Turmbau zu Babel

Grössenwahn und Sprachverwirrung, Künstler*innen und Welterklärungen: der Turmbau zu Babel und das Zürcher Theater Spektakel? Zum zweiten Mal begleitet Zollfreilager das Festival mit einer Spezialausgabe, die sich kritisch mit Fragen des Aufführens, Vorführens und der Bürgerschaft in einer globalen Welt auseinandersetzt. Studierende und Dozierende des Masterstudiengangs Kulturpublizistik, Stimmen aus der Theaterwissenschaft und der politischen und ästhetischen Theorie werden das Festival um einen Diskursraum aus Interviews, Reportagen, Frühkritiken und Essays erweitern. In tragenden Rollen bei der Konzeption, Reflexion und Realisierung beteiligt: Valérie Hug, Eva Mackensen, Annatina Nay, Joana Schertenleib, Eva Vögtli, Deborah von Wartburg und Ruedi Widmer.

Grössenwahn und Sprachverwirrung, Künstler*innen und Welterklärungen: der Turmbau zu Babel und das Zürcher Theater Spektakel? Zum zweiten Mal begleitet Zollfreilager das Festival mit einer Spezialausgabe, die sich kritisch mit Fragen des Aufführens, Vorführens und der Bürgerschaft in einer globalen Welt auseinandersetzt. Studierende und Dozierende des Masterstudiengangs Kulturpublizistik, Stimmen aus der Theaterwissenschaft und der politischen und ästhetischen Theorie werden das Festival um einen Diskursraum aus Interviews, Reportagen, Frühkritiken und Essays erweitern. In tragenden Rollen bei der Konzeption, Reflexion und Realisierung beteiligt: Valérie Hug, Eva Mackensen, Annatina Nay, Joana Schertenleib, Eva Vögtli, Deborah von Wartburg und Ruedi Widmer.

Turmbau

Katastrophe

Nichtverstehen

Dazwischen / Denteren

von Annatina Nay Annatina Nay ist Visuelle Gestalterin und studiert im MA Kulturpublizistik. gepostet am 06. August 2019

Heimat ist kein bestimmter Ort. Ist Heimat ein Gefühl? Herkunft ist gegeben – für das Zuhause entscheidet man sich. Zwischen Herkommen und (nie) Ankommen ist die Suche, das Wandern, der Weg.

Dazwischen

Ich ging fort. Es war kein bewusster Entscheid. Ich wollte niemanden verlassen. Es war ein Gehenwollen, kein Gehenmüssen. Nur im Unbekannten konnte etwas Neues entstehen. Ich bemerkte, dass die Welt nicht nur aus Bergen und Tälern bestand, sondern auch aus weiten, breiten Flächen. Das Andere musste nicht fremd bleiben.

Vor hundertelf Jahren konntest du in Paris und London wohl die gleichen Sternenbilder sehen wie ich hier heute. Während ich die längst vergangenen Lichter betrachte, frage ich mich, ob die Sterne damals etwas heller schienen? In Zürich scheinen mir die Gestirne am Himmel oft weit entfernt.

Auswandern? Am liebsten auf dem Seeweg. Das Schiff auf tiefster See hin- und herschaukelnd. Innere Ruhe und äusseres Chaos. Zwischen Da und Dort Es gibt es nur den einen engen einen Luftraum als Ort zwischen zwei sich gegenüberstehenden Fronten. Die Luft bin ich. Ein Leben zwischen zwei eng nebeneinanderliegenden Welten – ich dazwischen. Darüber ein Dach. Ist das ein Ort?

Farben und Klänge vermischen sich. Schallendes Hellgrün, plätscherndes Himmelblau. Ich steige auf einen Berg. Gegenwind. Über mir Himmel, unter mir Welt. Mit Abstand ist alles fern. Ich versuche meine Gedanken zu ordnen und denke an deine Gedichte. Im Tal wurde es in den letzten Jahren viel zu still.

Laute verbinden sich zu Wörtern. Diese werden zu sinnvollen Sätzen. Die einengenden, hohen Berge lösen sich zu einem Meer aus Bergen auf. Menschen schwimmen in einem Meer aus Sprachen. Perspektivenwechsel. Das Schauen wird zum Sehen. Ich beginne mich langsam zu erinnern – an das, was war und an das, was nicht mehr war, als ich wieder da war. Und an das, was nie mehr sein wird. Ich habe Angst zu vergessen.

