also sprach Zarathustra» zentral war, «die ewige Wiederkunft des Gleichen». In seinem Gedicht «Sils Maria» spiegelt sich all dies (spricht das Gedicht):

 

«Hier sass ich, wartend, wartend, — doch auf Nichts,

Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts

Geniessend, bald des Schattens, ganz nur Spiel,

Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel.

 

Da, plötzlich, Freundin! wurde Eins zu Zwei —

Und Zarathustra ging an mir vorbei ...»

Luft, Licht, Berge und Wälder hier halfen ihm beim Denken während des Gehens. Er empfand die Landschaft hier als seinen Doppelgänger, als «mehr als blutsverwandt», wie er schrieb. Ich glaube allerdings nicht, dass er aufstieg. Erstens war der Alpinismus erst gerade am Entstehen und zweitens war Nietzsche sehr kurzsichtig, manchmal fast blind. Das Bergsteigen wäre geradezu gefährlich gewesen. Ihm ging es nicht um touristische Eindrücke oder Bergsteigerglück, ihm ging es ums Sich-Gehen-Lassen, um Denken zu können. Er folgte altbekannten Pfaden und den einfachen, gebahnten Wegen im Tal, immer wieder den gleichen.

 

  1. Silberne Fische

DC: Ich sitze hier jeden Morgen auf der Bank und schau auf den Berg, der vor uns aufragt. Es ist immer der gleiche Berg, und doch sieht er jeden Tag anders aus. Heute war er plötzlich verschwunden, eingehüllt von einer Wolke.

PV: Das Wetter und die Berge waren für Nietzsche wichtige Referenzpunkte. Er nannte die Gegend hier die Heimat aller silbernen Farbtöne der Natur. Die Landschaft kann hier fast verschwinden, Nebel und Wolken lassen die Konturen schmelzen, an anderen Tagen ist alles strahlend klar, messerscharf treten die Linien zu Tage. Diese Gegensätze sind auch für das Verständnis von Nietzsches relationaler Philosophie wichtig.

DC: Was heisst relational?

PV: Dass bei Nietzsche Gegensätze aufeinanderprallen und Funken schlagen. Er denkt und fühlt in Ambivalenzen, er stellt Gedanken nebeneinander, die «eigentlich» nicht zusammen gehen, aber ausgehalten werden müssen in ihrem Widerspruch. Fruchtbar waren für Nietzsche immer nur Spannungen – und der Wechsel von Spannung und Entspannung.

DC: Die Rezeptionsgeschichte Nietzsches ist auch voller Widersprüche. Für die einen ist er ein Nazi, für die anderen ein Mitbegründer der Moderne, ein Avantgardist des 19. Jahrhunderts. Wer oder was ist er für dich?

PV: Sicher kein Nationalsozialist, dafür war er viel zu antinationalistisch, antisozialistisch und elitär. Für mich ist er immer faszinierend, immer eine Herausforderung – ein künstlerischer Denker. Ich schätze vor allem auch seine Lyrik, sein Sprachgefühl. Das letzte Gedicht zum Beispiel, das er in Turin schrieb, ehe es in seinem Kopf Nacht wurde – im 3. Teil des Gedichts wird hier eigentlich alles zusammengefasst, über das wir sprachen (zitiert aus dem Gedicht):

«Heiterkeit, güldene, komm!  

du des Todes heimlichster süssester Vorgenuss!

Lief ich zu rasch meines Wegs?

Jetzt erst, wo der Fuss müde ward,  

holt dein Blick mich noch ein,  

holt dein Glück mich noch ein. 

Rings nur Welle und Spiel.  

Was je schwer war, sank in blaue Vergessenheit,

müssig steht nun mein Kahn.

Sturm und Fahrt – wie verlernt er das!  

Wunsch und Hoffnung ertrank,  

glatt liegt Seele und Meer. 

Siebente Einsamkeit!  

Nie empfand ich näher mir süsse Sicherheit,

wärmer der Sonne Blick.

Glüht nicht das Eis meiner Gipfel noch?  

Silbern, leicht, ein Fisch  

schwimmt nun mein Nachen hinaus ...»

 

Peter Villwock ist Germanist und Kustos des Nietzsche-Hauses in Sils Maria. Er ist der Herausgeber der Historisch-Kritischen Edition der Notizbücher Bertolt Brechts und Privatdozent an der Universität Zürich.

Der Balken in meinem Auge ist eine geteilte Rubrik von Coucou und ZollfreilagerZollfreilager, ein Internetmagazin der Plattform Kulturpublizistik der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), ist seit dem 7. Juli 2014 öffentlich. Zollfreilager wirft in journalistischen, reflektierenden und künstlerisch-experimentellen Formaten Schlaglichter auf Phänomene rundum Kultur, Kunst und Migration. Zu den Beitragenden gehören Studierende und Dozierende des Master Kulturpublizistik der ZHdK sowie ein Netz von Korrespondentinnen, Mittätern und Komplizinnen aus allen Kontinenten und Disziplinen.. Die darin erscheinenden Interviews beleuchten die Kultur, ihre Praxen und Politiken als Frage der Multiperspektivität. Das Interview mit Peter Villwock wurde von Damian Christinger am 5. August im Nietzsche-Haus in Sils Maria geführt.