Hochsitz

Auch am Rand ist das Zentrum

von Patrick Tschirky Patrick Tschirky ist Germanist und Historiker, arbeitet als Dozent am IAM Institut für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW und am Master Kulturpublizistik der Zürcher Hochschule der Künste. gepostet am 24. August 2020
  • Groovende Wortakrobatik im Sitzen: Michael Fehr und Jurczok 1001. Fotografie: Patrick Tschirky

Geplant für das KKL in Luzern, aufgeführt am Bullingerplatz: Die Wort- und Stimmkünstler Michael Fehr und Jurczok performen in der Peripherie und machen damit der Sparte «DeZentral» des Theaterspektakels alle Ehre. Anlass für eine Reflexion über das Dazugehören am Rand und das Konstruieren von Zentren.

Die Abendsonne findet den Weg durch die Wolken und taucht die (k)Ein-Festival-Stadt in leuchtendes Gold. Sie unterscheidet nicht zwischen Zentrum und Rand. Zu Fuss auf dem Weg in den Kreis 4, vorbei an der Josefswiese und über die Hardbrücke, sinniere ich über das Wort «DeZentral». Das Zentrum ist mit der Grossschreibung des Z auch visuell noch immer präsent. Und die Vorsilbe De- bestätigt es nochmals, selbst wenn sie anders fokussiert. Nicht die Landiwiese ist diesmal Aufführungsort, sondern diverse Locations in den Quartieren. Heute der Bullingerplatz, wie der Newsletter zum Pop-up-Programm am Nachmittag mitteilte. Der Rand wird zum Zentrum.

Der Brunnen plätschert, legt die akustische Grundspur, nicht nur für die Gespräche auf dem Platz, sondern auch für Jurczok und Michael Fehr. Die beiden Spoken-Word-Artisten legen los, grooven, spielen mit Sprache. Sie stellen Wörter und Sätze in den Raum, schichten sie übereinander und reichern sie mit Körper-Beats und Stimmgeräuschen an. Gehen von den Rändern, von der Peripherie der Songs Zeile für Zeile und Takt für Takt näher ans Zentrum, das sie repetierend und variierend umkreisen. Zeigen, wie es in der Performance konstruiert wird, und verlassen es wieder – unter Applaus.

Dieser Applaus kommt auch von hörbehinderten Zuschauerinnen und Zuhörern. Sie können die Performance mitgeniessen, weil zwei Gebärdensprachdolmetscherinnen übersetzen, was die Wort- und Stimmkakrobaten aufführen. Sie dolmetschen eben nicht nur die Texte, sondern auch die Musik, den Rhythmus, den Groove. Dabei werden sie selbst zu einem Teil der Aufführung, rücken ins Zentrum des Geschehens, nicht nur für die Hörbehinderten, sondern für das ganze Publikum.

Geplant war das Programm für eine Feier im Kulturtempel KKL, die Aufführung läuft nun aber als «deZentraler» Event auf dem Quartierplatz. Dieser Transfer passt zum Bullingerplatz und zu seinem Namensgeber. Der Reformator kritisierte das damalige Zentrum, formulierte anders und formierte neu, reformierte eben, was Glaube bedeuten und Kirche sein soll. Long time ago, ja. Aber die Wirkung blieb bekanntlich nicht aus: Zürich wurde zu einem Zentrum der Reformation. Und viel später erhielt Bullinger von der Stadt einen Platz – und der Platz seinen Namen.

Was aufpoppt und von Trendsettern auch als Pop-up geadelt wird, ist im Lifestyle-Zeitgeist angesagt, wandert und etabliert sich schnell. Das schlägt sich auch in der Sprache nieder: In der letzte Woche erschienenen 28. Auflage des Dudens finden sich zahlreiche Pop-up-Komposita. Mit dem «Pop-up-Programm im Quartier» macht auch das Theaterspektakel eifrig mit an der Begriffsbildung und -verbreitung. Pop-up wird zum Signum der Zeit, zu einem zentralen Erkennungszeichen der (Alltags- und Konsum-)Kultur. Damit hat es aber den ursprünglichen Pop-up-Charakter bereits verloren.

Auf dem Weg zurück über die Hardbrücke klingt eine Songzeile nach: «Du hesch mi la stah wie en Hund vor em Coop». Natürlich ist es ein Blues, Ausdrucksform der Marginalisierten, mit kratzend-rauchiger Stimme intoniert von Michael Fehr. Vom Ursprungsort und Zentrum des Blues, von den Baumwollfeldern in den Südstaaten der USA, ist er in die Blues-Peripherie gewandert. Auch in die Welt der helvetischen Grossverteiler mit ihren stehen gelassenen Hunden und anderen Verlierern. Als offenes Gefäss für Geschichten und als musikalische Rohform findet der Blues auch hier seine Sänger und sein Publikum.

Apropos «deZentral»: Läuft da gleichzeitig nicht noch Fussball? Der Champions-League-Final? Dieses Jahr eher ein Ereignis am Rand, zum Geisterspiel dezentriert von Corona.

JURCZOK 1001 & MICHAEL FEHR performten am Sonntag, 23. August, 20 Uhr, auf dem Bullingerplatz in Zürich.

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