Sich in Welten bewegen – zwischen Heimat und Zuhause. Zu oft bin ich zurückgekehrt, um gleich wieder zu gehen. Zu oft bin ich gegangen, nur um wieder zurückkommen zu können. Wie kann man Wurzeln schlagen, wenn man stets in Bewegung ist? Verbundenheit und totale Auflösung.

Das Dazwischen wird zum Ort – unterwegs Zuhause zu einer neuen Lebensart. Ist Heimat nur ein Gefühl? Distanz bedeutet nicht immer weit weg. Nähe ist nicht immer gleich nah.

Ein Raum zwischen den Sprachen. Das Wort «encarschadetgna» kann man mit Wehmut, Sehnsucht oder Verlangen übersetzen. Doch keiner dieser Begriffe passt wirklich. Es ist mehr als ein Begriff, eher ein Gefühl. Ein ständiger Begleiter auf einer nicht enden wollenden Reise. Ich weiss nicht, ob ich jemals zurückkomme. Ich weiss nicht, ob ich es könnte.

 

Dentern

In di sun jeu ida, senza ch’ei fuss stau in bandunar. Ei era dapli in vuler ch’in stuer. In pass anavon – per saver entscheiver enzatgei niev. Jeu hai viu ch’il mund consista buca mo ord cuolms e vals, mobein ch’ei dat era planiras e plauns. Il nunenconuschent sto buca restar jasters.

Avon tschienedendisch onns has ti probablamein viu a Paris e Londra las medemas steilas sco jeu oz cheu. Contemplond las glischs daditg vargadas, sedamondel sche las steilas da lezzas uras eran lu forsa pli claras? Amiez il marcau da Turitg paran las steilas a mi savens aschi lontanas.

Sch’jeu emigrass per propi, vuless jeu emigrar cun in bastiment. Jeu s’imaginel ch’il bastiment ballontschass levamein vi e neu. Disuorden, scumbegls dess ei negins. Mo aria conservada denter duas preits. Quell’aria sun jeu. Denter dus munds. Jeu denteren. Sur mei in tetg. Ei quei in liug?

Las colurs e tuns semischeidan. Lev clar verd resuna, blau azur rampluna. Il vent buffa. Jeu muntel in cuolm. Sur mei tschiel, sut mei mund. Cun distanza para tut aschi lontan. Ordinar patratgs. Cun passar patratgel vid tias poesias che cuntegnan tonta encarschadetgna e dolur. Ella val eisi daventau ruasseivel els davos onns.

Tuns seligian tier plaids che seligian tier construcziuns. Las construcziuns fan tuttenina senn. Ed ils cuolms ch’ensiaran seslargian e daventan ina mar da pézza. Carstgauns senodan en ina mar da plaids. Midada da perspectiva. Il mirar daventa in veser. Jeu seregordel vid quei ch’ei stau e vid quei ch’era buca pli cura ch’jeu sun puspei turnada. E vid quei che vegn mai pli ad esser. Jeu hai tema d’emblidar.

Semuentar denter munds. Esser ni en in ni en tschei liug. Jeu sun gia turnada tontas gadas per gest puspei partir. Memia savens sun jeu ida, per lu turnar danovamein. Co tschaffar ragischs sch’ins ei traso en moviment? Colligiaziun sesligia.

Il denteren daventa liug. Esser en gir daventa dacasa. Ei patria in sentiment? Distant munta buca adina dalunsch. Datier ei buc adina damaneivel. Tuorbel.

Esser denter lungatgs. Jeu enconuschel l’encarschadetgna che ti descrivas. Igl ei il medem sentiment che accumpogna mei duront che jeu passel vinavon incuntin. Encarschadetgna ei dapli ch’ina noziun, plitost in sentiment. Jeu sai buca sch’jeu vi turnar. Jeu sai era buca sch’jeu savess.

 

Der vorliegende Text bezieht sich in acht Fragementen auf die acht Strophen des Gedichts «Agl Emigrant» des rätoromanischen Dichters Alfons Tuor.

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